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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-10-26 · Heft 44 (26.10.1886) · p. Seite 692

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 44 (26.10.1886)
Date
1886-10-26
Page
Seite 692 (sequence 4)
Language
German
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692 kann, bis auf die Hefe aus. Um den Widerspruch, der hierin liegt, kümmert er sich wenig; er wird das genossene Gute schnell vergessen und emsig demonstriren, daß ihm daraus nur Schmerz und Leid erfloffen seien. Das Ideale, welches in jenen Religionen enthalten ist, welche immer doch ein Aufstreben aus der Welt des Staubes zu den lichten Höhen, sei es des Buddha, sei es des Paradieses, ein Ringen um die Bekämpfung der Leidenschaft und Sünde forderten und dem Menschen zu ermöglichen suchten, ist dem jetzigen Pessimisten völlig abhanden gekommen; für ihn besteht nur noch das Materielle, das ihm in dem Erwerb von Ehre, Ansehen, Macht und Besitz besteht, sowohl um den Neigungen seines Herzens zu genügen, als auch um die Mittel zur Befriedigung seiner Genußsucht zu erlangen. Wir glauben nicht, daß wir hiermit allzu dunkel malen, wenn auch, wie es sich von selbst versteht, diese pessimistische Anschauung und deren Folgen in den Individuen sich mehr oder weniger nuancireu und abstufen. Es bildet in der That selbst das Gebiet keinen Unterschied, auf welchem sich das betreffende Individuum bewegt, auf dem es arbeitet. Wissenschaft und Kunst vereinigen sich für dasselbe mit seinen An- und Absichten, und es ist ihm möglich, in ihnen selbst bedeutende Erfolge zu erreichen, wenn auch seine Ergebnisse und Produkte den in ihm waltenden Principien entsprechen, der höheren Weihe entbehren und nur vorübergehende Anerkennung erzielen werden. Selbst von der Thätigkeit auf religiösem Gebiete, d. h. innerhalb einer Kirche, brauchen wir von ihm nichts Anderes anzunehmen. Man kann für die Dogmen, für die Machtentfaltung derselben und ihrer Hierarchie sehr eifrig arbeiten, ohne wahrhaft von der religiösen und sittlichen Weihe, von den großen Gedanken in ihr ergriffen zu sein. Im Gegentheil wollen eben Viele an jener Macht und ihren Früchten Theil haben, denen es an dem Kern der Religion wenig gelegen ist. Sehen wir doch auch in den jüdischen Gemeinden Männer an deren Spitze stehen als Vorsteher und Repräsentanten, die eben diese Ehrenämter aus Eitelkeit bekleiden wollen, ohne daß sie wirkliche Sympathie für die Religion des Judenthums empfinden und selbst an den höchsten Festen sich dem Besuche des Gottesdienstes entziehen. Alle diese Erscheinungen, so niederschlagend und betrübend sie an sich sind, müssen uns nur un: so mehr anfeuern, in unsrer Seele, und soweit unsre Kraft geht, in der unsrer Mitmenschen, die heilige Flamme für das Ideale, für das Göttliche, für die höhere Weltanschauung zu nähren und zu stärken. Wir dürfen nicht ablassm, uns selbst mit reineren Lehren, mit erhebenden Gedanken zu erfüllen und für sie mit aller Anstrengung einzutreten. Wir dürfen nicht zurückweichen vor der Welt von Schein und Unwahrheit, die unter den Menschen ausgebreitet ist und in der einmal vorhandenen Geistesrichtung an Jüngern gewinnt. Der Genius der Menschheit kann verhüllt, aber nicht verdrängt werden. Das Licht mag verdunkelt und lange Zeit von Schatten umlagert sein, seine Strahlen werden um so schneller und kräftiger durchdringen, je mehr das schwarze Gewölk es rings umlagert. Auch der Mensch unsrer Zeit wird jenes falschen Lebensüberdrusses bald überdrüssig werden und sich wieder den Quellen des wahren und reinen Lebens zuwenden, die niemals verstopft und erschöpft werden. Gerade für die Bekenner des Judenthums wird nichts mehr Noth und ihnen nichts wohler thun, als sich wieder in die Lehren und Meinungen desselben zu versenken. Sie werden einsehen, daß mitten in dieser Welt der Cultur und Civilisation die Doctrinen des Judenthums sichere Führer abgeben, daß sie mit Cultur und Civilisation nicht im Widerspruch, sondern wenn diese wahrhaftig sind, mit ihnen in Einklang stehen. Heute wie jemals ist das Wort wahr: die Lehre, die vou Zion ausgegangen, ist uns Leuchte und fester Stab. Brünn, im October. Der Iugendgottes-ienst. Von Di'. G. Deutsch. Seit Beginn dieses Jahrhunderts hat die veränderte geistige Bildung der Inden die Cultusfrage actuell gemacht. Man ist sich bewußt geworden, daß es in der hergebrachten Weise nicht mehr geht, und ist daher leider in ein starkes Experimentiren hineingerathen. Leider! denn auf diesem Gebiete kann das unsichere Schwanken nur Schaden bringen und andererseits ist dadurch im Gottesdienste das Cantorenthum zur Alleinherrschaft gelangt oder mindestens zu einer Bedeutung, welche ihm nicht zukommt. Ich will nun durchaus der Formlosigkeit auf dem cultuellen Gebiete nicht das Wort reden, aber der Glaube der Herren durch Belastung des Gottesdienstes mit künstlichen Compositionen, die vom ästhetischen Standpunkte aus ganz vorzüglich sein mögen, ein gemüthliches Bedürfniß zu befriedigen, ist eine Illusion, die allerdings genährt wird durch die Vergangenheit unseres Cultus, wo zu einer Zeit, als der Cultus das öffentliche Leben der Juden ausmachte, der Tempel den Tummelplatz des politischen und kritischen Triebes unter den Juden abgeben mußte. Da setzte man sich hin, um die neuen Sangesweisen eines wunderbaren Chasan oder die geistreich sein sollenden Wortverdrehungen eines fahrenden Maggid zu beurtheilen, und das hielt man deswegen für Gottesdienst, weil das gemüthlich religiöse Bedürfniß zum großen Theile außerhalb des Gotteshauses seine Befriedigung fand. Zugegeben muß allerdings werden, daß auch bei diesem so verunstalteten Gottesdienste durch die Innigkeit des Gebetes, durch die tiefrührende Wirkung einzelner alt-

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