Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 42 (12.10.1886)
- Date
- 1886-10-12
- Page
- Seite 669 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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669 einen großen Einfluß auf die Intelligenz und die Technik geübt, aber dem wirklichen Leben stehen sie kalt gegenüber und influiren dasselbe nicht. Während sie sich an den Verstand richten, und diesem eine einseitige, allem Uebersinnlichen abgewandte Richtung zu geben suchen, lassen sie das menschliche Herz mit allen seinen Gefühlen, Bewegungen, Leidenschaften, Kämpfen und Bedürfnissen unberührt und außer Betracht. Wer in den Conflikten des Lebens vermag sich an die naturwissenschaftlichen Meinungen zu halten, an ihnen aufzurichten und seine sittliche Kraft zu stärken? Wo fließt aus ihnen das Recht und die Liebe her, wo finden diese in ihnen irgend eine Stütze? Wo und wie könnten sie die Willensäußerungen des Menschen leiten und zu einem sittlich rechten Ziele führen? Die Schlußfolgerungen will ich hieraus nicht ziehen, aber die Männer der Naturwissenschaft sollten diese ihre Grenzen erkennen und ihrer Selbstüberschätzung einen Zaum anlegen." — Diese Worte machten, obschon ihre Richtigkeit gefühlt und erkannt wurde, im Augenblicke einen etwas peinlichen Eindruck, weil man eine Entgegnung des Geologen und einen daraus folgenden Streit fürchtete. Glücklicher Weise jedoch nahm ein Geschichtsforscher alsbald das Wort. „Der Rhein und seine Ufer bieten uns viele geschichtliche Erinnerungen, und sind ein Erdstrich, der in historischer Beziehung kaum seinesgleichen hat. Wer weiß, wie viele vorhistorische Völker aus seinem Gewässer geschöpft haben? Aber er bildet eine Culturstraße seit mehr als zwei Jahrtausenden. Hier begegneten sich die östlichen und westlichen Völkerschaften; hier zogen die römischen Legionen mit ihren ehernen Schritten, gründeten Stationen, die bald zu Städten erwuchsen und schufen Heerstraßen und Wasserleitungen. Der Kampf der germanischen Völker gegen die römische Weltherrschaft wurde hier gekämpft und endigte mit der Niederlage der letzteren. Hierher zogen häufig die römischen Kaiser und Könige deutscher Nation, rasteten in ihren Pfalzen und Städten zur Vertheidigung gegen Angriffe von Westen her oder zur Ausdehnung ihrer Herrschaft nach Westen. Die ersten Kreuzzüge hinterließen an diesen Ufern ihre verheerenden Spuren; aber die Stätten der Cultur konnte Niemand ausrotten und immer wieder lenkte der Weltverkehr seine Schritte diesem Strome zu. Ja, Zeugen dessen sind gerade jene zahlreichen Burgruinen, welche unsere Fahrt zu einem nicht geringen Theile so interessant machen. Die Herren wußten wohl was sie wollten, wenn sie ihre festen Burgen auf diesen Höhen errichteten. Däs der Bearbeitung fähige Land ist durch die Berge und den Strom sehr beschränkt und konnte ihnen wenig bieten. Aber sie waren Raubritter und der Handelsverkehr hier so stark, daß sie den vorüberziehenden Kausleuten reichliche Beute abnehmen konnten. Und doch waren auch sie unbewußt Förderer der Cultur. Um den Fuß ihrer Bergschlösser siedelten sich ihre Leibeigene» in armseligen Hütten an und alle die, welche in der Zeit des Faustrechts des Schutzes bedürftig waren. Hieraus erwuchsen die zahlreichen Städte und Ortschaften, welche die beiden Ufer des Rheines bedecken und zieren; und aus diesen wieder erstand die Macht, welche allmälig die stolzen Burgen in Trümmer verwandelte. Aber auch dann noch war dieser Strom der Anziehungspunkt für die Kämpfe der Staaten östlich und westlich mit einander. Nachdem Lothringen und Elsaß an die Frankenherrscher verloren gegangen, reizte diese der Besitz, wenigstens des linken Rheinufers. Gelang es doch der französischen Republik, es in ihren Besitz zu bringen, und Napoleon ging weiter und brachte das ganze Rheinland, Westfalen und noch weitere deutsche Länder unter sein Szepter. Aber sein Schwert zerbrach vor der Volksmacht, und auch sein Neffe sah vor den Schwertern der Deutschen seinen Thron in Trümmer fallen. Jndeß, so kampferfüllt die Geschichte des Rheinstromes auch ist, so gespannt und zum Kriege gerüstet die europäischen Staaten sich gegenüber stehen, so wenig deshalb der Krieg und zwar in großem Maßstabe aus unsrer Zukunft ausgeschlossen ist, so geht doch meine Ueberzeugung dahin, daß der Völkerfriede eine größere Herrschaft auszuüben begonnen hat, als der Völkerkrieg. Aus allen Interessen des wirklichen Lebens entspringt für die Nationen ein viel größeres Bedürfniß nach Frieden als nach Krieg, und ist es doch unserer Zeit eigen, daß die Bedürfnisse des Volkes allmälig mehr Gewicht gewinnen und ihnen mehr Rechenschaft eingeräumt werden muß, als den diplomatischen Künsten und den Wünschen der Mililärpartei. Hoffen wir deshalb, daß dieser Strom, den wir in so fröhlicher Stimmung befahren, nur selten noch vom Lärmen und Toben des Krieges berührt und seine Wellen nicht mehr mit Menschenblut vermischt werden." — In der That, diese Rede unseres Historikers hatte uns Alle in eine freiere und heitere Stimmung versetzt. Und doch entschloß ich mich, den Bemerkungen des Geschichtsforschers auch meinerseits einige hinzuzufügen, um auf die Gesinnungen der Anwesenden nach bestimmter Richtung hin einigermaßen einzuwirken. Ich sagte: „Ich gestatte mir, die erhebenden Bemerkungen unseres hochgeschätzten Historikers zu vervollständigen. Ich erachte nämlich, daß der Friede,den er uns verheißt, doch nur auf der gegenseitigen Achtung der natürlichen Rechte Aller, auf Duldung und Verträglichkeit, auf dem Wegfall der Vorurtheile beruhen kann, welche zwischen Menschen und Menschen trennende Schranken ausrichten und sie so oft zum Fanatismus entflamme». Wenn ich meine Augen auf diese Städte und Ortschaften an den beiden Rheinufern von Basel bis Köln richte, so gewahre ich aus der Geschichte heraus so viele Denkstätten blutiger Verfolgung und schwerster Bedrückung für meine Glaubensgenossen, für die Bekenner des Judeuthums. In fast allen diesen Städten erlitten tausende derselben den Märtyrertod um ihres Glaubens