Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 43 (19.10.1886)
- Date
- 1886-10-19
- Page
- Seite 680 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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680 zum Vergleich mit den jüngsten Fortschritten derselben auf und zeigen die vielfachen Wandelungen, welche diese Kritik bis zum heutigen Tage erfahren hat. Viele Ansichten Vatke's, Anfangs mit Vieler Zustimmung ausgenommen, wurden schon zu seinen Lebzeiten verdrängt, in ganz gegentheilige Ansichten verwandelt und durch völlig andere ersetzt. Allerdings sind die meisten dieser neuesten Meinungen noch weniger haltbar als die Vatke's, während einige von diesen aufgestellten fest begründet erscheinen. Kurz, diese Bibelkritik ist noch so verworren und wrrd immer noch verworrener, sodaß aus dem ganzen Chaos nur wenige, aber bedeutsame Ergebnisse als sicher angesehen werden können. Einen Hauptgrund, welcher diese Erscheinung hervorgebracbt hat, hat jüngst Renan angegeben, ohne daß freilich seine eigenen Hypothesen glücklicher gewesen wären. Er beschuldigt nämlich die Bibelkritiker, viel zu sehr auf äußere Momente Gewicht gelegt, äußerliche Andeutungen und scheinbare Widersprüche zu Factoren der Kritik gemacht, hingegen den Geist der h. Schriften, den inneren geistigen Zusammenhang viel zu wenig oder gar nicht erforscbt und beobachtet zu haben. Dasselbe haben wir bereits viele Jahrzehente hindurch gepredigt. Diesen Vorwurf kann man auch den vorliegenden Vorlesungen in vollem Umfange machen. Sie sind gründlich, aber sehr nüchtern abgefaßt. Geben wir ein Beispiel. Der erste Theil enthält „die Einleitung in das Alte Testament" und das erste Capitel hat die Uebeischrift: „Vom Geist des hebräischen Volkes und seiner welthistorischen Stellung." Ueber diesen „Geist" erhalten wir nun nichts weiter als folgende Sätze: „Das hebräische Volk gehört ungeachtet seiner geringen Bolkszahl und seiner wenig bedeutenden weltgeschichtlichen Thaten zu den hervorragendsten Völkern der alten Welt; denn es war ja das Organ des Monotheismus, den wir bei andern Nationen des Alterthums vergebens suchen. Diese höhere Würde des Volkes hatte aber in dem Zusammenhänge desselben mit der asiatischen Welt die Naturbestimmtheit zur Basis und zum Ausgangspunkt." Dies ist Alles, und man wird zugestehen, daß wir durch diese Worte sehr wenig über „den Geist des hebräischen Volkes" erfahren. Ausführlicher wird dann der Einstuß anderer Völker auf das Volk Israel dargestellt. Dennoch aber nur oberflächlich. Es handelt sich nach Vatke am Ende mit Ausnahme der Phönizier und Egypter nur um einige in der Bibel vorkommende Wörter von Gegenständen, die aus jenen Ländern kamen. Vom Monotheismus der Egypter, von welchem so viel gefabelt worden, will er so wenig wie wir etwas wissen. Doch der Raum verbietet uns, auf Details einzugehen, deren hier über alle Theile der h. Schrift eine große Fülle gegeben wird. Jedenfalls kann dieses Werk von Niemandem, der die Geschichte der modernen Bibelkritik studirt, übersehen werden. — Prof. Hilgenfeld giebt eine Schrift „Judenthum und Judenchristenthum", eine Nachlese zu der „Ketzergeschichte des Urchristenthums" heraus. — Der als antisemitischer Schriftsteller bekannte Prof. Dr. Warmund in Wien, gegen welchen der Redacteur der A. Z. d. I. bereits vor einigen Jahren eine scharfe Polemik in der „Allgem. (Augsburger) Zeitung" führte, veröffentlichte eine Schrift: „Das Nomadenthum und das Gesetz der Judenherrschaft", in welcher er die Urgeschichte Israels und die der Juden bis zum heutigen Tage mit seinem Lichte beleuchtet. Man kann sich im Voraus denken, daß es ein Licht durch eine sehr geschwärzte Glastafel ist. Deutschland. Berlin, 8. Oct. Die „Franks. Ztg." vom 3. d. enthät zwei Correspondenzen aus Berlin unter obigem Datum, die wir hier mittheilen müssen, weil sie sehr bezeichnend für die gegenwärtige Situation sind. Es heißt: „Herr Stöcker ist in voriger Woche nach langer Pause zum ersten Mal wieder öffentlich vor seinen Christlich-Socialen aufgetreten. Wenn er auch bei dieser Gelegenheit bemüht war, ein möglichst zuversichtliches Wesen zur Schau zu tragen, und namentlich bestritten hat, daß er officiös bei Seite gedrängelt worden sei, so kann das doch Niemanden darüber täuschen, daß die besten Tage des Herrn Hofpredigers in Berlin vorüber sind. Nicht daß der Antisemitismus namentlich als der wichtigste Faktor zur Bekämpfung des Liberalismus in Berlin an Einfluß und Bedeutung verloren habe — es wäre eine schwere Täuschung, dies zu glauben — die Tonart aber ist eine andere geworden. Die Zeiten sind vorüber, in denen Männer wie Henrici, Liebermann, Ruppel, Pickenbach unter dem wüthenden Beifall Tausender ihre berüchtigten Brandreden halten konnten. Die meisten der damals gepriesenen Wortführer haben bürgerlich Schiffbruch gelitten, selbst ihre begeistertsten Anhänger leugnen jetzt nicht mehr, daß es katilinarische Existenzen schlimmster Art waren und es ist Vielen peinlich, wenn sie heute daran erinnert werden, daß sie einst wirklich versucht haben, Persönlichkeiten, gegen die damals schon jede anständige Gesellschaft sich abschloß, als Vertreter Berlins in den Reichstag zu bringen. Aber auch selbst wenn