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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-10-12 · Heft 42 (12.10.1886) · p. Seite 665

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 42 (12.10.1886)
Date
1886-10-12
Page
Seite 665 (sequence 9)
Language
German
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665 Jüdin das Bettzeug angezündet und sie selbst mit brennender Fackel geschlagen. In allen anderen Judenhäusern waren es wieder die Fensterscheiben, welche der Zertrümmerungswuth der Menge zum Opfer fielen und davon blieben auch die angesehensten Bürger, wie die Herren Keppich, I. B. I Benvenisti u. A. nicht verschont. In den entlegensten Straßen wurden die Opfer unter dem fortwährenden Geschrei: „Tod den Juden" ausgesucht. Die deutschen Arbeiter der Keppich'- schen Lederfabrik, die sich zur Wehre setzten, wurden mißhandelt, das gleiche Schicksal ereilte den Bankier Lazar Eskenasy; in das Lampenmagazin Rosenzweig's wurden brennende Fackeln geschleudert, das entstandene Feuer unterdrückte zwar die Feuerwehr in kürzester Zeit, doch ist der entstandene Schaden immerhin nicht unbedeutend und wird auf 1400 Francs geschätzt. Allen diesen Ausschreitungen gegenüber erwies sich die Polizei machtlos; es unterblieb auch jedes Einschreiten und so endete das wüste Treiben erst in später Nacht in Folge Erschöpfung des Janhagels, welcher hier schon lange nicht so zügellos gehaust hatte. Für den folgenden Abend war die Wiederholung dieser Scenen projectirt, was indessen Dank der Energie des Polizeichefs Quientescu, des Präfecten Persiccanu und des Bürgermeisters Nicolaidi, — die sämmtlich am Tage vorher abwesend waren — vereitelt wurde; ebenso durfte die für den dritten Abend neuerdings geplante Volksversammlung nicht abgehalten werden. Der General-Procurator Columbeanu hat viele Verhaftungen vornehmen lassen, die Rädelsführer befinden sich aber zumeist noch auf freiem Fuße. Momentan herrscht wieder vollkommene Ruhe, die Intelligenz bedauert offen diese Ausschreitungen und nur die Ansicht, daß der Kampf gegen die Juden auf das öconomische Gebiet übertragen werden müsse, findet beinahe in allen Kreisen Anhang. Erwähnter Herr de Biez äußerte in seiner Rede: „Wir müssen die Juden mit ihren eigenen Waffen schlagen!" und scheint sofort mindestens Einen eifrigen Proselyten gefunden zu haben, denn als wüthendster Antisemit und Judenfresser gerirt sich gegenwärtig ein gewisser Dimitriu Kulineseu, trotzdem derselbe von dem jüdischen Hause A. Zentler & Sohn in Wien ein großartiges Commissionslager besitzt und diesem allein seine Existenz verdankt. — Ferner schreibt man aus Bukarest: Die angeblich antisemitischen Unruhen in Krajowa, welche jedoch einen ausgesprochen socialistischen Charakter an sich tragen, haben sich, wie der „Tem. Ztg." von dort berichtet wird, dieser Tage erneuert. Beim Bekanntwerden des Attentats auf Bratiano rottete sich der Pöbel zusammen, drang in mehrere Häuser, die er plünderte und mißhandelte einen in seine Hände gefallenen Bankier in lebensgefährlicher Weise. Das Militär stellte die Ordnung bald wieder her und die Polizei nahm zahlreiche Verhaftungen vor. Seither wurden sowohl in Krajowa, als auch in anderen rumänischen Städten, wo sich ähnliche beunruhigende Symptome zeigten, umfassende militärische Vorkehrungen getroffen, die einem kleinen Belagerungszustände nicht unähnlich sind. Man hofft dadurch, die Bewegung im Keime zu ersticken. Rußland. Odessa, 18. September. Die „N. Fr. Pr." meldet: Auf Grund eines ministeriellen Erlasses beschloß das Handwerkeramt, sämmtliche Werkstätten ausländischer Juden zu schließen und gegen 9000 jüdischen Handwerkern die Arbeit zu verbieten. (Unter diesen „ausländischen" Juden sind natürlich russische zu verstehen, die aus anderen Provinzen gekommen. Man will mit aller Strenge die Juden wieder in die Grenzen! der Provinzen zurückdrängen, innerhalb welcher sie ansässig waren und wo sie dem Verhungern überantwortet sind. Das Gesetz erlaubt bekanntlich jüdischen Handwerkern im ganzen Reiche sich ansässig zu machen. Man erwäge, daß nach dieser Mittheilung es sich um Schließung von „Werkstätten" handelt, der Vorwand also, die Juden betrieben ihr Handwerk garnicht, hier in Wegfall kommt.)! Odessa, Ende September. Wie schon oben berichtet,!wird eine sehr große Zahl jüdischer Handwerker von hier ausge-! wiesen, wodurch abermals zahlreiche Familien um ihren redi lichen Erwerb kommen und in schweres Elend versinken.! Näheres giebt folgende Mittheilung, bei der wir nochmals bemerken, daß hier unter „ausländisch" russische Juden, die in Odessa nicht heimathsberechtigt sind, zu verstehen seien. Ein russisches Gesetz gestattet den jüdischen Handwerkern, sich in allen Theilen des Reiches niederzulassen, sobald sie ihr Handwerk wirklich betreiben. Hieraus erklärt sich, daß so viele jüdische Handwerker sich in Odessa niedergelassen. Trotz jenes Gesetzes aber will man sie jetzt aus Odessa vertreiben. Es heißt nun: lieber die Entstehung dieses unsinnigen Verbotes theilt die „Od. Ztg." Folgendes mit: In letzter Zeit hatten sich fast alle Handwerker-Innungen an die Administration mit der Bitte gewandt, die ausländischen Juden in Odessa nicht zum Handwerk zuzulassen, dies damit motivirend, daß die russischen Handwerker durch die ihnen von den ausländischen gebotene starke Concurrenz viel zu leiden haben. So giebt es im Schneiderfach über 700 ausländische Juden, d. i. gegen 40pCt. der Gesammtschneider. Im Allgemeinen beträgt die Zahl der ausländisch-jüdischen Handwerker 30pCt. Da die Gesammtzahl der Odessaer Handwerker ca. 30,000 beträgt, so entfällt auf ausländische Juden allein die Zahl von 9000. Den starken Zufluß jüdischer Handwerker nach Odessa erklärt die Uprawa dahin, daß denselben in Moskau, Charkow, Kiew und anderen Städten die Aufnahme in die Handwerker- Innungen verweigert wird. Auf Grund einer am 23. August 42

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