Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 43 (19.10.1886)
- Date
- 1886-10-19
- Page
- Seite 674 (sequence 2)
- Language
- German
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674 die Liebe nur für Selbstsucht, die Selbstaufopferung nur für Eitelkeit hält — der ist ein Pessimist. Wer sieht nicht ein, daß dies eine Krankheit ist? Denn wenn Tag und Nacht, Sommer und Winter, Freud und Leid, Glück und Unglück, Gewinn und Verlust und was noch mehr auf diesem Erdball und im menschlichen Leben in stetem Wechsel vorkommt, kein Gegensatz ohne seinen Widerpart, kein Extrem allein vorhanden ist: so ist es krankhaft, allein auf die Nachtseiten zu blicken, ihnen allein nachzuspüren, sie allein als herrschend anzusehen. Aber diese Krankheit ist epidemisch geworden: sie vergällt jede Lebensfreude, sie unterbindet jedes Streben, sie lähmt jede Spannkraft, und wo sie einmal ihre giftige Saat ausgestreut hat, schießt diese wucherisch auf. Diese traurige Erscheinung tritt in der Gegenwart nicht zum ersten Male auf. Diese Krankheit kehrt vielmehr in der Geschichte unseres Geschlechtes immer einmal wieder. Birgt doch selbst die h. Schrift den härtesten Ausdruck für sie, den Ausruf Koheleth's: „Nichtigkeit der Nichtigkeiten, Alles ist nichtig!" Man erinnert sich des bekannten Monologs am Ende des zweiten Aufzuges von Calderon's „Das Leben ein Traum" (geb. 1601t): „Was ist Leben? Raserei! Was ist Leben? Hohler Schaum, Ein Gedicht, ein Schatten kaum! Wenig kann das Glück uns geben; Denn ein Traum ist alles Leben, Und die Träume selbst ein Traum." Im zweiten Jahrzehent unsres Jahrhunderts, bald nach den Freiheitskriegen, fand ein Gedicht Kotzebue's eine allgemeine Verbreitung, und zwar als Manuskript, da die Censur den Druck nicht gestattete, in welchem der Mensch als Affe gebrandmarkt und Verzagtheit und Selbstmord gepredigt wurden. — In dieser pessimistischen Stimmung zeichnet sich ein allgemeines Mißtrauen gegen alle Erscheinungen des Lebens ab, eine Mißachtung aller menschlichen Verhältnisse und nicht minder der Natur und ihrer Schöpfungen; wir sagen Mißachtung, nicht Verachtung, denn der Pessimist strebt doch nach Allem, was ihm Genuß und Behagen verheißt, nur daß er dann diese wieder mit seinem kritischen Messer zerlegt. Man fragt nun wohl, woher dieser Pessimismus stamme, und jene Stimmung in den Gemüthern herrühre? Man findet die Ursache bisweilen im Verlaufe der politischen Ereignisse. Wenn ein Volk große Umwälzungen, Krisen und Katastrophen durchgemacht hat und dennoch seine Verhältnisse und Zustände 1) Beiläufig bemerken wir, wie die Annahme, daß in gewissen Zeitperioden Menschen von außergewöhnlichem Genie in einem und demselben Zweige menschlicher SchöpsungSkraft zugleich auftraten, auch dadurch erwiesen wird, daß Shakespeare (1564 bis 1616), Calderon (1601 bis 1687), Corneille (1606 bis 1684), die drei größten Dramatiker dreier Nationen, Zeitgenossen waren, wie es auch mit Lessing (geb. 1729), Göthe (1749) und Schiller (1759) der Fall war. nicht den gehegten Erwartungen und den angewendeten Anstrengungen entsprechen, so gerathe es in eine Verzagtheit, eine Zweifelsucht, welche die Mutter des Pessimismus sei. Dies paßt nun wohl auf Frankreich, wo die Ansichten Schopenhauer's jetzt die Geister in Besitz genommen haben und in Literatur und Kunst jene Schule entstand und blüht, welche sich die „natürliche" oder „realistische" nennt, aber für Natur und Wirklichkeit nur das Häßliche, das Gemeine, das Lasterhafte hält und abspiegelt. Aber Italien, wo jetzt die Dichter des Pessimismus wie Propheten gefeiert werden, und in Deutschland, wo der Pessimismus seine Theoreme fand und im Socialismus die unteren Stände mächtig ergriffen hat, haben ja die politischen Kämpfe glückliche Resultate erzielt und das erfüllt, was die beiden Nationen so lange Zeit ersehnt und erstrebt. Nicht minder sucht man die Quellen des Pessimismus im Verlaufe des industriellen Lebens und der darin auftretenden Krisen. Die Periode der Gründungen und der darauf folgenden finanziellen und industriellen Krisen soll die pessimistische Stimmung hervorgerufen haben. Jndeß war die Wirkung jenes Truggewebes doch nur auf Individuen oder bestimmte Kreise beschränkt, und wurde in der Hauptsache wieder überwunden. Viel sicherer erscheint uns die Annahme, daß die rasche Entwickelung der Lebensbedürfnisse und der Mittel ihrer Befriedigung und die Ausbreitung des Luxus durch alle Schichten des Volkes den Boden für die hier besprochene Stimmung geebnet haben. Es entsprang hieraus eine übergroße Neigung für das Materielle und eine schädliche Unzufriedenheit mit den vorhandenen Zuständen in den mittleren und unteren Klassen, weil eben die Befriedigung hinter dem Verlangen nach Genuß und Erwerb Zurückbleiben mußte. Aber was auf diesem Boden vorging, kann doch nicht bloß durch äußerliche Momente erklärt werden, sonder» muß auf einen inneren geistigen Proceß Hinweisen. Seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts hatte in dem geistigen Leben der civilisirten Welt das Ideale vorgeherrscht. Man suchte es zu erfassen und zu verwirklichen auf allen Gebieten, in der Politik und Gesellschaft, in Kunst und Wissenschaft. Alle Kraft, alle Triebfedern, alles Urtheil und Bestreben war auf das Ideale gerichtet, und was dem nicht entsprach, wurde verurtheilt, verworfen, beseitigt. Aber auch in der geheimen Werkstatt des Geistes, in dem, was da geschaffen und consumirt wird, waltet ein Maß, eine Begrenzung vor, und sobald diese erreicht sind, wendet sich der Geist von dem ab, was ihn bis dahin getrieben; das vorhandene Maß ist consumirt; das Verlangen nach neuen Triebfedern, neuen Richtungen und Zielen erwacht und überwindet das Gewohnte. Hierzu kommt, daß das Ideale mit der Wirklichkeit niemals übereinstimmt, und dies drängt sich den Geistern um so mehr auf, wen» ein Theil des Idealen zur Wirklichkeit geworden, und es sich