Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 44 (26.10.1886)
- Date
- 1886-10-26
- Page
- Seite 696 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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696 samnierigehalten werden. Wie es nun der nationalliberalen Partei schon einmal erging, daß ihr linker Flügel sich von ihr trennte, die Fracüon der Secessionisten ausmachte und endlich zu den Deutschfreisinnigen überging: so wird es voraussichtlich noch einmal geschehen, und der rechte Flügel sich mit den Conservativen, wenigstens den Freiconservativen, vereinigen. Das zweite ist, daß, wie der Stöckerianer rühmt, die Juden dem Parteitage auch als Gäste fern blieben. Diese müssen sich also bei jenen Herren Nationalliberalen nicht mehr heimisch fühlen. Und wie könnte dies auch anders sein, wo ein Verehrer Stöckers sich so zu Hause fand, wie der obige Berichterstatter. Dennoch glauben wir, daß, wenn es sich irgend um eine Beschränkung der Gleichberechtigung der Juden handelte, die Mehrheit der Nationalliberalen dagegen stimmen und ihres Ursprungs und ihrer Vergangenheit nicht so vergessen sein werden, daß sie auch hierin den Stöckerianern und den Conservativen Gefolgschaft leisten würden. Hamburg, 11. Oct. (Privatmitth.) Ein sehr fühlbarer Mangel in der hiesigen jüdischen Gemeinde, über welchen auch schon in den öffentlichen Blättern geklagt worden, besteht darin, daß die Gemeinde außer ihren beiden Schulen keine Religionsschule besitzt, sodaß derjenige Theil der jüdischen Jugend, welcher andere Schulen, z. B. das Gymnasium besucht, keinen regelmäßigen Religionsunterricht erhält. Daß nicht blos die großen Gemeinden, wie Berlin und Breslau, wo die Gemeinde je zwei (in Berlin jetzt drei Red.) Religionsschulen erhält, sondern auch die mittleren besondere Religionsschulen errichtet haben, sollte doch wohl die hiesige große und mit den nöthigen Mitteln wohl versorgte Gemeinde verpflichten, auch ihrerseits diesem Bedürfnisse zu genügen. Nach unsrer Gemeindeverfassung hat sich die Verwaltung der Gemeinde mit dem Cultus als solchem nicht zu befassen, sondern diesen den verschiedenen gottesdienstlichen Richtungen anheimzugeben. Aber der Religionsunterricht ist doch etwas Anderes, und die Gemeinde bleibt doch jedenfalls eine religiöse Corporation und darf sich nach der alten wie der modernen jüdischen Sitte der Sorge für den religiösen Unterricht der Jugend nicht entziehen. Will man Alles und Jedes, was die Religion betrifft, den Individuen überlassen, so fragt es sich, wozu denn ein Gemeindeverband besteht? An den eben verflossenen hohen Festtagen wurden geistvolle und begeisternde Predigten, wir heben z. B. die des vr. Leimdörffer am Bersöhnungstag gehaltene hervor, genug gehört. Möge man nun auch die empfangenen Anregungen bethätigen und nicht alsbald wieder in den hergebrachten Schlendrian versinken. Bom Rhein, 17. Lct. (Privatmitth.) Es ist bezeichnend für die Situation, daß, sobald ein Parlamentarier jüdischer Religion aus dem Leben scheidet, kein Jude wieder gewählt wird. Sämmtliche Parteien, die Deutschfreisinnige nicht ausgenommen, stellen jetzt keinen jüdischen Candidaten auf, die meisten wegen antisemitischer Gesinnung, die anderen weil sie eine solche bei den Wählern voraussetzen. Die alleinige Ausnahme hiervon bilden die Socialdemokraten, die sich um Abstammung und Confession nicht kümmern und willig Juden zu ihren Abgeordneten wählen. So ist vr. Ludwig Bamberger noch der einzige Zeuge jener Zeit, wo die Liberalen begabte und charakterfeste Juden in die Parlamente wählten und in den Wählerschaften ungehindert dafür Anklang fanden. Damals fiel es außer den Conservativen Niemandem ein, dem Candidaten seine Abstammung oder sein Bekenntniß entgegenzuhalten. Jetzt würde in einem solchen Falle ein gewaltiges Halloh sich erheben. So sind Kosch, Reichenheim, Laster, Straßmann, Marburg ohne Ersatz aus unseren Reihen geblieben, und in gleicher Weise Ludwig Löwe. Frankreich. Paris, 17. Oktober. Was an Rumänien rührt, ist mit giftigem Judenhasse erfüllt! Ein Rumäne, ein Herr Blarenberg (ein echt rumänischer Name!) hat ein Werk über Rumänien geschrieben, in welchem er ein Kapitel voll Anschuldigungen und Schmähungen den Juden gewidmet. Er sandte ein Exemplar an Herrn Ad. Franck, den emerit. Professor der Rechtswissenschaft und Mitglied des Instituts von Frankreich. Derselelbe antwortete in folgendem Schreiben, das wir aus den „Arcli. isr.“ übertragen. Saint-Gratien (Seine-et-Oise), den 1. Sept. 1886. Geehrter Herr! Sie haben die Güte gehabt, mir vor einiger Zeit mit einer liebenswürdigen Widmung ein Werk von hohem Werth zu schicken, das Sie veröffentlicht haben unter dem Titel: „Vergleichende Abhandlung über die Einrichtungen und die Gesetze Rumäniens, von den ältesten Zeiten bis auf unsere Tage." Dieses Werk, für welches ich Ihnen nicht danken wollte, bevor ich es gelesen hatte, macht Ihrer Gelehrsamkeit, Ihrem Patriotismus, Ihrem so glücklich befreiten Vaterlande selbst Ehre. Die Gelehrten, besonders die Historiker, welche sich eine Idee von Ihrem Lande machen wollen, werden künftighin nicht allein Kenntniß von Ihrem Buche nehmen, sondern es studiren müssen. Es ist jedoch ein Theil dieses bemerkenswerthen Werkes, welcher mich zwingt, Ihnen, mit dein herzlichsten Wohlwollen, ernste Einwendungen zu machen. Ich spreche von dem Kapitel, welches die Juden betrifft. Ich gehöre, mein Herr, und bin stolz darauf, diesem alten Stamme an, welcher der Menschheit die Bibel, das Evangelium, die Apostel, selbst die Person, die sichtbare Person Jesus' von Nazareth gegeben hat. Wenn sie es nicht wissen, fühle ich die Pflicht, Sie davon zu unterrichten. Wenn Sie