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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-10-19 · Heft 43 (19.10.1886) · p. Seite 685

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 43 (19.10.1886)
Date
1886-10-19
Page
Seite 685 (sequence 13)
Language
German
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685 sich, wie authentische Berichte erweisen, die Israeliten der nationalen Sache aufs engste angeschlossen. Wie sie im vorigen Jahre im serbisch-bulgarischen Kriege Gut und Blut dem Vaterlande zum Opfer brachten, so traten sie, soweit es an ihnen war, jetzt für den Fürsten Alexander ein. Sympathien für die russische Partei zeigten sie nicht, selbst nicht die aus Rußland eingewanderten Juden. — Eine interessante Schilderung finden wir in dem Berichte des Specialcorrespondenten des „B. B.-C." vom 11. Sept. Es heißt da: „Ich begegnete einem ehrwürdigen Greise, dessen kluges Gesicht, dessen schneeweißen Bart ich schon einmal gesehen, und zwar bei dem Empfange des Fürsten Alexander, der unter dem großen Triumphbogen dem Alten freundlich die Hand gereicht. Meine Vermuthung, daß ich den Groß-Rabbi von Bulgarien, Chacham-Baschi Gabriel Abraham Alsmusnino vor mir hätte, bestätigte sich. Da ich ihn anredete, lud er mich in seine nahe Wohnung. Durch ein Vorhaus ging es, das ganz so elend war, wie die Nachbar-Gebäude. Im Hofe aber änderte sich das Bild vollständig. Ein bei aller Armseligkeit freundlicher, einstöckiger Bau, von der Straße aus gar nicht bemerkbar, stand hier. Eine hölzerne Doppeltreppe — die erste, die ich in Bulgarien sauber gesehen — führte in das obere Stockwerk, in dessen Mitte sich das mit einem Balcon versehene Wohnzimmer des Chacham Baschi befand. Den Dolmetsch machte anfänglich ein Sohn des Chacham in französischer Sprache. Später leistete ein kleiner Knabe den nämlichen Dienst. Dieser Junge, Lehrling bei einem Spenglermeister, sprach fließend deutsch, rumänisch, bulgarisch, hebräisch und die lingua franca. Als ich ihn fragte, wo er deutsch gelernt habe, gab er mir zur Antwort: „Ich bin ja ein Deutscher." — Woher? — „Aus Bukarest." — Sprecht Ihr alle zu Hause deutsch? — „Deutsch und hebräisch." — Was ist Dein Vater? — „Ein deutscher Hebräer." — Der Junge zählte kaum zwölf Jahre, sprach dialectfrei und drückte sich mit Gewandtheit aus. Von dem Chacham Baschi erfuhr ich, daß die jüdische Bevölkerung dem Fürsten Alexander mit Herzlichkeit anhange und sein Scheiden tief bedaure. Des Chacham Erinnerung reichte weit in die Türkenzeit zurück, obwohl er in Jerusalem grau geworden, zurück in die Zeit, da Midhat Pascha und Reschid Pascha dem Tuna-Bilajet vorstanden und die Jauditabia, die Judenfeste, aufwerfen ließen, die heute noch einen Theil der Verschanzung von Sophia ausmacht. In seinen Schilderungen griff er auch in eine fernere, schon sagenhaft gewordene Vergangenheit zurück, in die Tage des Sabbatai Zebi, von dessen Steindenkmal vor dem Etropol-Balkan bei Kasanlik die Inschrift sagt: „Der Reformator des Glaubens und Prophet Zebi Sabbata, welcher von Kleinasien herüberkam, in Salonich sich ansässig machte, von dort aus Makedonien durchkreiste, dann abtrünnig, von dem Sultan in den Kerker geworfen und wieder begnadigt wurde, ist hier gestorben und begraben." Nachdem ich von einem süßen Frucht-Compot gekostet und eine Tasse türkischen Kaffees getrunken, durfte ich mich von dem Chacham verabschieden, in dessen Hause ich die erste — Zeitung aus Deutschland gefunden. Nach wenigen Stunden machte der greise Herr mir seinen Gegenbesuch." Ieuilleton. Aurich, 24. September. Correspon-ery. Zweite Conferenz des Vereins irr. Lehrer und CuttuSbeamten des Landrabbinats Emden am 15. Sept. 1886 zu Emde«. Der Vorsitzende, College Levy-Norden, eröffnet die Versammlung, an welcher sich 20 Mitglieder betheiligen, 91/2 Uhr mit einer herzlichen Ansprache. Nachdem die geschäftlichen Mittheilungen erledigt sind, weist der Vorsitzende darauf hin, daß der in der vorjährigen Versammlung vom College« Apt-Meppen übernommene Vortrag wegen persönlicher Behinderung desselben ausfallen muß, und daß College Israel noch in den letzten Wochen die Freundlichkeit hatte, als Ersatz hierfür die Uebernahme eines Vortrages über ein selbstgewähltes Thema: „Zur Frage des synagogalen Gesanges" zuzusagen. Hierauf ertheilte der Vorsitzende dem ersten Referenten Herrn Rosenthal-Emden das Wort, welcher sich über die Frage: „Warum soll und was kann die jüd. Schule für Hebung des Gottesdienstes thun?" etwa in folgendem Sinne äußerte: Seit der Zeit Moses Mendelssohn's sei eine Umgestaltung auf dem Gebiete des jüd. Gottesdienstes eingetreten, weil man unter den veränderten socialen Verhältnissen lebhaft fühlte, daß der Gottesdienst nach Inhalt und Form einer Verbesserung bedürfe. So sei u. A. durchweg die Predigt in der Landessprache und an sehr vielen Orten der auf musikalische Grundlage geordnete Vortrag der Gebete eingeführt. Es sei aber nicht zu leugnen, daß das Gefühl der Reformbedürftigkeit gar bald in Reformsucht ausartete, und

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