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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-10-19 · Heft 43 (19.10.1886) · p. Seite 684

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 43 (19.10.1886)
Date
1886-10-19
Page
Seite 684 (sequence 12)
Language
German
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684 Bett zu holen, was auch durch Einsteigen in ein unverschlossenes Fenster und Eindringen ins Schlafzimmer geschah. Der so jählings Geweckte meinte einen Dieb zu sehen und war so empört über die Aufklärung, daß es nur dem Zuspruch des protestantischen Geistlichen gelang, eine Anklage wegen nächtlichen Einsteigens abzuhalten, die jedenfalls für alle schlimm ausgefallen wäre. Ob er nun auf dieses hin eifriger den Gottesdienst besuchen wird steht dahin." (Was die von kleinen Gemeinden schwer aufzubringenden Cultuskosten betrifft, bei deren Unzulänglichkeit die Einrichtungen und das Personal oft sehr mangelhaft bleiben, so findet im Königreich Württemberg eine Unterstützung jener aus einer israelitischen Centralkasse statt, welche aus Umlage auf alle Israeliten des Landes und aus Staatsmitteln erhalten wird. Leider ist dies in Deutschland der einzige Fall. Anderweitige Vorschläge zu desfallsigen Vereinen und Sammlungen haben keinen Erfolg gehabt. Redaktion.) Oesterreich-Ungarn. Wien, 3. Oct. (Privatmitth.). In dem Orientalisten- Congreß, welcher in diesem Jahre hier abgehalten und u. a. von Chwolson aus Petersburg, H. Derenhourg und Jules Oppert aus Paris, Neubauer aus Oxford, Goldziher aus Budapest besucht wurde, gab die semitische Section der Meinung Ausdruck, daß eine kritische Ausgabe des Talmud ein wissenschaftliches Erforderniß sei! Die erste Anregung dazu gab Hr. I. G. Weiß, Lector am hiesigen Bet-Hamidrasch, der auch ein Probeblatt der neuen Talmudausgabe dem Congresse vorlegte. Prag, 28. September. Wie die „Politik" mittheilt, ist es dem Prager Verein „Or-Tomid", welcher sich das Ziel gesteckt hat, die Pflege des israelitischen Gottesdienstes in czechischer und hebräischer Sprache einzuführen, gelungen, ein eigenes Bethaus zu errichten. Dasselbe wurde am 26. d. in feierlicher Weise eröffnet. Die Synagoge ist ziemlich geräumig, sodaß daselbst 106 Sitze untergebracht werden könnten. Die Ausstattung ist eine glänzende. Der Vorhang vor dem Altar, ein Geschenk der Eheleute Ignaz Josef und Anna Rudolf, ist aus schwerem Seidenstoffe in den Landesfarben angefertigt. Oberhalb des Altars prangt die böhmische Krone. Bei der Einweihungsfeier ergriff der Obmann des Vereins „Or-Tomid", Herr Salomon Zalud, das Wort, um die Festtheilnehmer Namens des Vereins zu begrüßen. Das böhmische Volk — sagte er — habe seit jeher unter den Völkern Europas die größte Toleranz Andersgläubigen gegenüber bewiesen und werde auch künftighin den Juden, wenn sie ihren patriotischen Pflichten Nachkommen, freundlich entgegenkommen. Die Fesipredigt hielt Rabbiner Dr. Bondy, welcher dem Wunsche Ausdruck gab, daß die übrigen jüdischen Cultusgemeinden in Böhmen dem Beispiele des „Or-Tomid" folgen mögen. Aus Galizien, 7. Oktober erhält die „N. Fr. Pr." folgende Meldung: Kurz vor dem jüdischen Neujahrsfeste wurde an mehrere Ortsgemeinden des Bezirkes Cieszanow eine „Aufforderung" (polnisch „wazwanie“) versendet, abgefaßt im üblichen Amtsstile und versehen mit der Unterschrift des Bezirkshauptmannes und dem Amtssiegel. Diese Aufforderung hatte nachstehenden Wortlaut: „Im Namen.wird die Gemeinde aufgefordert, Vorbereitungen für den 29. September 1886, 9 Uhr Abends, zu treffen, damit dieselbe in den Stand gesetzt sein soll, wenigstens hundert junge und tüchtige Bauern, versehen mit Sensen und Hacken, zur anberaumten Zeit nach Cieszanow zu entsenden, um die Juden zu morden und zu plündern, da zu dieser Zeit anläßlich des jüdischen Neujahrsfestes sämmtliche Juden beisammen sind. Dieses Massakre ist sowohl vom Landtage in Lemberg, sowie vom Reichsrathe in Wien angeordnet und beschlossen und von .... sanktionirt worden!" Jedes Schriftstück trägt die genau nachgeahmte Unterschrift des Bezirkshauptmannes, Herrn Ciszka, und das Amtspetschaft in Siegellack. Obschon unser Landvolk keine konfessionelle Gehässigkeit kennt und noch nie eine Neigung zur Gewaltthätigkeit gegen die Juden kundgab, hätte diese Aufhetzung an einzelnen Orten doch von bedauerlichen Folgen begleitet sein können. Glücklicherweise kam noch rechtzeitig der Ortsrichter von Lublieniec (nächst Cieszanow) mit dem Schriftstücke zum dortigen Pfarrer, der sogleich die gefährliche Tendenz dieses Aufrufes erkannte und in die Stadt eilte, um den Bezirkshauptmann hiervon in Kenntniß zu setzen. Dank der Energie des Bezirkshauptmannes, Herrn Rudolf Ciszka, der sofort die umfassendsten Recherchen anstellte, gelang es noch am selben Abende, den Schreiber dieses Schriftstückes zu eruiren. Es war dies ein fünfzehnjähriger, ganz ungebildeter Bursche, Sohn eines Fleischselchers und Restaurateurs in Ciescanow. Derselbe gestand zwar gleich ein, daß dies seine Handschrift sei, über den intellektuellen Urheber des Schriftstückes jedoch verweigerte er jede Aussage, indem er angab, daß ihm ein unbekannter Herr, der in der Restauration seines Vaters dinirte, ihm den Inhalt diktirt habe. Das Amtspetschaft wurde dadurch hergestellt, daß der Siegellack- Abdruck von alten, vom Amte als Makulatur verkauften Viehpässen abgenommen worden war. Der Bursche wurde sofort in Haft genommen, und die Gendarmerie beordert, sämmtliche Ortsgemeinden über die Provenienz des Schriftstückes zu verständigen und ihnen die Abschriften abzuverlangen, um so jeder Gefahr einer Ausschreitung vorzubeugen. Bulgarien. Sofia, im September. In den schwierigen Verhältnissen, in welchen sich das junge Bulgarien befindet, haben

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