Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 43 (19.10.1886)
- Date
- 1886-10-19
- Page
- Seite 679 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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679 und seiner Sekten" greifen, und daun erst nach den anderen bez. Geschichtswerken. Wir wissen sehr wohl, daß es Jost an einer gewissen Begeisterung und sentimentaler Kraft fehlte, und daß er hierin der Ergänzung sehr bedarf. Er hatte keine große Anlage für Dogmatik, um von dieser aus die Dinge zu beurtheilen. Dies ist im Kampfe der Parteien ein Mangel. Aber was ihm hierin gebrach, das war gerade entscheidend für die unparteiische, objective Behandlung der geschichtlichen Gegenstände. Eine objective, wissenschaftliche Bearbeitung ist aber nicht nach dem Geschmacks Vieler, und es konnte deshalb unschwer gelingen, ihn zu verdrängen und seine Verdienste zu verhüllen. Wir sagten deshalb, daß die genannte Schrift des Herrn Zirndorf uns eine Befriedigung verschaffte, da uns dieselbe das Bild des Verstorbenen in recht lebhaften, und, soweit unser Urtheil geht, in recht wahren Zügen, vorführt. Man hat hier keine eigentliche Biographie zu erwarten. Der Verf. hat anderthalb Jahre in Frankfurt gelebt und stand während dieser Zeit mit Jost in sehr regem Verkehr. Jost würdigte ihn, soweit es seine Zeit erlaubte, eines intimen Umgangs. Hiervon nimmt er Gelegenheit, den Charakter Jost's nach allen Seiten hin zu schildern, auch auf dessen früheren Lebensgang einige Blicke zu werfen, die Freunde Jost's zu erwähnen und allgemeine Betrachtungen daran anzuknüpfen, welche letztere allerdings oft etwas weit ausgreifen, jedoch meist interessant sind. Derjenige namentlich, welcher jene Zeiten selbst durchlebt hat, wird davon vielfach angesprochen. Der Verf. verfolgt also keinen bestimmten Faden, sondern nimmt von den Vorkommnissen im Umgang mit Jost Veranlassung, einen Charakterzug desselben zu schildern und seine Betrachtungen daran zu knüpfen. Er schildert unparteiisch die Vorzüge und die Mängel Jost's als Schriftsteller und als Mensch. Der Stil des Verf. ist, wie wir als bekannt voraussetzen können, correct und elegant, nur daß er hier und da ein wenig zu viel darin thut! Jost war ein durchaus wackerer, wohlgesinnter, wohlthätiger, unermüdlicher, tief ernster Mann» der mit allen diesen löblichen Eigenschaften Liebenswürdigkeit und Humor verband. Er war dies Alles, ohne irgend was an Festigkeit des Charakters und Consequenz der Ansichten aufzugeben. Wir können dies und das obige Urtheil über die Schrift von Zirndorf unumwunden aussprechen, da wir mit Jost erst in später Zeit persönlich bekannt wurden. Außer einem flüchtigen Besuch als ich in Berlin studirte, traf ich mit ihm erst 1845 bei Gelegenheit der Frankfurter Rabbinerversammlung zusammen. Er bat mich, ihn zu besuchen, um mir das bereits vor Jahr und Tag abgefaßte Kapitel in seiner an Material so reichen „Geschichte der Juden von 1815—1845", die sich unter der Presse befand, vorzulesen, das er mir gewidmet, und mir die Unparteilichkeit zu erhärten, die er gegen alle Erscheinungen der Zeit beobachte. Später, als das „Institut zur Förderung der israelitischen Literatur" gegründet ward, übernahm er mit Jellinek und mir die Leitung. Ich kam hierdurch in eine lebhafte Correspondenz mit ihm und erfreute mich in derselben des gediegenen Urtheils, der Kürze des Ausdrucks und der ungewöhnlichen Pünktlichkeit, die ihm eigen waren. Als Jellinek und ich in Vorschlag brachten, Grätz' Geschichte, deren vierter Band bei Veit & Co. erschienen, nicht gut gegangen war und deshalb von der Buchhandlung nicht fortgesetzt wurde, für das Institut anzunehmen, gab er bereitwillig seine Einwilligung. Wir schlugen dies nicht gering an, da ihm in Grätz ein Rival erstanden, der gerade nicht säuberlich mit ihm umgegangen. Als nun Grätz zunächst seinen dritten Band geben wollte, sagte Jost lächelnd: „Ja, Grätz geht rückwärts, und Ihr werdet sehen, daß er immer weiter rückwärts geht." Ein Jahr vor seinem Tode sah ich ihn zum letzten Male. Er war sehr freundlich wie immer, aber melancholischer Stimmung, und ließ sich über die Täuschungen des Lebens ernsthaft aus, worüber ich ihm Vorstellungen machte, da doch wahrlich er mit den Ergebnissen seines Schaffens und Wirkens wohl zufrieden sein konnte. Es war ein Abschiedsgruß, der mir nach seinem uns überraschenden Hinscheiden noch oft ins Gedächtniß zurückkehrte. Doch wie gesagt, die Auffrischung seines Andenkens und die Erinnerung an seine Persönlichkeit, die in der Schrift des Herrn Zirndorf gegeben worden, muthet uns sehr an, und wir empfehlen sie besonders dem jüngeren Geschlechte unter den Lehrern Israels, damit es sich nicht durch die Einwirkung ihrer Meister dem Studium der Werke Jost's entziehen möge. — Die Bibelkritik hat von Spinoza bis zu den jüngsten deutschen Kritikern und der letzten Schrift Renan's schon eine ganze Geschichte mit bestimmten Etappen hinter sich. Eine solche Etappe nach Eichhorn und Gesenius nahm Vatke ein. Wilhelm Vatke begann im Jahre 1830 seine academische Laufbahn. Fünf Jahre später gab er seine Schrift: „Die Religion des alten Testamentes nach den kanonischen Büchern" heraus, und mit dieser Schrift hatte er zwar in den wissenschaftlichen Kreisen einen bedeutenden Erfolg, erregte jedoch bei der unterdeß zur Herrschaft gelangten orthodoxen Theologie, deren Vertreter Hengstenberg an derselben Berliner Universität war, großen Anstoß. War dies der Anfang seiner bibelkritischen Laufbahn, so erhalten wir jetzt ein posthumes Werk von ihm: „Wilhelm Vatke's historischkritische Einleitung in das Alte Testament". Nach Vorlesungen herausgegeben von vr. Hermann G. S. Preiß. Bonn, Emil Strauß. 1886. (754 S. gr. 8.) Diese Vorlesungen, welche Vatke bis gegen 1860 nach eigenen und nach den bis dahin veröffentlichten neueren Forschungen umarbeitete und ergänzte, geben denn auch ein reiches Material für die Geschichte und Literatur der Bibelkritik, insonders der deutschen, von 1840—1860. Sie fordern jedoch auch