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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-10-19 · Heft 43 (19.10.1886) · p. Seite 678

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 43 (19.10.1886)
Date
1886-10-19
Page
Seite 678 (sequence 6)
Language
German
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678 Staaten mit der katholischen Glaubenslehre vor Augen. Die Ertheilung politischer Rechte an Juden ist daher eine Versündigung gegen Gott. Es wird daher ihre stete Aufgabe sein, das Judenthum mit allen Mitteln zu bekämpfen und in diesen Mitteln ist die Kirche wahrlich nicht wählerisch. Wollten wir also, von Schlagwörtern wie „religiöse Gleichberechtigung" und „Autonomie" verleitet, den Sieg der katholischen Kirche als Sieg der Gewissensfreiheit und Toleranz feiern, so heißt das nichts anderes, als daß wir uns an den Triumphwagen unseres Feindes spannen. Nun ist wohl dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Die Staaten wollen heute nicht die unerfüllbaren Wünsche der Kirche genehmigen und könnten es auch nicht, wenn sie wollten, daher die Gefahr, daß die kanonischen Decrete des Mittelalters gegen die Juden, das Tragen von Abzeichen, das Wohnen in besonderen Vierteln, das Verbot christliche Dienstboten zu halten, jemals in Ausführung kommen sollten, wohl geschwunden ist. Viel bedenklicher aber ist der Einfluß, den die katholische Lehre und Kirchenverfassung durch ihr Beispiel auf das Judenthum giebt. Besonders die Erfolge der letzten Jahre haben vielen Juden und zumeist den Rabbinern die Meinung beigebracht, daß es nur genüge, nachhaltig allen Forderungen der Neuzeit entgegenzutreten, die Stellung des rabbinischen Standes mit absolutem Rechte auszustatten, um das Beste der Religion zu bewirken. Auch das Publicum thut oft so, als hinge es nur von der Consequenz der Rabbiner ab, um für ewige Zeiten die volle Stabilität des religiösen Lebens herbeizuführen. Besonders die frommen stehen hier obenan, indem sie ganz vergessen oder vergessen wollen, daß der katholische Geistliche in seinem Verhalten sich nur von seiner geistlichen Behörde lenken läßt, also nach obenhin viel nachgiebiger ist, als der jüdische Seelsorger, welcher nach obenhin, d. h. seiner Gemeinde gegenüber, oft schwere Kämpfe zu bestehen hat. Ist die Kirche zumeist als unsere offene Feindin uns gefährlich, ist sie des weiteren von einem bedenklichen Einflüsse auf unsere Gemeindeorganisativn, so ist noch ein drittes Moment da, welches durchaus nicht unterschätzt werden darf, d. i. der Einfluß, den die Kirche für uns unbewußt, aus unsere ganze religiöse Denkungsart ausübt, mit anderen Worten: während wir Juden in der Tradition den Versuch sehen, das religiöse Leben in andere Bahnen zu lenken, nachdem es auf der alten Basis nicht weiter bestehen kann, so versteht die Kirche^ unter Tradition die der geoffenbarten Lehre völlig gleichartige Auslegung des Schriftwortcs, welche ebenso untrüglich von dem heiligen Geiste gegeben ist, wie die Offenbarung selbst. Verstehen wir ferner unter Apologetik, wie sie bei den mittelalterlichen Religionsphilosophen, etwa bei Maimonides, sich zeigt, den geschichtlich bedingten, durch die jeweilige Erfahrungswisienschaft gestützten Versuch, das religiöse Gewissen mit der wissenschaftlichen Erfahrung auszugleichen, so sieht die Kirche in ihren Apologeten eine unbedingte, für ewige Zeiten giltige Autorität. Können wir nun bei aller Verehrung für Maimonides absehen von der Thatsache, daß er seine Schöpfungstheorie auf der von der Wissenschaft längst aufgegebenen Lehre von den vier Elementen basirt, daß er nach Plato zwei Urstoffe, den einen, aus welchem der Himmel, den zweiten, aus welchem die Erde geschaffen wurde, annimmt? Müssen wir nicht zugestehen, daß seine wissenschaftlichen Theorien heutzutage vollständig überholt sind und daß selbst der Ausgleich zwischen dem biblischen und rabbinischen Schriftthum einerseits und der Wissenschaft jener Zeit andererseits nicht einmal als gelungen bezeichnet werden kann? Darf man über Thomas von Aquino anders urtheilen? Und doch ist dieser nun zum Patron aller Studien erhoben worden und werden seine Werke zur Heilung aller religiösen Zweifel empfohlen. Diese Manier, auf die Kritiklosigkeit der großen Menge zu rechnen und sein eigenes Gewissen mit Halbheiten zu beschwichtigen, ist bedenklicher, gefährlicher, für die religiöse Entwicklung, als die schroffste Negation, und allen denen, welche — das geschieht ja nicht nur auf jüdischer, sondern auch auf protestantischer Seite sehr häufig — mit Neid auf die mächtige Entwicklung des katholischen Kirchenlebens blicken, rufen wir die Worte des Propheten zu: „Mich haben sie verlassen, den Quell lebendigen Wassers, um sich zu graben löcherige Cisternen, die das Wasser nicht behalten." Literarischer Wochenbericht. Bonn, 10. October. Mit wahrer Befriedigung empfingen wir jüngst von Cincinnati die Schrift: Isaak Markus Jost und seine Freunde. Ein Beitrag zur Culturgeschichte der Gegenwart. Von Heinrich Zirndorf. Mit dem Bildnisse Jost's. (Leipzig und New-Jork, Westermann & Co. 1886.) Unsre schnelllebige Zeit geht rasch vorwärts, namentlich über Gräber, über Gräber verdienstvoller Schriftsteller. Theils die wirklichen Fortschritte der Wissenschaft, theils der literarische Eifer, mit welchem die durch die Vorgänger gewonnenen Resultate immer von Neuem verarbeitet und umgegossen werden, lassen die ihrer Zeit bekanntesten Namen vergessen und den Standpunkt, den ihre Träger einnahmen, als „überwunden" ansehen, auch wenn dies in Wirklichkeit noch lange nicht der Fall ist. In unsren Augen hat Jost nicht bloß das Verdienst, für die Geschichte der Juden seit den Makkabäern die Bahn eröffnet und geebnet, sondern sie auch gegen Ende seines arbeitsvollen Lebens in objectivester Weise noch einmal bearbeitet zu haben. Wir gestehen, daß wir bei einer jüdisch-geschichtlichen Frage stets zuerst nach Jost's letztem Werke „Geschichte des Fudenthums

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