Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 44 (26.10.1886)
- Date
- 1886-10-26
- Page
- Seite 694 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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694 leugnen, daß in allem Cultus eine gewisse Mystik nothwendig ist — wir meinen jenes Gefühl der Erbauung, welches sich nicht Rechenschaft giebt von den Gründen der inneren Bewegung, wie etwa uns die Feier des Versöhnungstages ergreift, wobei es irrelevant ist, welche kritische Anschauung wir über den biblischen Begriff der Sühne von der Unreinheit haben, oder welchen dogmatisch-philosophischen Begriff wir über Sünde und Sühne uns machen — sondern gerade jenes unbestimmte Gefühl der Sündhaftigkeit einerseits und der Versöhnungsbedürftigkeit andererseits erwecken in uns eine Reihe von Vorstellungen, welche wir Rührung nennen und welche unser religiöses Leben bestimmen. Trotzdem bleibt aber noch ein Theil des Cultus, der sich an die bewußte Erbauung, an den Verstand, nicht an das Gemüth wendet. Dieses ist vornehmlich durch die Predigt repräsentirt und diese letztere kann ihre Wirkung nur erzielen, wenn sie, von dem allgemeinen Anschauungskreise des Zuhörers ausgehend, denselben zum religiösen Anschauungskreise leitet. Darum braucht auch die Jugend, deren Interesse sich nach einer ganz anderen Richtung bewegt, als das der Erwachsenen, eine besondere Art der Erbauung, und diese hauptsächlich muß der Jugendgottesdienst Pflegen, und nur so kann er ein Bedürfniß nicht nur für die Jugend, sondern für die ganze Gemeinde werden, welche will, daß ihre Kinder dem Judenthume nicht nur dem Namen nach, sondern auch mit dem Herzen angehören, daß die Zeit komme für das geistige Zion, von dem der Prophet (Scchariah VIH, 4) verkündet, daß wieder dereinst sitzen werden Greise und Greisinnen in den Straßen Jerusalems, ein jeder seinen Stab in der Hand wegen der Fülle der Jahre, und die Plätze der Stadt erfüllt sein werden von Knaben und Mädchen, die scherzen auf ihren Straßen. Nachwort der Redaction. Unser geschätzter Mitarbeiter hat die Nothwendigkeit eines Jugendgottesdienstes mit den gewichtigsten Gründen erwiesen. Es bleibt nur die Frage zu erörtern: wie derselbe am angemessensten einzurichten sei? Wir haben uns hierüber schon früher ausgesprochen, stellen jedoch unsere Ansicht kurz noch einmal hierher. Grundsätzlich muß jede neue Einrichtung sich an Bestehendes anschließen, weil sie nur dadurch eine größere Haltbarkeit in der Masse gewinnt. Deshalb erscheint es am füglichsten, den Jugendgottesdienst auf Sabbath-Mincha zu verlegen. Er bestehe aus 'hipn, n;i 1 ’!&, rfen (y"tiO dem 104. Psalm 'O',:) deutsch, einer Ansprache des Rabbiners oder Lehrers und einem deutschen Liede als Schluß. Hierzu folgende Bemerkungen. Es erscheint uns erforderlich, daß die Jugend bei diesem Gottesdienste nicht blos passiv gehalten, sondern möglichst daran interessirt werde. Deshalb wäre es angemessen, schon die hebräischen Gebete von einem älteren Knaben, womöglich in einem Turnus derselben, vortragen zu lassen, wozu eine Anleitung befähigen wird. Ebenso den deutschen Psalm von einem anderen Knaben. Dieser Psalm kann auch mit einem oder einigen der „Stufengesänge (‘ta-! V) abgewechselt werden. Die Ansprache muß eindringlich und knapp sein, vamit die Aufmerksamkeit der Jugend erhalten bleibe. Hier besonders gilt das Wort Luthers: „Tritt frisch auf und hör' bald wieder auf." Der Inhalt derselben muß sich nicht blos auf Ermahnungen beschränken, sondern kann aus der Geschichte des jüdischen Stammes entlehnt werden, das Bild einer bedeutenden jüdischen Persönlichkeit entwerfen und mit der Aufforderung zur Nacheiferung schließen. Unserer Ansicht gemäß würde es sehr nützlich sein, die Ansprache entweder überhaupt mit einer Catechese über eine religiöse oder moralische Lehre abwechseln zu lassen, oder eine solche an die Ansprache über deren Inhalt oder einen Ausspruch derselben zu schließen. Auf diese Weise könnte dieser Jugendgottesdienst wirksam und für die Jugend fesselnd werden. %ci[Vmcpl'VOC fyX'Cfyfowt. Deutschland. Berlin, 12. Oct. (Privatmitth.) Wir haben stets die Ansicht ausgesprochen, daß, wenn in einer Zeit der Confessionshader gegen die Juden sich erhebt, es nicht lange dauern werde, bis er auch zivischen den christlichen Confessioucn ausbricht. Vielleicht daß dann, in der Heftigkeit des Kampfes zwischen der katholischen und evangelischen Kirche, man die Juden in Ruhe läßt, da sie in diesem Streite keinen Factor abgeben. Dies bewährt sich auch jetzt. So lange der sog. Culturkampf dauerte, verhielt sich die evangelische Kirche als ruhiger Zuschauer. Jener war gegen die Machtfülle des Staates gerichtet und wollte die katholische Kirche von den Zwangsgesetzeu befreien, die ihr in den Maigesetzen auferlegt waren. Das eigentliche streitbare Element in der protestantischen Kirche hat nicht minder eine Tendenz, gegen die Macht-