Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 42 (12.10.1886)
- Date
- 1886-10-12
- Page
- Seite 659 (sequence 3)
- Language
- German
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659 macht er geltend, daß man nicht gleich darüber urtheilen solle, da in vielen Fällen vermöge der Organisation eines Staates Besserung geschaffen werde, also dem Hebel das Gute gegenüberstehe. So wenig auch der Reichthum Werth habe, so schließe er doch nicht aus, ihn gut anznwenden und sich so seiner zu freuen für sich und Andere. So ist auch die Begierde ein Nebel für den Menschen, kann er sie aber nicht beherrschen? Wodurch vermag er dies aber? Koheleth beantwortet diese Frage — durch die „Weisheit". „Weisheit ist besser als Besitz, vorzüglicher »für die, welche die Sonne schauen; die Weisheit erhält ihrem Besitzer das Leben" (7, I I.). Worin aber besteht diese Weisheit? In der Mittelstraße zwischen den Gegensätzen, die in der Natur des Menschen vorhanden sind. Koheleth empfiehlt deshalb, „sei nicht allzu gerecht und sei nicht allzu ungerecht"; nicht für Eines allein setze deine ganze Kraft ein, sondern „laß auch von Anderem deine Hand nicht ab: denn ein Gottesfürchtiger kommt durch Alles heraus." Sei nicht jähzornig, sondern nachsichtig gegen Andere, „denn kein Mensch ist so gerecht auf Erden, daß er Gutes thue und nicht sündige." Deshalb Maß halten im Erstreben des Besitzes und im Verkehre mit dem weiblichen Geschlechte; auch an dem Leide Anderer theilnehmen und zwischen Trauer und Freude das rechte Maß finden. Durch die Weisheit (8, 1.) wird im Menschen jede „Starrheit gemildert", d. h. jeder Gegensatz abgeschliffen und in der Erwägung des rechten Werthes der Dinge von jedem Extrem abgesehen. Im Besonderen empfiehlt Koheleth, den Gesetzen Gottes und des Staates zu gehorchen. Je weniger der Mensch das Kommende, also auch die Wirkung seines Thuns im Voraus weiß, desto sicherer ist es, das Gesetz festzuhalten, um so jedem „schlimmen Handel" auszuweichen. Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß schließlich der Gerechte besteht und der Frevler untergeht. Er kommt daher zum Schluffe: „Daß nicht schnell erfolgt die Strafe böser That, darum füllt sich der Menschensöhne Herz in ihnen. Böses zu thun: aber mag ein Sünder hundertmal Böses thun und Er sieht ihm nach, dennoch weiß ich, daß es gut ergehen wird den Gottesfürchtigen, da sie vor Ihm sich fürchten, und gut ergehen wird es nicht dem Frevler, und wie der Schatten nicht lange wird dieser leben, da er vor Gott sich nicht fürchtet." — Hiermit hat Koheleth die sekundären Einwendungen widerlegt, und er beruft sich schließlich darauf, daß der Mensch die Rathschlüsse Gottes nicht zu durchschauen vermag, und deshalb von den Erscheinungen im menschlichen Leben sich verwirren läßt; daß aber gerade dieses Resultat für seine Ueberzeugung spreche: der Mensch habe nur G.tt Wohlgefälliges, also das Gute und Gerechte zu sthun und sich dann des Lebens und seiner Güter zu freuen, wa' ihm eben nur durch einen tugendhaften Wandel möglich ist, da ihm dann Gott die Gabe dazu verleiht. Alle diese Aussprüche und die ganze Beweisführung durchsetzt er immer wieder mit pessimistischen Sätzen von der Nichtigkeit alles Irdischen, von der Verwirrung der menschlichen Verhältnisse und von der Unzulänglichkeit unserer Erkenntniß. Gerade dadurch heben sich aber seine durch und durch sittlichen Grundsätze um so mehr ab und versucht er auf diesem Wege die Zweifler zu Gott, zur Tugend und zur Gerechtigkeit zurückzuführen, indem er ihnen die Ausgleichung aller Gegensätze als das rechte Ziel, als die wahre Weisheit darbietet. Denn die Weisheit bezähmt jede Leidenschaft, flößt Vorsicht und Gelassenheit ein und läßt die rechte Kraft an der rechten Stelle ansetzen, so daß sie die Stärke überwindet; die Arglist aber verfehlt nicht bloß das Ziel, sondern bereitet Verderben dem Arglistigen selbst. „Wer eine Grube gräbt, fällt hinein, wer eine Mauer einreißt, den sticht eine Schlange." Aber auch die Vorsicht darf nicht zur Zaghaftigkeit, Unsicherheit und Lässigkeit werden. „Wer den Wind beobachtet, wird nicht säen, wer nach Wolken schaut, wird nicht ernten. So sä' am Morgen deine Saat und a>n Abend laß deine Hand nicht ruhen, denn du weißt nicht, welches gelingen wird, dieses oder jenes, oder ob sie beide zugleich gedeihen" (11, 4. 6.). Und so ist diese Weisheit die einzig richtige Führerin durch die Wirren des Lebens und durch die Dunkelheit unserer Einsicht. Darum ist für Koheleth die Weisheit gleichbedeutend mit der Tugend und Gottwohlgefälligkeit, die Thorheit mit der Sünde. (Schluß folgt.) Hamburg, im Oktober 1886. Ueber die Vothwe«-igkeit des Verbotes der Mezha. Bon Di-, metl. S. Mai, pract. Arzt in Hamburg. Bon allen Zweigen der medicinischen Wissenschaft hat unleugbar die moderne Chirurgie den größten Aufschwung genommen; die höchste Vollendung der Technik, ganz besonders aber die von dem genialen Lister so überaus vervollkommnete Antiseptik haben die Vornahme der kühnsten und eingreifendsten Operationen am menschlichen Organismus mit ungestörtem, raschesten Heilungsverlauf ermöglicht. Diesen glänzenden Resultaten gegenüber muß es um so auffälliger und betrübender erscheinen, wenn in neuester Zeit mehrfach üble Vorkommnisse nach der Beschneidung, eines an sich kaum gefährlichen Eingriffs, gemeldet werden, die sogar an einzelnen Orten zu behördlichem Einschreiten geführt haben und erachte ich es deshalb für zeitgemäß, die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf einen Aufsatz zu lenken, den Di-, mecl. A. Elsenberg aus Warschau unter dem Titel: „Jnoculation der Tuberculose bei einem Kinde" in Nr. 35 der „Berlin. Klin. Wochenschrift" vom 30. August dieses Jahres veröffentlicht, 42