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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-10-19 · Heft 43 (19.10.1886) · p. Seite 683

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 43 (19.10.1886)
Date
1886-10-19
Page
Seite 683 (sequence 11)
Language
German
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683 Zweibruckrn, 30. Oktober. (Privatmitth.) Der hiesige Bezirksrabbiner, Herrvr. I. Mayer, versendet jährlich einen „Bußbrief zum Verlesen in den Synagogen seines Bezirks am Col Nidre. Das ist interessant genug, um hier wiedergegeben zu werden. Etwas über häuslichen Gottesdienst. „Gewöhne den Knaben nach seiner Weise, auch wenn er alt wird, weicht er nicht davon." (Sprüche Salomos 22, 7). In meinem vorjährigen „Bußbriefe" habe ich über Synagogenbesuch unb Synagogenzucht zu Euch geredet und euch aufgefordert, die Jugend zum Besuche des Gotteshauses anzuhalten, damit sie dem Gotteshause nicht entfremdet werde. Heute will ich ergänzend auf die noch bedeutsamere Wichtigkeit des häuslichen Gottesdienstes für die Jugend aufmerksam machen. Auf meinen Rundreisen durch den Rabbinatsbezirk tönt vielfach die Klage der Familienväter an mein Ohr, daß die Kinder im Gebethaüse sich nicht zurechtfinden, daß sie die einzelnen Ereignisse im Leben nicht religiös zu behandeln verstehen, daß überhaupt Knaben sowohl als Mädchen nicht gehörig vorbereitet in das Jahr der religiösen Mündigkeit eintreten. Einer allgemeinen menschlichen Schwäche nachgebend, sucht man die Ursachen dieser betrübenden Erscheinung nicht bei sich, sondern schiebt die volle Schuld der Schule zu. Allein, selbst der gewissenhafteste, in seinem Lehramt von heiligstem Eifer erglühte Lehrer vermag nur zu lehren, nicht aber das Kind zum Thun anhalten. „Wichtiger aber als das Lehren, ist die Bethätigung der religiösen Lehren" (Talmud Berachot 7). Letztere aber herbeizuführen, ist die Aufgabe des Elternhauses; dieses muß die Jugend zum religiösen Thun heranziehen, dieselbe daran gewöhnen, durch sorgfältige Handhabung des häuslichen Gottesdienstes. „Mit den ersten Sprechversuchen des Kindes beginne auch schon der Unterricht des Vaters" (Talmud Sukkah 42). Auf Schritt und Tritt bietet dann die Religion dem Vater Gelegenheit, das Kind an Gott und seine heilige Lehre zu erinnern und zu gewöhnen. Die Natur mit ihren Wundern, die Pflanzenpracht der Erde, der Himmel mit seiner Siernenwelt, die Genüsse des Lebens, die Erfüllung der göttlichen Gebote, die besondere Fürsorge Gottes für den Menschen — all dieses bietet Anlaß zur Belehrung des Kindes, wobei man es je nach Alter und Fassungskraft mit den einschlägigen religiösen Gebräuchen und Segenssprüchen bekannt macht. Mit zunehmendem Alter wird das Kind in das Gebetbuch einzuführen sein. Wohl kann ihm die Schule die Kenntniß und Bedeutung der Gebete beibringen, nicht aber die völlige Gewandtheit und Sicherheit, sich in den verschiedenen Gebetbüchern zurechtzufinden. Aus diesem Grunde dürfte auch die in verschiedenen Synagogen der Ordnung wegen getroffene Einrichtung der Absonderung der Kinder nicht zu empfehlen sein. Wer soll da die Kinder im richtigen Gebrauch des Gebetbuchs unterweisen? Es soll der Vater das Kind bei sich haben, damit er ihm seine Führung angedeihen lassen kann. Und wie erhebend wäre es weiterhin für den Vater, wenn er an Sabbat- und Festtage, anstatt die freien Nachmittage zu unerlaubten und unedlen Vergnügungen zu mißbrauchen, mit den Kindern die Wochenabschnitte durchlese, um lehrend zu lernen und zu verwirklichen das Wort des Schema-Gebetes: „du sollst die Lehre deinen Kindern einschärfen!" — Ebenso ist es heilige Pflicht der Mutter, die Mädchen zu ihrem künftigen Berufe als jüdische Hausfrauen anzuleiten, indem sie dieselben mit den verschiedenen, dem Pflichtenkreise des Weibes obliegenden Bethätigungen religiöser Vorschriften vertraut macht. „Wie das Thun der Mutter, wird dann das Thun der Tochter sein" (Talmud Ketubot 63). Pflege des häuslichen Gottesdienstes ist eines der wirksamsten Mittel zur Förderung des religiösen Sinnes und Lebens unserer Jugend. Entsprechend dem talmudischen Erziehungsgrundsatze: „Erst lernen, dann verstehen", wird das also der Jugend angewöhnte Leben derselben zur zweiten Natur werden, um allmählich auch den Verstand des reiferen Menschen zu befriedigen und gefangen zu nehmen. Darum rufe ich Euch am heutigen Versöhnungstage zu: „Gewöhne den Knaben nach seiner Weise, auch wenn er alt wird, weicht er nicht davon." Di-. Israel Mayer, Bezirksrabbiner. Aus Baden, 29. Sept. Folgender kleiner Artikel in der „Neckar-Zeitung" vom 5. Oktober enthält eine nur unbedeutende Thatsache, giebt aber einen Einblick in die Bedrängnisse der kleinen jüdischen Gemeinden, namentlich durch das Festhalten des „Minjan." Es heißt dort: „Die kleinen israelitischen Landgemeinden nehmen fortwährend an Zahl der Mitglieder ab, theils durch Aussterben, theils durch Wegzug, so daß dieselben öfters kaum die nöthigen Kultusumlagen bestreiten können. Auch die regelmäßigen Gottesdienste können kaum abgehalten werden, da hiezu nach Vorschrift mindestens zehn erwachsene Personen anwesend sein müssen. Deshalb war man in einem unserer kleinen Landorte sehr froh, als ein aus Norddeutschland stammender, sehr reicher Privatmann ein hübsches Anwesen kaufte und sich eine prächtige Billa hinstellen ließ, da derselbe die israelitische Kultusgemeinde wieder auf zehn Familien brachte und zudem einen erheblichen Beitrag an Steuern leistete. Der neue Einwohner besuchte die Synagoge regelmäßig, um die religiöse Feier zu ermöglichen. Aber diese Opferwilligkeit fand vorgestern ihre Grenze, als der hohen Feiertage wegen bereits um 4 Uhr Morgens die Andacht begann, unser Privatier aber ausschlafen wollte. Da die Gemeinde nur aus neun Personen bestand, erhielt eine derselben den Auftrag, den Säumigen aus dem 4L*

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