Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 44 (26.10.1886)
- Date
- 1886-10-26
- Page
- Seite 697 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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697 es wissen, werden Sie verstehen, wie sehr ich enttäuscht und betrübt wurde, als ich sah, was Sie mit vielen Rumänen sich von meinen Glaubensgenossen der alten Provinzen Moldau und Wallachei denken. Sie schieben den Juden alle Schändlichkeiten unter, selbst die, die Ehre ihrer Frauen und Töchter zu verkaufen, obwohl die ganze Welt, selbst zur Zeit des düstersten Fanatismus, ihren patriarchalischen Tugenden Anerkennung gezollt hat. Und Sie glauben, die Inden besäßen alle Laster und nicht eine einzige Tugend! Ich kann in einem einfachen Dankbrief nicht eine gründliche Erörterung über einen so ernsten Gegenstand unternehmen. Ich werde mich darauf beschränken, Ihren Anklagen Thatsachen so klar wie der Tag entgegenzustellen. Es ist möglich, daß die Juden sich niedrig gezeigt haben überall dort, wo man sie erniedrigt hat. Aber in den Staaten, in denen die Gesellschaft sie in ihren Schoß ausgenommen oder man, gemäß den edlen Ausdrücken der Constituirenden Versammlung von 1789, ihnen die Menschen- und Bürgerrechte zuerkannt, hat ihnen nicht eine einzige moralische und patriotische Tugend gefehlt. In Frankreich, in England, in Holland, in Belgien, selbst in Deutschland, wo der Rassenhaß neuerdings entfesselt worden ist, finden Sie Juden in den Parlamenten, den Gerichtshöfen, den Universitäten, den Akademien, in den höchsten Graden der Armee, in den politischen und finanziellen Verwaltungen. In diesem Augenblick sitzt ein Jude im Oberhause Englands, ein andrer im conservativen Cabinete unter dem Vorsitz von Lord Salisbury. Vor einigen Jahren war ein Jude, David Salomon, Lord Mayor von London.*) Wissen Sie, daß es in der französischen Armee augenblicklich vier israelitische Generale im activem Dienst giebt? Gleichwohl zählt Frankreich auf eine Bevölkerung von nahezu 38 Millionen Seelen nur 70 bis 80,000 Juden. Sie beklagen sich über die Unredlichkeit der Juden. Eine große Zahl französischer Juden sind, im Besitze eines unantastbaren Namens, General-Schatzzahlmeister (trssorisrs-xmzrsnrs-gsnsranx), das ist dasselbe wie Präfecten der Finanzverwaltung. Ich kenne persönlich vier oder fünf jüdische Präfecten, drei israelitische Mitglieder des Cassationshofes, davon einer Gerichtspräsident, Herr Bädarrides. Wenn die italienische Regierung mit Frankreich einen Finanzvder Handelsvertrag zu verhandeln hat, betraut sie mit dieser Mission meinen gelehrten Glaubensgenossen Herrn Luzzatti. Unter den 266 Titular-Mitgliedern, aus denen das Institut äs Brunos besteht, befinden sich 10 Juden. Auf 32 Professoren des Colteg« de France zählt man 4 Israeliten, von denen ich der .älteste bin. Während 54 Jahren habe ich im Namen des Staates junge Christen in spiritualistischer Philosophie und Völkerrecht unterrichtet. Niemand hat sich darüber beklagt, nicht einmal die Bischöfe, unter denen ich mehrere Freunde zähle. Man beklagt im Gegentheil meinen Entschluß, im Alter von 77 Jahren meine Entlassung zu nehmen. Noch eine Thatsache will ich Ihrer Ueberlegung und der Ihrer Mitbürger unterbreiten. Das Institut äs Francs erachtete es jüngst für schicklich, sich bei dem 400jährigen Jubiläum der Universität zu Heidelberg vertreten zu lassen. Unter den fünf Delegirten, die zu diesem Zweck von der Vereinigung der fünf Akademien ernannt wurden, befanden sich zwei Juden: der Physiker Lippmann von der „Akademie der Naturwissenschaften", und der Assyriologe Oppert von der „Akademie der Inschriften und der Literatur". Ich würde kein Ende finden, wenn ich alle Juden nennen wollte, die in Frankreich, in Deutschland, in Italien, in England sich in der Literatur, den Wissenschaften, den Künsten, der Politik, der Armee auszeichnen, oder die sich durch ihren Wohlthätigkeitssinn bemerkbar machen. Die Juden Rumäniens tverden Ihnen dasselbe Schauspiel bieten, wenn Sie mit den Traditionen der Barbarei, des Schlendrians und des Hasses brechen wollten, um den Weg der Gerechtigkeit, der Freiheit und, ich wage hinzuzusetzen, des wahren Christenthums zu betreten, denn die christliche Moral ist zusammengefaßt in den Worten: „Liebet euch unter einander". Es geziemt sich, mein Herr, Männern von Ihrer Gelehrsamkeit und Ihrem Werthe, zu arbeiten an diesem Werke der Wiederherstellung. Ich zähle auf Sie im Interesse der Menschlichkeit, welches mir theurer ist als dasjenige aller Confessionen. Ad. Frank." Paris, 18. Oetober. (Privatinitth.) Der zukünftige Geschichtsschreiber unserer Zeit wird mehr kritischen Scharfsinns bedürfen, als irgend früherer Jahrhunderte, und zwar nicht bloß, weil die Quellen durch die überaus entwickelte Tagespresse allzu reich fließen, sondern wegen der Unzuverlässigkeit und des Erfindungsreichthums der Zeitungspresse. Es giebt jetzt in der That nur wenige Redaktionen, welche mit gewissenhafter Prüfung nur das gut Verbürgte in die Spalten ihrer Blätter aufnehmen. Die große Mehrzahl denkt nur an sensationelle und pikante Artikel, um ihre Coneurrenten zu überflügeln. Hat man fehlgegriffen, so läßt man es doch auf sich beruhen oder giebt ein Dementi, das doch wieder seinen Platz füllt. Ganz besonders ist dies in Paris der Fall, da hier die Journale nur eine geringe Anzahl fester Abonnenten haben, und die meisten ihrer Exemplare in den Kiosken und durch die Straßencolporteure verkauft werden. So kann es nicht Wundersnehmen, daß sie sich von Zeit zu Zeit, namentlich nach den hohen Festtagen im Frühjahr und im Herbste, auch des Judenthums bemächtigen und über dessen Lehren und Gebräuche die größten Absurditäten und Geschmacklosigkeiten verbreiten; ich will nur als ein kleines Beispiel ansühren, daß sie die Juden am Jom Kippur zwei Tage hintereinander fasten und beten lassen. Je ungeheuerlicher eine solche Notiz ist, desto willkommener. Allerdings 44 *) Seitdem auch noch Sir Benjamin Phillips. D. Red.