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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-10-19 · Heft 43 (19.10.1886) · p. Seite 676

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 43 (19.10.1886)
Date
1886-10-19
Page
Seite 676 (sequence 4)
Language
German
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676 heit und wird vergessen. Wir haben diese letzteren Ansichten schon oben widerlegt, aber jedenfalls sind sie charakteristisch, da sie die Bedeutung des menschlichen Thuns zwar für die Allgemeinheit leugnen, aber für das Individuum bestehen lassen. Hierin liegt der Unterschied von dem wirklichen Pessimismus, der sich gerade gegen den Werth der Dinge für das Individuum wendet, das nach ihm doch nur durch Alles zu Schmerz und eitler Mühewaltung gebracht werde. Daß wir die Ansichten K.'s richtig aufgefaßt haben, wird auch dadurch bestärkt, daß er in den ersten drei Capiteln als König auftritt, welche Rolle er im weiteren Verlauf fallen läßt. Er sprach eben als König aus allgemeinem Gesichtspunkte, vom Standpunkte eines Königs, von welchem er den Erfolg aller menschlichen Bestrebungen überschauen und deren Nichtigkeit erkennen konnte. Jetzt spricht er als „Koheleth", als Prediger und Volkslehrer, als Weiser (s. 12, 9 ff.), und da hat er eingesehen, daß das Individuum in seinen Umgebungen, Erlebnissen und Handlungen doch befähigt sei, sich am Leben zu freuen, und daß er sich in dieser Beziehung zu den Dingen verhalten müsse. Wenn er dies für alle Menschen und für das ganze Leben ausspricht, so wendet er sich nunmehr besonders an die Jugend; er fährt in seiner Schlußfolgerung fort: „Freue dich, Jüngling, in deiner Jugend, und laß dein Herz fröhlich sein in den Tagen deiner Jugendkraft, und wandle in den Wegen deines Herzens und wohin deine Augen blicken, doch wisse, daß über alles Dieses dich bringet Gott in das Gericht! Und schaffe Kummer aus deinem Herzen, und entferne Leid von deinem Leibe, denn die Jugend und die Zeit der dunklen Locken ist nichtig. Aber gedenke deines Schöpfers in den Tagen deiner Jugendkraft." — Koheleth richtet also hier noch einmal die Grundsäulen seiner Moral auf, Freude am Leben und das Gericht Gottes! Von der einen Seite sei es die Pflicht des Menschen, alle Neigungen zu Gram, Sorge und Bekümmerniß aus seinem Herzen zu verdrängen und es dem Genüsse und der Freude zu öffnen; von der anderen aber, das Bewußtsein des göttlichen Gerichtes fest zu halten und sich von ihm bestimmen zu lassen, d. h. von der Ueberzeugung, daß alles Gute, jeder sittliche Lebenswandel von Gott belohnt, jeder Fehltritt, jedes Laster, jedes Unrecht bestraft werde. Möge die rigoröse Moral darin nur ein Utilitätsmotiv sehen: gewiß ist es, daß durch die Lehre K's alles Böse und Sündhafte verworfen, Liebe und Recht und jedwede Tugend als Pflicht des Menschen und als Ursache seines Glückes, seiner Befriedigung erhoben wird. Nicht der Nutzen und Vortheil, den die Redlichkeit und die guten Handlungen bei den Menschen erwirken, ist es, was K. als Triebfeder für unser Thun und Lassen aufstellt, sondern die Wohlgefälligkeit bei Gott, die Uebereinstimmung mit dem Willen und dem Vorbilde Gottes. Hiermit steht K. denn doch wieder gänzlich auf mosaischem Grund und Boden und schließt sich in den Hauptzügen den Schriftstellern der h. Schrift an. Ebenso wenig ist nach der düsteren Anschauung der Gegner Raum gegeben, daß „der Todestag besser sei als der Tag der Geburt" und vorzuziehen, nicht geboren zu sein>). Wo die Freude und der Genuß des Lebens in Recht und Gerechtigkeit zum Tagesgestirn erhoben sind, muß die Nacht solcher Bitterkeit schwinden. — Daß K. in diesen Versen sich insonders an die Jugend wendet, hat gute psychologische Gründe. Die seelische Richtung, die der Mensch in seiner Jugend einschlägt, beherrscht ihn in der Regel, wenn auch temporirt, durch das ganze Leben. Es kommt also ungemein viel darauf an, wie sich in der Jugend die Tendenz seiner Anschauungen und seiner Lebensweise gestaltet. Giebt es auch Fälle, wo ein mächtiger Sturm, eine erschütternde Katastrophe die Seele des Menschen wie umwandelt und in sehr veränderte Bahnen wirft, so spinnt sich doch bei den meisten Menschen der Faden seines Denkens, Fühlens und Wollens in ununterbrochener Weise fort, und selbst da, wo eine solche Veränderung stattgefunden, regen sich oft bald wieder die alten Empfindungen und Vorstellungen. Andererseits aber ist gerade die Jugend zur Leidenschaftlichkeit geneigt, zur Ueberschreitung der Mäßigkeit, der Grenzen der Sittlichkeit. Deshalb muß ihr gegenüber der Gedanke an Gott und Gottesgericht, an die Pflichten der Mäßigkeit und Tugendhaftigkeit verstärkt werden. Tritt es dann glücklicher Weise ein, daß die Jugend sich hiervon erfüllen und beherrschen läßt, so ist der richtige Weg auch für die späteren Abschnitte des Lebens gewonnen. — Es folgen nun die bekannten Vergleiche über die Gebresten des Alters und die Annäherung des Todes, bis unser Autor mit dem merkwürdigen Satze schließt: „Bevor der Tod kommt, und zurückkehrt der Staub zur Erde, wie er diese gewesen, und zurückkehrt der Geist zu Gott, der ihn gegeben" (12, 7). Mit diesem Endresultat hat K. jenen ersten Einwaud der extremen Zweifler zurückgewiesen, daß der Mensch ebenso im Tode untergehe, wie das Thier und deshalb der Mensch überhaupt keinen Vorzug vor dem Thiere besitze. Diesem entgegen stellt K. sich gänzlich auf den mosaischen Boden, erkennt den Dualismus des Geistes und des Leibes in völlig mosaischer Weise an, der Leib aus irdischen Bestandtheilen zusammengesetzt, der Geist von Gott dem Menschen „eingehaucht", während des Lebens die innigste Verbindung und gegenseitige Aufeinanderwirkung zwischen Geist und Leib, durch den Tod beide geschieden, und auf diesem Gedanken die Unsterblichkeitslehre: der Leib löst sich in die irdischen 1) Auch diese Meinungsäußerung blieb nicht ohne lange Nachwirkung, die in Zeiten der Bedrängnisse immer wieder hervortrat. So stritten die Hilleiten und Schamaiten Jahre lang über den Werh des Lebens und vereinigten sich schließlich in der Annahme obigen Ausspruches.

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