Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 42 (12.10.1886)
- Date
- 1886-10-12
- Page
- Seite 660 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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dessen Inhalt unter Weglassung der specielleren rein fachlichen Details im Wesentlichen folgender ist: In der Einleitung bemerkt der Verfasser, daß die in den niedrigeren jüdischen Volksclassen herrschende Unsitte des Blutaussaugens nach ritueller Vorhautbeschneidung bei Neugeborenen durch den Operateur selbst oder einen der eingeladenen Gäste zuweilen zur Ursache einer schweren Krankheit, ja selbst des Todes des Kindes wird. Jahraus, Jahrein hat Dr. E. auf seiner Abtheilung im Krankenhause einige auf diese Weise mit Syphilis inficirte Kinder zu behandeln, später wird gewöhnlich auch die stillende Mutter inficirt, dann deren Mann und die übrigen Kinder der Familie; in diesem Jahre hat Verfasser eine Jnfection mit Tuberculose auf demselben Wege beobachtet: Chaim Terrenberg, von gesunden Eltern im Septbr. 1885 geboren, wird am 8. Lebenslage von M. E. beschnitten, worauf dieser die Wunde einige Mal aussaugt. Daraufhin heilt die Wunde nicht, sondern eitert, nach zwei Monaten sind die lymphatischen Leistendrüsen geschwollen, das Kind wird, da die Hausbehandlung immer schwieriger wurde, ins Krankenhaus gebracht: aus der Beschneidungswunde ist ein Geschwür geworden, die Leistendrüsen haben des Aussehen großer Geschwülste, hinter dem linken Ohr bildet sich ein großer fluctuirender Absceß; trotz sorgfältiger Pflege und geeigneter chirurgischer Maßnahmen wird das Allgemeinbefinden immer schlechter und stirbt das Kind am 12. März 1886. Die mikroskopische Untersuchung eines ausgeschnittenen Stückes der Vorhaut und der rechten Leistendrüsen ergiebt das Vorhandensein zahlreicher Tuberkelbacillen. Durch diesen Befund kommt Dir. Elsenberg auf die Idee einer Ansteckung mit Tuberculose durch den Beschneidungsoperateur; denn das Kind war vorher gesund, stammte von gesunden Eltern, hatte keine Anlage zur Tuberculose, keine Veränderungen in den Lungen, wenigstens waren dieselben bei physikalischer Untersuchung nicht festzustellen, es mußte also die Krankheit acguirirt haben und die Beschneidungsstelle war das fatale Thor zur Ansteckung; hier begann die Proliferation der Parasiten, die später in die Lymphdrüsen einwanderten und von dort über den ganzen Organismus sich zerstreuten und derartige Veränderungen in den Organen anstifteten, die früher oder später den Tod des Kindes verursachen mußten. Um diese Behauptung zu beweisen, sucht vr. E. den Beschneidungsoperateur auf und untersucht denselben in Gemeinschaft mit zwei anderen Aerzten gründlich. Der Mann ist vierzigjährig, groß gewachsen, gut gebaut und genährt, hat früher nie gehustet, begann erst unlängst zu hüsteln und dabei etwas grauen Schleim auszuwerfen; die Untersuchung ergiebt einen verdächtigen Befund im Kehlkopf und der linken Lungenspitze, der auf Verlangen ausgehustete Schleim enthältTuberkelbacillen. Die Ansteckungsweise erklärt sich vr. E. derartig, daß etwas Schleim Bacillen enthaltend während des Ausspeiens an der Zunge und den Lippen des Operateurs haften geblieben und während des Aussaugens auf die Vorhautwunde übergegangen sein muß, und dann hier wie im Organismus des Kindes die oben angegebenen krankhaften Veränderungen hervorgerufen habe, vr. E. ist überzeugt, daß dieser Fall nicht der erste gewesen, der unter seine Hände gekommen, daß wahrscheinlich schon andere analoge auf seiner Abtheilung gewesen, die, ausMangel an dem nöthigen Instrumentarium nicht untersucht, mit der Diagnose: „syphilitisches Primär-Geschwür nach der Beschneidung" registrirt worden sind, umsomehr als äußerlich das tuberculose Geschwür dem zerfallenden syphilitischen Geschwür ganz ähnlich sieht. Seitdem hat Verfasser noch drei analoge FälleJnoculationstuberculosebeider Beschneidung beobachtet undTuberkelbacillen nachgewiesen, außerdem hatLindmann 1873 zwei Fälle beobachtet, wo zwei Kinder durch die von einem Phtisischen ausgeführteBeschneidung und Aussaugung mitTuberculose inficirt wurden und unlängst hat E. Lehmann zehn Fälle beschrieben, die er bereits 1879 beobachtet hatte: alle diese zehn Kinder wurden von demselben Manne beschnitten und deren Wunden ausgesaugt. Dieser Mann starb an Phtisis (Schwindsucht); andere Kinder, die er ebenfalls beschnitten hat, die aber durch andere Personen ausgesaugt wurden, blieben ganz gesund, die Symptome waren bei allen diesen Kindern fast gleichartig, Geschwürsbildung an den Wunden, Schwellung und Vereiterung der Leistendrüsen, breite intermusculäre Abscesse, bei einigen entwickelte sich tuberculose Hirnhautentzündung: nur drei von den Kindern leben noch und haben ein exquisit sccophulöses Aussehen. Soweit vr. Elsenberg. Bedürfen diese von sachlich competentester Seite (vr. E. ist ordinirender Arzt an der Abtheilung für venerische und Hautkrankheiten im Warschauer jüdischen Krankenhausc und früherer Assistent am pathologischanotomischen Institut der Warschauer Universität) gemachten Mittheilungen irgend welchen Commentars?! predigen sie nicht drastisch genug die Nothwendigkeit der endlichen und allgemeinen Abschaffung einer Procedur, welche, an und für sich durch ihre Widerlichkeit den Ekel jedes anständigen Menschen erregend, Leben und Gesundheit ganzer Generationen zu gefährden im Stande ist: kann selbst von religiösen Bedenken bei Beseitigung eines Gebrauchs (besser Mißbrauches) die Rede sein, welchem nur das zweifelhafte Recht des Althergebrachten zur Seite steht, der aber keineswegs als biblische Satzung gelten darf. Denn die Meziza ist kein essentieller Bestandtheil der zur Aufnahme in den Bund des Judenthums vorgeschriebenen Operation; das Gebot der Bibel kennt nur die Mila (Beschneidung). An den hierbei in Betracht kommenden Gesetzesstellen Genesis 17, B. 10—14 ibid. 23-27; Cap. 21 B. 4, ferner Leviticus