Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-10-19 · Heft 43 (19.10.1886) · p. Seite 681

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 43 (19.10.1886)
Date
1886-10-19
Page
Seite 681 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227609-3227653--43910-3264298
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

681 diese Helden nicht meist aus persönlichen Gründen vom Schauplatz abgetreten wären, sie fänden jetzt das frühere Publikum nicht mehr. Der „reine Antisemitismus", auf den seine Väter so stolz waren, ist im Schwinden. Er ist opportunistisch geworden, und Leute, die einst mit Stolz sich als Antisemiten bezeichneten, nennen sich heute conservativ. Der Antisemitismus hat seine Arbeit gethan, leider nicht ohne Erfolg und in das von ihm bereitete Bett legen sich jetzt diejenigen, die sich conservativ oder auch gemäßigt nennen, selbst die Nationalliberalen suchen sich hineinzudrängen. Dieser Vorgang vollzieht sich langsam aber konsequent, mag der Herr Hofprediger sagen was er will. Er selbst ist sogar schon Opportunist geworden. Einen Maßstab für diese Bewegung bieten die antifortschrittlichen Candidaturcn in Berlin. Bei den Reichstagswahlen von 1881 galt ein Liebermann von Sonneberg im 1. Berliner Wahlkreis für den geeignetsten Candidaten, er erhielt auch wirklich seine 6000 Stimmen. 1884 wagte man schon nicht mehr mit einem so wüsten Demagogen untersten Ranges aufzutreten, man griff zu Hrn. Adolph Wagner als einer feineren Nummer. Kaum war dieser durchgefallen, so könnte man von angesehenen Conservativen hören, daß dies der letzte Versuch gewesen sei, den man mit einem ausgesprochenen Antisemiten gemacht habe. Das bestätigt sich. Herr Wagner, der durchgefallene Candidat im deutschen Reich, ist kaltgestellt; an seine Stelle tritt für die bevorstehende Ersatzwahl Herr v. Levetzow. Der ehemalige Präsident des Reichstags würde zwar, davon sind wir überzeugt, wenn der Antisemitismus sich überhaupt in der Gesetzgebung praktisch bethätigen könnte, hinter Hrn. Stöcker wenig zurückstehen; er ist aber ein feingebildeter, zartfühlender Mann, der sich an einer unnöthigen antisemitischen Hetze nie betheiligen wird, und der, wenn er als Candidat interpellirt werden sollte, es sicher vermeiden wird, die jüdischen Wähler vor den Kopf zu stoßen. Seine Ausstellung ist eine unstreitige Desavouirung der Antisemiten, die bisher die Führung in der Berliner Wahlbewegung hatten. Sie erhalten damit das Zeugniß, daß einer der Ihrigen als Vertreter Berlins im Reichstage unmöglich ist. Das fühlen sie auch. Es ist gestern in einer Versammlung, in welcher der „reine" Antisemit Böckel aus Marburg, der unter dem Namen Capistrano reist, eine Gastvorstellung gab, aus Anlaß der Besprechung der bevorstehenden Wahlen zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den extremen Antisemiten und den opportunistischen Anhängern Stöckers gekommen. Die ersteren verlangen, daß der aufzustellende Candidat vor allem ausgesprochener Antisemit sei. Sogar Angriffe auf Stöcker und Cremer sind dabei vorgekommen; Herr Böckel hat erklärt, daß Cremer bei seinem neulichen Auftreten in Kassel sich blamirt und dem Antisemitismus geschadet habe und hat die Vermuthung ausgesprochen, daß Herr Stöcker, wenn er hinkomme, sich ebenso blamiren werde. Der Herr Hofprediger ist einem Theil seiner früheren Anhänger nicht mehr extrem genug und wird bald zwischen zwei Stühlen sitzen. Die Probe darauf wird im nächsten Jahre gemacht werden; dann wird sich zeigen, ob Herr Stöcker nochmals im zweiten Wahlkreis aufgestellt wird oder ob die Conservativen es nicht vorziehen, namentlich wenn inzwischen ihre Beziehungen zu den Mittelparteilern sich gebessert haben, den Herrn Hofprediger ebenso kaltzustellen, wie sein Freund Wagner im ersten Wahlkreis kaltgestellt worden ist. Wir vermuthen, er kandidirt nicht mehr." — Die zweite Corr. lautet: „Eine antisemitische Bezirksversammlung veranstaltete der deutsche Ansemitenbund am Donnerstag Abend im ersten Berliner Wahlkreis. Herr Böckel aus Marburg gab wieder eine Vorstellung in bekannter Weise. Auf eine Anfrage, wie die Antisemiten im ersten Wahlkreis sich bei der Ersatz-Reichstagswahl verhalten sollten, antwortete der Vorsitzende, vr. Blavier, nach der „Kreuzzeitung", daß man dem Candidaten die Stimme geben sollte, der sich zu der Richtung der Antisemiten bekenne. E>r. Böckel lehnte es ab, über diese Wahlfrage zu sprechen, denn über eine Sache, die man nicht kenne, müsse man nicht reden, sonst könne es einem gehen, wie dem Abgeordneten Cremer in Kassel, der sich dort mit seiner Rede über Kasseler Verhältnisse gründlich blamirt habe. Nun wolle auch der Hofprediger Stöcker nach Kassel, um sich vielleicht ebenso zu blamiren wie Herr Cremer. (Stürmische Widersprüche.) Hofprediger Stöcker, so meinte vr. Böckel weiter, wolle in Kassel gegen den Antisemitismus reden. (Widerspruch; Rufe: nein, niemals!) Im klebrigen gab vr. Böckel allgemeine Verhaltungsmaßregeln für die Antisemiten: „Fragen Sie jeden Candidaten, ob er für den Antisemitismus sei; antwortet er „ja", so wählen Sie ihn; antwortet er nein, oder giebt er, was wahrscheinlicher, ausweichende Antworten, so enthalten Sie sich der Stimme. Bon den Conservativen hätten manche vor der Wahl sich Antisemiten genannt, nachher im Parlament aber nichts davon merken lassen. (Oho!) Halbheit nütze nichts und mit Discretion sei in dieser Beziehung nichts mehr anzufangen. (Vereinzelter Beifall.) Ein Christlich-Socialer trat hierauf für Stöcker ein. vr. Blavier meinte aber, Stöcker habe der antisemitischen Partei geschadet dadurch, daß er ihre Bewegung in ein christliches Fahrwasser gelenkt habe. Deshalb sei er (Blavier) auch nicht mehr christlich-social, sondern Antisemit, vr. Böckel schließt sich den Ausführungen des Vorredners an. Stöcker's Verdienste müsse jeder anerkennen (Beifall), aber auch seine Schwäche nicht verkennen! Die Versammlung wurde hierauf mit einem Hoch auf den „unverfälschten und krassen Antisemitismus" geschlossen. Armer Stöcker! Selbst das Vertrauen der „unverfälschten" Antisemiten hat er verloren." 43

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.