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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-10-12 · Heft 42 (12.10.1886) · p. Seite 668

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 42 (12.10.1886)
Date
1886-10-12
Page
Seite 668 (sequence 12)
Language
German
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668 — In Neupest wurde den 21. September der neu erbaute Tempel feierlich eingeweiht; die Festpredigt hielt Oberrabbiner I)r. Rosenberg aus Arad. — Hier verschied heute Simon Ko Hut in dem seltenen Alter von 103 Jahren; bis kurz vor seinem Tode besuchte er täglich, Abends und Morgens, die Synagoge. — Man schreibt aus Stuttgart vom 27. September: Gestern Nacht verschied schnell an einem Schlaganfall der erst vor einigen Tagen hierher iibergesiedelte pensionirte Rabbiner Weimann aus Buchau, von dessen Abschied in dieser Woche berichtet wurde. R. Weimann ist geboren zu Treuchtlingen 1818, er besuchte die dortige Volksschule, später das Gymnasium in Augsburg und 1839—13 die Universität zu München. Nachdem er als Hauslehrer in Büdingen und später in Fulda gewirkt hatte, ward er 1847—61 Rabbiner in Welbhausen (Bayern) und trat 1861 in den württembergischen Kirchendienst ein, war 1861—62 Rabbiner in Lehrensteinsfeld-Heilbronn und 1862—1886 in Buchau. Seit 3 Jahren war er kränklich und konnte seinem Amte nicht mehr vorstehen. Der Verstorbene war mit einem seltenen Rednertalent begabt. Ieuilleton. Eine Rheinfahrt. Unsere Leser mögen nicht fürchten, daß wir sie hier mit der Schilderung einer Rheinfahrt behelligen wollen. Der herrliche Strom mit seinen landschaftlich reichen Ufern, mit seinen Bergen und Felsen, den diese durchschneidenden lachenden Thälern, mit seinen zahlreichen Städten und Ortschaften und der vielen, die Höhen krönenden Burgruinen sind so oft schon in gebundener und ungebundener Rede beschrieben nnd gepriesen worden, daß es uns nicht in den Sinn kommt, dies noch einmal zu thun. Wir wollen vielmehr eine kleine Skizze geben von dem, was wohl unterrichtete und denkende Menschen bei dem Anblick aller dieser Reize, natürlichen und menschlichen Herrlichkeiten, beschäftigen möge. Es hatte sich auf einem Dampfer eine Gesellschaft zusammengefunden, welche gemeinsam den Strom von Bingen bis Köln, die anmuthigste Strecke der Rheinufer, befahren wollte. Diese Gesellschaft, so geringzählig sie auch war, bezeugte, daß das menschliche Leben in Beruf, Bestrebungen und Arbeiten in der Gegenwart kaum minder mannigfaltig ist, wie die Natur. Hatten wir doch Männer aus den verschiedensten Lebenskreisen unter uns. Kaum waren wir durch das hohe Fclsenthor, welches das sog. Binger Loch begrenzt, gefahren, und rechts und links entfalteten sich vor unserem Blick die formvollen Bergzüge an beiden Ufern, theils waldbekrönt, theils mit dem Rebstock bepflanzt, der auch am härtesten Felsen auf der kleinsten Terrasse einen fruchtbaren Boden findet, fruchtbar durch die unermüdliche Arbeit des Menschen, als an einen sich unter uns befindenden Geologen die Frage gerichtet wurde, welchen Gesteinsarten diese Bergzüge an beiden Ufern des Rheins angehörten? Unser Naturforscher beantwortete die Frage dahin, daß vorzugsweise Schiefer und Grauwacke dieselben bildeten, auch das noch umstrittene Löß finde sich hier und da und hinter ihnen erhebe sich eine Reihe jetzt erloschener Vulkane mit ihren Zeugen, dem Basalt, der Lava und dem Tuff. Hieran knüpfte ein Anderer die Frage, ob er, der Geologe, Vulcanist oder Neptunist sei? Der Befragte lächelte und erwiderte: „Man ist jetzt weder das Eine noch das Andere, vielmehr hat man sich überzeugt, daß unsere Gesteine theils Niederschläge aus dem Meere seien, das früher den größten Theil der Continente bedeckt haben muß, theils Erhebungen aus dem Schoße der Erde. Man theilt jetzt die Gesteine in Bezug auf ihr Entstehen in vier Classen ab: die sedimentären, also Niederschläge, die horizontal verlaufen, wie Sandstein, Kalk, Gyps ff., die vulkanisch eruptiven, Basalt, Tuff, Lava, die Massengesteine, wie Granit, Syenit, Porphyr, die sich aus der Erde erhoben haben, und endlich crystallinische Schiefer, über deren Entstehungsweise die Naturforscher noch sehr ungewiß sind. Uebrigens, fügte er hinzu, haben alle die Berge, auch die höchsten der Erde, im Laufe von Millionen Jahren bedeutend an Höhe verloren. Durch allmälige Verwitterung und durch die Erusionskraft des Wassers sind die Gipfel der Berge als zertrümmertes Geröll herabgestürzt und füllen die Niederungen an. Viele glauben sogar, daß durch die Fortwirkung dieser Naturkräfte dereinst ein ziemliches Niveau auf der Erdoberfläche hergestellt werden würde. — „Ei ja", ließ sich lächelnd ein Theologe vernehmen, „ es läßt sich doch leicht aus vergangenen Millionen Jahren und aus zukünftigen Millionen Jahren eine Behauptung aufstellen, deren Beweis für uns Eintagsfliegen nicht zu liefern ist. Jndeß kann sich diese abenteuerliche geologische Chronologie sogar auf die h. Schrift berufen. Da heißt es im 30. Psalm: „Tausend Jahre sind vor den Augen Gottes wie der gestrige Tag, der vergangen." Danach, wenn wir es buchstäblich nehmen, machte eine Million Jahre kaum drei unserer Jahre aus, und man kann deshalb über zahllose Millionen Jahre verfügen. Aber ernsthaft. Die Naturwissenschaften in ihrer großartigen Entfaltung wahrrnd des letzten halben Jahr' Hunderts haben mit ihren Theorien und Hypothesen gewiß

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