Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-10-12 · Heft 42 (12.10.1886) · p. Seite 663

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 42 (12.10.1886)
Date
1886-10-12
Page
Seite 663 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227609-3227652--43891-3264278
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

663 %cVCvivi^viac fyzi'cfykevL. Deutschland. Bonn, 3. Oktober. (Privatmilth.) Man hat uns des Widerspruches geziehen, da wir früher die jüdische Colonisation in Palästina für nicht rathsam erklärten, sowohl der Unfruchtbarkeit der meisten Landstriche, als auch der Unsicherheit unter der türkischen Herrschaft wegen, jetzt aber ausführlichen Mittheilungen über die im h. Lande gegründeten jüdischen Colonieen Raum geben. Allein, es ist die Pflicht der Redaction, ihre wohlerwogenen Ansichten über einen fraglichen Gegenstand unzweideutig abzugeben, dann aber über stattgehabte Versuche und deren Erfolge unparteiisch Bericht erstatten zu lassen. Es ist der Redaction eines Zeitblattes nicht gestattet, Vorgänge, die mit ihren Ansichten nicht übereinstimmen, mit Stillschweigen ihrerseits zu übergehen; denn am Ende entscheiden Thatsachen auch über Ansichten. Wir sind auch heute noch der Meinung, daß die bisherigen Resultate über die Sache selbst noch nichts entscheiden, und daß besonders umfassende Anlagen jüdischerseits durchaus noch nicht rathsam sind. Deshalb darf aber nicht außer Acht gelassen werden, daß in unseren Glaubensgenossen in Rußland und Rumänien für die Auswanderung nach Palästina eine lebhafte Strömung vorhanden ist, und diese dürfen wir nicht übersehen, wenn wir ein genaues Bild unserer Zeit geben wollen, was ja die Aufgabe der A. Ztg. d. Jud. war und ist. Daß an die eingehenden Berichte der Maßstab der Kritik gelegt werden müsse, versteht sich von selbst. Berlin, 30. Sept. Es ist bemerkt worden, daß die „Köln. Ztg." jetzt wieder einen Versuch gemacht hat, ihren vor Kurzem so drastisch kundgegebenen Antisemitismus zu verleugnen. Wir geben hierüber die folgende Bemerkung der „Franks. Ztg.": Die „Köln. Ztg." gesteht jetzt direct zu, daß die Haltung der Opposition in der bulgarischen Frage ein Ausfluß nationaler Gesinnung war, und sie verräth indirect die Angst, daß das Monopol der „nationalen" Regierungsparteien dadurch beeinträchtigt werden könnte. Das Erstaunen über dieses Bekenntniß erfährt noch eine Steigerung, wenn man im Anschluß daran liest: „Die neue erfreuliche Erscheinung bringt die Gefahr mit sich, daß der Nationalismus sich überstürze und überkugele, sich hier in einen wirren und wüsten Antisemitismus verkräusele, der vollständig verkennt, daß der jüdische Geist neben manchen Schwächen viele und glänzende Vorzüge besitzt, dort.. . ." Man traut seinen Augen kaum und weiß nicht, ob man hier an einen moralischen oder intellectuellen Defect glauben soll. Diese allen thatsächlichen Verhältnissen hohnsprechende Befürchtung, daß die nationale Gesinnung der Linksliberalen, d. h. also doch der Freisinnigen und Demokraten, in wüsten Antisemitismus ausarte, heuchelt dasselbe Blatt am 28. Sept., welches genau an derselben Stelle und mit demselben Zeichen aus Berlin am 26. August auch in Erörterung der bulgarischen Frage schrieb: „Moses und alle großen und kleinen Propheten der deutschen Demokratie von der Spree bis zum Main sind in Entrüstung darüber, daß es Leute giebt, die nicht, wie sie, bei einem ernsten Ereigniß durch die Straßen laufen und Auwaih! schreien — von Moses bis Cohn sind die Demokraten auf den papierenen Schanzen ihrer Zeitungsblätter." Dieser grundlose und brutale antisemitische Ausfall des Blattes, dessen antisemitische Gesinnung zwar längst kein Geheimniß, von ihm aber doch immer möglichst versteckt bethätigt worden war, ist mit Recht als eine der unerhörtesten Leistungen in dem ofsiciösen Preßfeldzuge gegen die gesunde Regung des deutschen Volksgeistes in der bulgarischen Frage angesehen worden. Die jetzige Schwenkung aber ist noch unerhörter, und daß Maaß der Verachtung wird voll, weil als einzige Erklärung für dieselbe — der Quartalswechsel übrig bleibt." Nürnberg, 27. September. Bei dem Besuche des Prinzregenten Luitpold in Nürnberg besuchte dieser nach den Kirchen auch die Synagoge und bekräftigte hierdurch die Gesinnungen, welche er beim Antritt seiner Regierung gegen den Rabbiner und Vorstand der Gemeinde zu München ausgesprochen hat. Nürnberg, 29. Sept. Unter den bei dem ersten Empfang bes Prinzregenten Luitpold Anwesenden, die ihm vorgestellt wurden, befanden sich auch die Israeliten, Oberstabsarzt vr. Ullmann, Vorstand des Gemeindecollegiums zu Fürth vr. Landmann und der Rabbiner zu Nürnberg Or. Ziemlich. Zur Tafel waren geladen: Rabbiner vr. Ziemlich, vr. Landmann, Rechtsanwaltvr. Frankenburger, Rechtsanwalt Gunzenhäuser (Fürth). Am 27. Sept. kurz vor 6 Uhr Nachmittags fuhr Se. k. Hoheit Prinz Luitpold vor der besonders geschmackvoll decorirten Synagoge mit großem Gefolge vor. Am Thore des Vorhofes wurde derselbe von dem Administrationsvorstande Herrn Rechtsanwalt Josephthal feierlich empfangen und zum Portale des Tempels geleitet, woselbst sich die übrigen Administrationsmitglieder, an ihrer Spitze der Rabbiner Herr Dr. Ziemlich, befanden, von welch Letzterem S. k. Hoheit in ehrerbietiger Weise begrüßt und sodann in den Tempel geführt wurde. Die Synagoge war durch mehr denn 300 Gasflammen wundervoll beleuchtet, was gerade in der Dämmerstunde einen zauberischen Eindruck niachte. S. k. Hoheit sprach sich mit großer Befriedigung über das herrliche Gottes-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.