Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 44 (26.10.1886)
- Date
- 1886-10-26
- Page
- Seite 695 (sequence 7)
- Language
- German
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695 sphäre des Staates loszugehen und sich von derselben unabhängig zu machen. Nachdem aber nunmehr die Staatsregierung der katholischen Kirche wieder bedeutende Conzessionen gemacht hat, und die evangelische Kirche sich benachtheiligt glaubt, ist der Hader zwischen den Katholiken und Protestanten im vollen Gange. Ein Beispiel hierfür bietet ein Vorgang, über welchen die „Boss. Ztg." folgendermaßen berichtet: „In einer Stöcker-Versammlung, welche am letzten Freitag hier stattfand, hatte ein Divisionspfarrer Köhler aus Danzig den Satz ausgesprochen: „Ebenso berechtigt wie der Antisemitismus ist der Antiromanismus evangel. Christen." Dieses Satzes wegen hat sich die „Germ." die Person des Redners einmal näher angesehen und Folgendes gefunden: „Zu gewissen Zeiten pflegt Herr Köhler auch philorömisch, d. h. katholikenfreundlich zu sein, bei den Wahlen nämlich. Bei den Reichstagswahlen im Jahre 1881 z. B. hatten die Katholiken Danzigs mit den Conservativen ein Compromiß geschlossen, demzufolge im Landkreis Prälat Landmesser, im Stadtkreis v. Puttkamer - Plauth candidiren sollten. Herr Köhler übernahm die Hauptagitation. Er trat in Versammlungen neben katholischen Geistlichen auf, er wurde mit Letzteren ganz besonders liebenswürdig und fand den Katholicismus durchaus nicht Hassenswerth. Herr Köhler warb um die Gunst der Katholiken in jeder Weise, so sehr, daß die führenden Kreise der Katholiken gar häufig unter sich großen Spaß hatten. Herr Köhler spielte Whist mit katholischen Geistlichen im Danziger katholischen geselligen Verein, er ging mit ihnen spazieren oder ließ sich auch in deren Wohnung häuslich nieder, das Wahlresultat wartete er im Hause eines in der Wolle gefärbten „Ultramontanen" ab u. s. w. Dieser selbe Herr Divisionspfarrer Köhler erklärt nun, ebenso berechtigt wie der Antisemitismus sei der Antiromanismus evangelischer Christen. Er sagte das in einer Volksversammlung, die sich mit Politik, nur nur nicht mit religiösen Dingen befaßte; er suchte also in der verwerflichsten Weise den geistigen Kampf zwischen Katholicismus und Protestantismus auszubeuten, um den Religionshaß zu schüren und die Massen aufzuhetzen. Er predigt den Kampf gegen den Katholicismus nach Art des Vorgehens gegen die Juden, das nicht mehr objectiv war, sondern in wüster Agitation sich geltend machte. Zuckerbrod und Peitsche hat der Herr Pastor also für uns Katholiken in einer Hand". Wir haben natürlich weder über die Meinungen noch über die Persönlichkeiten, die in Obigem zur Sprache kommen, eine Ansicht zu äußern. Wenn aber der protestantische Pfarrer die Katholiken und die Juden, die römische Kirche und das Judenthum auf eine Linie stellt, so ernten die Ultramontanen das, was auch sie gesäet haben. Seit Jahrzehenden haben die Organe der Ultramontanen die Juden ganz in der Manier der Kreuzzeitung und Stöckers behandelt, und die giftigsten Schriften gegen das Judenthum, namentlich gegen den Talmud, sind aus dem Schoße der Ultramontanen hervorgegangen und von ihnen mit unermüdlichem Eifer verbreitet worden. Jetzt werden sie nun mit den von ihnen verfolgten Juden in dieselbe Classe gebracht! Ist aber erst ein solches Feuer entbrannt, so wird es nicht so bald gelöscht. — Um vielfach ausgesprochenen Wünschen entgegen zu kommen, hat der Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde für den Südwesten der Stadt eine neue Religionsschule errichtet und den Prediger Di-. Apolant ihr als Leiter vorgesetzt. Die Schule wird demnächst in dem Hause Friedrichstraße 235 eröffnet werden und denselben Lehrplan wie die anderen ähnlichen Schulen haben. — Die von dem „Berl. Tgbl." und dann von allen Zeitungen gebrachte Nachricht, der deutsche Kaiser habe einen Talmud dem Sultan von Marokko, nach späterer Berichtigung dem Oberrabbiner von Marokko geschenkt, wird jetzt ■tioit der „Post" als durchaus erfunden bezeichnet. Köln, 11. Oct. (Privatmitth.) Die Nationalliberalen hielten allhier einen Parteitag ab. lieber die in demselben verhandelten Fragen und deren Beantwortung braucht an dieser Stelle nicht berichtet zu werden. Was uns interessirt, ist vielmehr die allgemeine Tendenz, welche bei dieser Versammlung hervortrat und die nativnalliberale Partei in ihrer jetzigen Beschaffenheit und Stellung charaktcrisirt. Am besten ist cs wohl, hierüber den Berichterstatter des Stöcker'schen Reichsboten zu vernehmen. Er meldet über diese Versammlung „zu ihrem Ruhme, daß Gäste semitischer Abkunft gar nicht oder wenigstens in sehr geringer Anzahl da waren." „Säwmtliche Redner wandten sich ohne Ausnahme gegen die Deutsch-Freisinnigen, und die Herren Richter und Rickert wurden hier mehr angegriffen, als ich es je in conservativen Vesammlungen gehört habe. Zu meiner großen Freude erkannten sämmtliche Redner die Richtigkeit und Nothwendigkeit eines Zusammengehens mit den Conservativen an." „Mit der heutigen Versammlung", ruft der Berichterstatter begeistert aus, „kann aber jeder Conservative, auch wenn er (wie ich) ein warmer Verehrer des Herrn Hofprediger Stöcker ist, zufrieden sein. Wir Conservativen haben die Genugthuung, daß ein großer Theil der Nationalliberalen zu uns herüber gezogen worden ist, und mögen die Herren selbst cs auch bestreiten, das Programm des heutigen Tages war iin Grunde genommen ein conservatives." Zweierlei geht aus diesem Berichte hervor: Zuerst, daß die Nationalliberalen, soweit sie hier vertreten waren, den Conservativen sich so gut wie angeschlossen haben. Wie cs in Mittelparteien stets zu geschehen pflegt, bildet sich in ihnen ein rechter und ein linker Flügel, die nur mit Mühe zu-