Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 43 (19.10.1886)
- Date
- 1886-10-19
- Page
- Seite 675 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3227609-3227653--43904-3264292- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
675 der Mehrzahl der Menschen alsdann aufdrängt, als ob die Realisirung dieses Idealen eine wesentliche Besserung in den Zuständen auch nicht herbeiführe. Denn der Mensch vergißt so leicht, was er gegen die vergangenen Zustände durch die Durchführung idealer Gedanken gewonnen habe; er schickt sich schnell in das Erlangte und will mehr. Was die Gegenwart gegen die Zustände, gegen den Druck und die Lasten, wie sie noch im vorigen Jahrhundert auf dem Nacken des Volkes lagen, erreicht, hat sie vergessen und fühlt nur, was sie noch jetzt bedrückt. So scheint es uns gekommen zu sein, daß der Idealismus, der noch bis zu den fünfziger Jahren des laufenden Säculums in allen europäischen Nationen vorherrschte, in die pessimistische Anschauug umschlug. Hier drängt sich nun die Frage auf: wo und wie finden wir die Heilung von dieser krankhaften Stimmung? Das ist schwer zu sagen. Da wir das Entstehen derselben in die verborgenen Processe des Geistes verlegten, kann man nur sagen, daß auch sie sich erschöpfen, auch sie zu einer anderen Tendenz, zu einer gesünderen Auffassung führen werde. Und dies um so rascher, je mehr sich dem Menschen die Schädlichkeit, ja die Gefährlichkeit des Pessimismus fühlbar machen wird. Es scheint ein Gesetz der geistigen Statur des Menschen zu sein, von einem Gegensatz in den anderen überzugehen und dadurch zu jener gepriesenen Mittelstraße zu gelangen, auf welcher es sich rasch nach guten Zielen vorwärts wandern läßt. Der Gegensatz zum Pessimismus ist der Optimismus, und wie dieser ganz besonders sich in der Religion des Judenthums ausgestaltet hat, ist längst anerkannt. Doch wollen wir hier nicht den Propheten spielen und vertrauen zu innig der göttlichen Vorsehung, als daß es uns an Vertrauen auf die Zukunft der Menschheit und des Judenthums gebrechen sollte. Dies darf uns aber nicht hindern, auf Mittel zur Besserung zu sinnen. Das Nächste ist: der Unterricht und die Erziehung. Diese müssen ideal angelegt sein und immerfort auf die idealen Güter des Menschen Hinweisen, um so mehr, als dies dem Geiste der Kindheit und der Jugend allein entspricht. Allerdings stört es dabei, daß auch die Lehrer Männer der Zeit und deshalb von pessimistischen Anwandlungen nicht frei sind. *) Dann aber ist es die Beeiferung für die Religion, welche dem Ueberwuchern des Pessimismus entschieden entgegentritt. Freilich ist es eine Folge des letzteren, daß man jede Beeiferung für die Religion mit scheelen Augen ansieht und meint, daß sie theils 1) Es giebt Menschen, die von Geburt an Anlage zum Pessimismus haben, eine Neigung, alle Dinge durch eine schwarze Brille zu sehen und sich in ihren Beziehungen zu anderen Menschen zu verbittern. Hier vermag die Erziehung bildsam einzuwirken. Es muß solchen Kindern die Gelegenheit, sich aufzuregen, möglichst entzogen werden; sie müssen erkennen, daß das Leben seine heiteren und freudevollen Seiten hat; es muß ihnen die Fülle der Liebe, die sür sie in denJhrigen lebt, zum Bewußtsein und Gefühl gebracht werden. zum Pietismus, theils zur Stärkung der hierarchischen Gewalt führe. Allein das moderne Judenthum ist viel zu gesund, um pietistischen und mystischen Meinungen Raum zu geben, und eine hierarchische Gewalt existirt im Judenthume gar nicht und ist noch weniger im gegenwärtigen Judenthume möglich, wie erst in der vorvorigen Nummer dieser Zeitung lichtvoll auseinandergesetzt worden. Wir meinen nicht mit diesen „Bemerkungen" den Gegenstand irgend erschöpft zu haben. Wir wollten nur unsrerseits eine Anregung geben zur entschiedenen Bekämpfung dieser gefährlichen, alles Höhere, Wahrheit und Recht bedrohenden Krankheit. Die Moral Koheleth's. IV. (Schluß.) Nun die Schlußfolgerung aus allen diesen Betrachtungen und Erwägungen, den Einwänden der Gegner und der Widerlegung derselben (11, 7 — 12, 8). Wir nehmen voraus, daß Koheleth, wie natürlich, auch hier dm Grundzug, Alles ist nichtig, alle menschlichen Dinge und Handlungen, bewahrt, wie er denn auch dies in diesem Absatz wiederholt ausdrückt (B. 8, 10, 12, 8). Er schließt mit den Worten, mit welchen er angefangen: „Nichtigkeit der Nichtigkeiten, Alles ist nichtig." Aber wie anders ist dieser Pessimismus K.'s als der gewöhnliche beschaffen. Er beginnt seine Schlußfolgerung: „Jo, süß ist das Licht und lieblich den Augen, die Sonne zu schauen! Denn, so viele Jahre der Mensch lebt, ihrer aller freue er sich" gerade im Gedenken des Jedem bevorstehenden Todes. Das menschliche Leben ist also nicht zur Trauer, zum Mißnmth, zur Sorge und Schmerz bestimmt, sondern ringsum lächelt ihm das Leben zu, voll Lichtes und Sonnenscheins, und er kann sich desselben freuen und zwar um so mehr als es begrenzt ist. Die Anmuth der Wirklichkeit und die Freude sind dem Menschen bereitet, es komme auf ihn an, beide zu genießen. Es liegt hierin kein Widerspruch mit dem, was K. anfangs ausgesprochen, von wo er ausgegangen. Nicht die Dinge an sich, meint er, nicht das Leben und die Wirklichkeit an sich sind nichtig, weil der Mensch sich ihrer freuen kann, sondern vielmehr nur ihr Erfolg und ihr bleibender Werth. Der Mensch kann sich seines Thuns und Schaffens freuen, aber er darf diesem eine bleibende Bedeutung nicht zusprechen, weil nach K.'s Ansicht alles menschliche Schaffen sich nur im Kreise bewegt und wiederholt und nach kurzerZeit vergessen ist. Während die Werke Gottes gerade durch ihren Kreislauf ewig sind, vergeht des Menschen Werk in kurzer Zeit und hat, weil es immer dasselbe sei, keinen Werth für die Menscher*