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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-10-19 · Heft 43 (19.10.1886) · p. Seite 677

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 43 (19.10.1886)
Date
1886-10-19
Page
Seite 677 (sequence 5)
Language
German
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677 Bcstandtheile wieder auf, „der Geist kehrt zu Gott zurück, der ihn gegeben". Es ist dies die einfachste Lehre über die Unsterblichkeit des Menschengeistes, die da stehen bleibt, wo unser Wissen aufhört, wo Gott einen wohlthätigen Schleier über das überirdische Leben gebreitet hat. Von der Art des Fortlebens, von der Beschaffenheit dieses jenseitigen Daseins wissen wir nichts, und was die verschiedenen Religionen darüber aussagten, ist nur Gebilde der Phantasie, das häufig genug zur Befestigung der Priesterherrschaft gemißbraucht worden. Das kurze Wort Koheleth's ist deshalb höchst charakteristisch und merkwürdig. Wenn die h. Schrift mit der Schöpfung des Menschen beginnt, so schließt sie in großartiger Weise mit diesem einfachen, aber durchaus bestimmten und sicheren Ausspruch. Allerdings ist er bei K. von logischer Folgerichtigkeit. Denn die Ueberzeugung von Gott als Richter des menschlichen Thuns und Lassens führt stets und nothwendig auf die Unsterblichkeit der Seele, durch welche dem Gerichte Gottes Raum geschaffen wird und der Gerechtigkeit Gottes Genüge geschieht. Sehen wir doch dasselbe bei Hiob, der alle Prüfungen der Gerechten als eine Erziehung zum „Lichte des Lebens", zum jenseitigen Leben erklärt.- Es folgt in unserem Buche noch eine Nachschrift, die an sich die Abfassung des Buches rechtfertigen soll, und als Endergebniß (V. 13.) aufstellt: „Das Ende der Sache, das Ganze lasset uns hören: Gott fürchte und seine Gebote wahre, denn dies ist der ganze Mensch. Denn jede That bringt Gott in das Gericht, über alles Verborgene, sie sei gut oder böse." — Wir haben so den Verlauf dieser denkwürdigen Schrift gezeichnet. Von pessimistischer Grundfärbung, ist sie doch nichts als eine Streitschrift gegen die krasse Skepsis, die sie sowohl durch die Lebenserfahrungen, als durch die höchsten Grundlehren der Religion und Sittlichkeit bekämpft. Sie geht in den zweifelsüchtigen Geist der Zeitperiode ein und von dessen allgemeiner Ansicht aus und will ihn gerade auf diesem Wege erlösen und von seinem drückenden Alp befreien. Sie hebt die Fahne der religiösen Lehren von Gott als Schöpfer, Vorsehung und Gericht hoch auf, und stellt von da aus die Forderungen der Sittlichkeit als unbedingt zum Glücke des Menschen in nothwendiger Folge hin. Obschon sie von dem durch den Mosaismus dem Volke Israel zuertheilten Berufe gänzlich schweigt, steht sie doch, wie wir erwiesen, fest auf dem Boden der mosaischen Lehre. Richtig verstanden, bildet Koheleth deshalb in allen Zeiten, in welchen der skeptische und pessimistische Geist sich verbreitet hat, ein wirksames Gegengewicht, sodaß wir an seiner Hand aus dem Labyrinthe der Zweifel zu einer religiösen und sittlichen Anschauung zurückzukehren vermögen. Brünn, im Oktober. Unser Verhaltniß zur katholischen Kirche. Von vr. G. Deutsch. Wir Juden sind vielleicht von Natur, jedenfalls aber durch geschichtliche Verhältnisse, sehr zur Illusion beanlagt. Ob es, wie in alter Zeit, ein Partherkrieg oder, wie im Laufe des Mittelalters, irgendwelche politische Wandlung in den Geschicken der Staaten gewesen ist, in denen wir lebten, alle Veränderungen, die wir zu unseren Gunsten deuten konnte», umfaßten wir augenblicklich mit der dem Unterdrückten eigenen Neigung zu sanguinischer Ueberschätzung, und meinten, jetzt sei das Ende alles Leidens gekommen. So hat man die Entdeckung Amerikas, die Reformation, das Auftauchen der Freigeisterei im 18. Jahrhundert, der Revolution des 19, kurz Alles und jedes als das Anzeichen einer sicheren und endgiltigen Erlösung aus den Banden der Schmach angesehen. Mit dieser Neigung zur Illusion hängt es zusammen, daß wir gerne an die Bekehrung unserer Feinde glauben. Und so ist es gekommen, daß wir, als die katholische Kirche durch die Aufhebung des Concordats in Oesterreich, durch die Auflösung des Kirchenstaates und durch die preußischen Culturkampfgesetze sich in ihrer Weltherrschaft geschädigt sah und darum über Unterdrückung, über die Wiederkehr der Zeiten Diocletians klagte, wie man Pathetisch die Sache zu nennen beliebte, ihr das alles aufs Wort glaubten und die „eoelesia pressa, von Herzen bemitleideten. Juden waren es, die vergaßen, daß die Kaplanpresse ihnen selbst in den Zeiten des siegreichen Liberalismus die liebenswürdigsten Artigkeiten widmete und überhaupt dafür sorgte, daß in einer Zeit, wo man die Gleichberechtigung der Confessionen gesetzlich fixirt hatte, der Judenhaß nicht vergessen wurde. Gegenwärtig nun, nach Beendigung des Culturkampfes in Preußen, nachdem die Kirche alles bis auf die Jesuiten wieder gewonnen hat, welch letztere der Papst dafür, daß er sie preisgab, durch ein öffentliches Wohlverhaltungszeugniß zu entschädigen suchte, nachdem ferner in den katholischen Ländern der kirchliche Einfluß im Steigen begriffen ist, nachdem endlich selbst China einen päpstlichen Legaten empfangen wird, mit einem Worte, jetzt nachdem die Kirche die eeclesia triumphans geworden ist, deren Oberhaupt, wie kürzlich ein österreichischer Bischof in einer Katholikenversammlung sagte, ein lumen de coelo sei, ist es an der Zeit zu fragen: Ist für uns Juden der Sieg der katholischen Kirche wirklich eine erfreuliche oder auch nur eine gleichgiltige Erscheinung? Wir antworten: die katholische Kirche ist nach der von ihr festgehaltenen Lehrmeinung die ausschließliche Besitzerin des Weges, welcher zum Heile führt, sie betrachtet daher das Judenthum als eine Verirrung, welche sie, um dem Reiche Gottes zum Siege zu verhelfen, vollständig ausrotten muß. Sie hat ferner als letztes Ziel die Jdentificierung aller

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