Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 44 (26.10.1886)
- Date
- 1886-10-26
- Page
- Seite 691 (sequence 3)
- Language
- German
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691 selben auffaßt, gewahrt und beurtheilt, oder ob das kranke Auge sich eines Vergrößerungs- oder Verkleinerungsglases, eines Hellen oder farbigen bedienen muß. Dies wird schon durch die so äußerst verschiedenen Urtheile der Menschen über einen und denselben Gegenstand erwiesen, und noch mehr durch die oft gänzlich verschiedene Auffassung, die wir selbst zu verschiedener Zeit von derselben Sache, demselben Ereigniß, derselben Persönlichkeit uns bilden. Dies geschieht nicht etwa immer durch eine Aufklärung und Richtigstellung über den Gegenstand, sondern viel öfter geht es aus der umgewandelten Stimmung hervor, in welcher wir sie betrachten. — Gegen diese unsre Ansicht, daß der Pessimismus kein wesentliches und dauerndes Element unsrer Natur, sondern eine Stimmung unsrer Seele sei, wird man einwenden, daß cs ja große, weithin die Menschen beherrschende Religionen gebe, deren Grundzug der Pessimismus ist. Wenn der Buddhismus die Verachtung alles Irdischen predigt, die Bettelbüchse als den eigentlichen Beruf des Menschen ansieht, die Armuth als die Pflegerin des Guten, wenn er das Streben nach der Nirwana als das Heu jedes Menschen erklärt, bedeute diese nun das Nichts oder ein dunkles mystisches Etwas, wie das Leben in Buddha — so ist dies ganz und gar Pessimismus, welchem jeder seiner Bekenner vollständig anheimfällt, Nicht minder giebt es einen pessimistischen Grundzug ab, wenn das Neue Testament zur Arbeitslosigkeit, zur Bertheilung des Besitzes an die Armen auffordert, das irdische Leben mißachten lehrt und das ganze Streben des Menschen auf das Jenseits richtet. Solche religiöse Lehren,! sagt man, können nur auf der innersten Natur des Menschen j beruhen, wenn sie, wie geschehen, ungeheure Menschenmassen! an sich zogen und dauernd fesselten. Die Widerlegung dieses j Einwand es scheint uns nicht schwer. Die Geschichte zeigt j uns, daß diese Religionen sich nicht lange auf dieser Staffel : der Anschauungen erhielten. Der Buddhismus ging wieder! zum Brahmanismus zurück und verschmolz mit diesem. Auch das Christenthum wandelte sich sehr bald, und nach wenigen Jahrhunderten zeigte sein Cultus und seine Hierarchie nichts mehr von der ursprünglichen Einfachheit und Armuth, die Eremiten starben aus und die meisten Klöster waren nicht mehr der Schauplatz der Armuth und der Entsagung. Ein zweiter Gegengrund ist, daß, wenn von jenen Religionen die gedachten Lehren auch dogmatisch festgehalten wurden, sie doch gerade in diesen Beziehungen auf ihre Bekenner geringen Einfluß übten. Die Wirklichkeit blieb, wie sie vordem gewesen; Palast erhob sich neben Palast, Reichthum und Armuth erhielten sich in gleichem Maße, höchstens daß das Almosenwesen sich vergrößerte, und das Streben der Menschen nach Besitz und Herrschaft veränderte sich nicht. Endlich darf man nicht übersehen, aus welchen Zuständen der menschlichen Gesellschaft diese Religionen hervorgegangen; die ursprünglichen Religionen waren optimistisch, und erst die später entstandenen, wie Buddhismus und Urchristenthum, entsprangen zu Zeiten allgemeiner geschichtlicher Verwirrung und Zersetzung, wo die Zustände und Sitten einen hohen Grad der Entartung erreicht hatten. Von jenen ursprünglichen Religionen ist in dieser Beziehung vorzugsweise die Religion Israels als durchaus optimistisch hervorzuheben. Sie lehrt auf der ersten Seite der h. Schrift, daß Alles, was Gott schuf, „sehr gut in seiner Art" ist, und überall, bei den Propheten und h. Sängern, wo der Blick auf die Schöpfung fällt, wird mit Begeisterung die Allmacht und die Allweisheit des Schöpfers gepriesen, wie es in dem herrlichen Schöpfungspsalm (104, 24.) heißt: „Ewiger, wie viel sind deiner Werke! Alle hast du mit Weisheit gemacht, voll ist die Erde deiner Güter!" In einer der höchsten Offenbarungen wird Gott angerufen (2. Mos. 34, 6.): „Der Ewige, der Ewige, Gott, barmherzig und gnädig, langmüthig und voller Huld und Wahrheit ff.", und der Psalmist ruft ans (145, 9.): „Allgütig ist der Ewige gegen Alle, und sein Erbarmen über alle seine Werke." Auch als Vorsehung lehrt das Judenthum Gott als allgütig, der selbst die bösen Thaten der Menschen zum Guten (1. Mos. 50, 20.), jedes Mißgeschick zum Heile und Frieden lenkt (Jesaias 38, 17.), so daß es eine Grundanschauung des Judenthumcs wurde: jedes Geschick gereicht dem Menschen zum Guten. Verachtung des Irdischen ist kein Element der jüdischen Religion; die Arbeit wird zur Pflicht gemacht („sechs Tage sollst du arbeiten und dein Werk verrichten ff."), und der gerechte Ertrag des Fleißes geachtet, aber ebenso wenig der Genuß versagt oder mißachtet. Selbst der den Pessimismus aussprechende Autor der Schrift drückt seine Schlußfolgerung in dem Satze aus (Koh. 9, 7.): „Geh, iß in Freuden dein Brod und trinke fröhlichen Herzens deinen Wein, wenn Gott dauernd an deinen Werken Wohlgefallen hat", wenn du in Gottesfurcht, Tugend und Mäßigkeit die Werke der Gerechtigkeit und Liebe vollführst. Sie ist cs auch, die Religion Israels, welche, auf den Gedanken der fortschreitenden Entwickelung des Menschengeschlechts gestützt, für dieses eine zukünftige messianische Zeit, ein Reich allgemeinen Friedens verkündet hat. Was den Pessimismus unserer Zeit von jenen pessimistischen Religionen unterscheidet, das ist, daß die letzteren die Bedürfnißlosigkeit und Enthaltsamkeit als die erste Forderung der Sittlichkeit, als die erste Stufe der Gottseligkeit predigen, während der Pessimist der Gegenwart gerade im Gegcntheil genußsüchtig und luxuriös ist und deshalb auch nach Besitz, möglichst nach Reichthum eifrig strebt. So düster er die Welt und das Leben auffaßt, so füllt doch Glanz und Ueppigkeit sein Herz; so sehr er die Freuden des Menschen doch nur als Schmerz und Leid ansieht, so faßt er doch begierig nach dem Becher der Lust und leert ihn, wo er ihn ergreifen 44*