Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 43 (19.10.1886)
- Date
- 1886-10-19
- Page
- Seite 686 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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686 man sich die Frage habe vorlegen müssen: wo soll das hinaus, wenn's so weiter geht? Bor allen Dingen aber müßten Bedürfniß und Fähigkeit, zum alten Gott zu beten, bei den Eltern vorhanden sein. Diese wären es auch früher aller Orten gewesen, die ihre Kinder mit den Satzungen und Formen der synagogalen Gebete bekannt gemacht hätten, heute sei dies leider entweder aus Mangel an Wollen oder an Können selten mehr der Fall; ebensowenig vermöchten Rabbiner eine durchschlagende Wandlung zum Bessern zu schaffen. Nur die Schule könne die angedeuteten Ziele anstreben, und zur Erreichung dieses Zweckes schlägt der Referent die Einschiebung eines neuen Gegenstandes in den Lehrplan vor, nämlich „ Uebung in der Liturgie". Er verlangt zunächst ein häufiges, gemeinsames Zusammeulesen in der Tefillah (Siddur), um Lesefertigkeit zu erzielen, die Abhaltung eines Minchagottesdienstes in der Schule, um die Kinder an ständiges Beten zu gewöhnen, und allmählige Einführung in die Kenntniß des ganzen Cultus und in das Verständniß der Gebete. Schließlich empfiehlt er noch die treueste Pflege des liturgischen Gesanges, dem ein Lehrbuch mit leichten, traditionellen Weisen als Grundlage dienen soll. An der sich nun entspinnenden lebhaften Debatte betheiligen sich vorzugsweise Herr Landrabbiner vr. Buchholz und die Collegen Blumenthal, Fink, Israel u. s. w. Bei der Abstimmung gelangen folgende Thesen zur Annahme. These I. In Anbetracht der in vielen jüdischen Häusern zu Tage tretenden mangelhaften religiösen Erziehung, insbesondere der arg darniederliegenden häuslichen und öffentlichen Andacht, ist es eine Hauptaufgabe der jüd. Schule, im Religionsunterricht das jüd. Kind mit allen zu Gebote stehenden Mitteln für den häuslichen und öffentlichen Gottesdienst zu begeistern. These II. Die Schule kann zur Lösung dieser Aufgabe beitragen durch genaues Bekanntmachen des Kindes mit der Einrichtung unseres Cultus, durch Einführung in die Kenntniß und das Verständniß unserer Gebete, durch häufiges Borlesen der öffentlichen Gebete, insbesondere aber auch durch treueste Pflege des ein- und zweistimmigen Gesanges. — Nachdem nun Herr Vorsteher Pels der Versammlung den Gruß der Gemeinde Emden nachträglich überbracht hatte, ertheilt der Vorsitzende Herrn Israel-Norden das Wort. Sein Thema lautete: „Zur Frage des synagogalen Gesanges". Referent legt in der Einleitung dar, daß sein Thema, obwohl mit dem des Vorredners verwandt, dennoch von den Ausführungen desselben ganz unabhängig sei und entschuldigt dann die etwa noch vorhandenen Mängel seiner Arbeit mit dem Hinweis auf die kurze Borbereitungszeit. Zur eigentlichen Aufgabe übergehend, bemerkt Vortragender, daß dieses Thema bereits in früheren Conferenzen behandelt, und überall das Bedürfniß, den synagogalen Gesang zu heben, nachdrücklich betont wurde. Die mangelhaften Leistungen seien nicht sowohl Schuld des Lehrers als vielmehr derjenigen Anstalten, welche seine Ausbildung übernehmen. Die meisten Anstalten für Lehrervorbildung besitzen keine geeigneten Lehrkräfte für dieses Fach und in anderen wird von Seiten der Directoren zu wenig Zeit und Aufmerksamkeit diesem Unterrichtszweig gewidmet, obwohl von größeren oder geringeren Befähigung für dieses Fach oft das ganze Glück des Lehrers abhängig ist. Ein Mangel auf diesem Gebiete ließe sich nur durch besonderen Gesang- und Musikunterricht ersetzen, den sich die wenigsten verschaffen könnten. Auch bei der Aufnahme ins Seminar müßte auf musikalische und stimmliche Begabung ein Hauptgewicht gelegt werden, was namentlich diejenigen Herren Directoren außer Acht ließen, welche nach einer möglichst hohen Frequenz ihrer Anstalten streben. Es sei daher die Aufnahme ins Seminar möglichst auf stimmbegabte junge Leute zu beschränken, welchen unter Anleitung pädagogisch und technisch vorgebildeter Lehrer ein Chasonusunterricht unter Zugrundelegung und steter Benutzung der vorzüglichsten Werke dieses Gebiets, wie Bär, Deutsch, Lewandowski u. s. w. zu erteilen^ sei. Eigene Composition des Lehrers, oder die dem eigenen Geschmacke angemessenen Variationen aus den Werken der Meister seien vom Unterrichte auszuschließen. Dadurch sei es möglich, den angehenden Chasan mit einem Schatze brauchbarer Synagogenmelodien auszurüsten und ihm die Mittel und Wege zur weiteren Fortbildung zu erschließen. — Schließlich richtet Redner auch an die bereits im Amte wirkenden Chasonim die Aufforderung, durch reges Streben an ihrer musikalischen Fortbildung zu arbeiten, und die Früchte ihrer Studien den Synagogen und Gemeinden zu gute kommen zu lassen zur Hebung des Gottesdienstes und Veredlung des Geschmackes seiner Besucher. Nach eingehender Debatte werden die folgenden vom Referenten aufgestellten Thesen angenommen: These I. Es ist dringend nothwendig, daß die Zöglinge der jüd. Lehrerbildungsanstalten weit mehr als bisher zu musikalisch gebildeten mit den traditionellen Gesangsweisen vertrauten, zur Einübung von Synagvgenchören qualificirten Vorbetern herangebildet werden. — These II. Nachdem bedeutende Cantoren Hilfsmittel für die Vorbeter veröffentlicht haben, ist die Einführung eines derartigen Werkes im Seminar zur Grundlage für den Chasonusunterricht dringendes Bedürfniß. — Im Einverständniß mit der Conferenz konnte nun der Vorsitzende beiden Referenten für ihre gediegenen Arbeiten seinen vollsten Beifall ausdrücken. Darauf trat eine Pause ein. Wegen vorgerückter Zeit muß Punkt 4 der Tagesordnung: „Besprechung über das in unseren Schulen eingeführte