Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 43 (19.10.1886)
- Date
- 1886-10-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung des Zudenthums Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste! Nr. 115) und Oesterreich bei allen j Postämtern, außerdem durch den Buch- I Handel. Herausgegeben von Rabbiner 0r. Ludwig Philippson in Bonn. Expedition: Leipzig, Wotzpknh 17 In revactionellen Angelegenheiten wende man sich an Dr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 50. Jahrgang. Leipzig, beit 19. Oktober 1886. Nr. 43. lakstt. Leitende Artikel: Einige Bemerkungen über den Pessimismus der Gegenwart. — Die Moral Kohelech's. — Unser Berhältniß zur katholischen Kirche. — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Vom Rhein, Zweibrücken, Aus Baden. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Prag, Aus Galizien. — Bulgarien: Sofia. — Feuilleton: Correspondenz. ZciterVibe Bonn, 13. October. Einige Demerkuugen über den Pessimismus der Gegenwart. i. Die Thätigkeit des Menschengeisles gleicht der Bewegung der Lust. Geräth diese letztere auf längere Zeit in Stillstand und Ruhe, so erfüllt sie sich mit gefährlichen Dünsten, die Krankheit und Tod verursachen. Verfällt der Geist der Menschen während vieler Jahrzehnte in Stagnation und Lethargie, so sammeln sich in ihm die Ursachen zu gewaltigen Umwälzungen und Katastrophen. Wenn aber eine neue Idee, eine leidenschaftliche Vorstellung der Seelen sich bemächtigt, oder ein schlummernder Trieb in den Völkern erwacht und in ihnen unüberwindlich wird: so wird ein Anprall erfolgen, der nur allzu sehr den verheerenden Stürmen gleicht, die über ganze Continente Hinrasen, Bäume entwurzeln und niederwerfen, die Dächer umherschleudern und weithin alles Widerstehende zerstören. Aber nicht jeder Wind ist ein Sturm; pst fluthet er heran, stößt auf die Ecken des Hauses, rüttelt an Thüren und Läden, dringt durch jede Oeffnung in das Haus, schüttelt dann die Sträucher, rauscht durch die Bäume, daß das Laub und die Aeste herabfallen, setzt dann über die Mauer und fährt über die Stoppelfelder dahin. So geht es mit den Stimmungen, die ungeahnt herankommen, sich schnell in den Gemüthern verbreiten und augenblicklich eine sehr wirksame Herrschaft üben, bis sie sich nach einer längeren oder kürzeren Dauer allmählich wieder verlieren. Eine solche Stimmung in der Gegenwart ist der Pessimismus. Wir sehen hier ab von der Theorie des Pessimismus. Einer Theorie tritt die andere entgegen; die eigenen Jünger verändern und verwässern sie; die nachfolgende verdrängt sie. Wir meinen vielmehr die pessimistische Stimmung, die pessimistische Anschauung der Dinge, wie sie sich iw großen und immer weiteren Kreisen verbreitet und ihre Gifttropfen in alle Gemüther mehr oder weniger senkt. Ob die Theorie aus einer solchen Stimmung hervorgeht, oder ein denkender Kopf aus den Keimen jener seine Theorie zieht, ob dann diese Theorie die Stimmung verstärkt — alle diese Fragen sollen uns nicht beschäftigen. Sie ist da, sie wirkt auf alle Schichten des Volkes. Wer ist Pessimist? Jedes Licht hat seine Schatten, jede Rose ihre Dornen, jede Medaille ihre Kehrseite. Wer nun an allen Dingen, Ereignissen und Personen nur den Schatten sieht, die Dornen gewahrt, die Kehrseite betrachtet, der ist ein Pessimist. Wer beim goldenen Sonnenschein ausschaut nach der schwarzen Wolke, die am Saume des Horizontes sein könne, und die bald die Höhen in Nebel hüllen und die Ebene mit Regengüssen überschwemmen werde, der ist ein Pessimist. Wer von jedem Ding nur Schaden, von jedem Ereigniß eine unglückliche Wirkung, von jedem Unternehmen einen traurigen Ausgang voraussieht und voraussagt; wer in jedem Menschen nur einen Egoisten, wenn nicht einen Verbrecher, in jeder Handlung einen selbstsüchtigen Zweck erblickt; wer im Großen nur Kleines, im Wahren Zweifelhaftes, im Schönen Flüchtiges gewahrt, wer die Religion bespöttelt, die Sittlichkeit belächeU, 43