Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 42 (12.10.1886)
- Date
- 1886-10-12
- Page
- Seite 658 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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658 Mal durch wunderbare Fügungen gerettet wurden. Und doch war selbst auf dem religiösen Boden Israel niemals zu jener finstern Ascetik der Inder oder zum Mönchthum der buddhistischen und der christlichen Kirche bestimmt und geneigt, und die h. Schrift spricht oft genug, auch die Propheten, von Gesang und Reigen, von Pauke, Flöte und Zither, und fügt den Festgeboten hinzu: du sollst dich freuen mit den Deinen, mit den Fremdlingen, den Wittwen und Waisen. Hatte doch auch dieses Sukkoth sich ein glänzendes Jubelfest geschaffen, das Fest des „Wasserschöpfens", an welchem ganz Jerusalem in einem Lichtmeer schwamm und das Volk sich an Tanz und Freudenmahlen ergötzte, so daß man sagte: Wer dieses Fest nicht gesehen, hat niemals die Freude geschaut. In der That suchte die Religion Israels jene weise Vermittelung zwischen dem Ernst des Lebens, der Emsigkeit des Schaffens und der gerechtfertigten Freude und Lust. Die Entsagung galt nur der bösen Begierde, der Leidenschaft, dem Laster, all' den Fehlern des Menschen, die an sich zu beseitigen seine Aufgabe ist. Nun, das Leben, das uns gegenwärtig umgiebt, enthält der Zerstreuungen, Vergnügungen und Verlockungen genug, als daß es uns nicht heilsam sein sollte, uns von Zeit zu Zeit jenen ernsten Erinnerungen und Gedanken zu überlassen, welche aus dem Gewühl und Wirbel der Gegenwart in ein stilles, aber geheiligtes Land und in eine Vergangenheit zurückführen, die mit ernster Mahnung und weihevollen Ideen zu uns spricht. Wohl, wenn dir, Menschensohn, die Erinnerungen an dein vergangenes Leben in der Seele erwachen, so gedenke nicht allein der Stunden der Freude und der Lust, die dir geworden, aber auch nicht bloß der Tage der Schmerzen und des Kummers, die mit Pein und Leid über dich gekommen, jenes wäre. Leichtsinn, dieses Trübsinn, sondern wie der Trank des Lebens aus Honig und Wermuth gemischt ist, so mögen unsre Erinnerungen an allen Begegnissen unsrer früheren Tage haften und wir werden zur Erkenntniß kommen, daß mitten durch die Fügungen des Geschickes und das eigene Wollen, Thun und Lassen die göttliche Vorsehung uns zu dem Ziele geführt, daß wir erreicht haben. Die Moral Koheleth's. in. Das war also die Anschauung Koheleth's: Alles, was Gott geschaffen und „was Gott thut, das wird ewig sein, hinzuzufügen ist Nichts und davon zu nehmen ist Nichts" (3, 14.). Aber alles Thun des Menschen ist nichtig, da es sich immer wiederholt und keine Dauer hat; darum soll er das Leben genießen und sich dessen freuen, was es ihm bietet, immer jedoch mit dem Bewußtsein, daß Gott, der die Vorsehung und die Vergeltung ist, all' sein Thun und Lassen richtet — das heißt nichts Anderes, als daß er das Gute zu thuu und das Böse zu meiden habe. Hiergegen nun erhoben sich mehrfache Einwände, die von den der vollendeten Skepsis Anheimgefallenen vorgebracht wurden. Der erste derselben ging dahin, daß der Mensch dem Thiere gleich sei, da den Menschen und das Thier das gleiche Begegniß treffe, nämlich der Tod, daß „in Allen einerlei Geist, also der Vorzug des Menschen vor dem Thiere nichts sei" (B. 19.'); denn fraglich sei die Unsterblichkeit der Menschenseele: „Wer kenne", ruft der Zweifler aus, „den Geist der Menschensöhne, ob er in die Höhe steigt, und den Geist des Thieres, ob er hinuntersinkt zur Erde" (V. 21). — Dieser Einwand wird durch einen zweiten unterstützt, indem auf die viele Unterdrückung und Gewaltthat, die auf der Erde vor sich geht, hingewiesen wird, „Thränen der Unterdrückten und Niemand tröstet sie". Ferner, daß diejenigen, welche tüchtig sind im Thun und sich vielen Mühen unterziehen, hierdurch nur „ Eifersucht Eines gegen den Anderen" erwecken, und statt Lohnes nur Haß und Undank ernten. Nicht minder ist der Reichthum dadurch nur schädlich, weil er die unersättliche Habgier reizt, so daß des Menschen „Auge nicht satt wird." Und was endlich die Macht betrifft, vertreten durch das Königthum, so ist dieselbe vielfachem Wechsel unterworfen; Herrscher werden gestürzt, und es „kann Einer aus dem Gefängniß heraus Herrscher werden; die Gunst des Volkes ist wankelmüthig und wendet sich leicht dem zu, der den regierenden Herrscher verdrängen will". Durch alles dies soll gegen die oben gezeichnete Grundanschauung Koheleth's polemisirt werden: der aus dem Gerichte Gottes erfolgende Lohn des Guten und die Strafe des Bösen sollen zweifelhaft gemacht werden, weil ja alles Menschliche, Alles was die Menschen treibt und beherrscht, nichtig sei. — Diesen Einwendungen tritt Koheleth zunächst damit entgegen, daß er seinerseits auf die Ergebnisse des wirklichen Lebens hinweist. Er hatte behauptet, daß es die Aufgabe des Menschen sei, sich des Lebens und seiner Güter zu freuen, und dies sei „eine Gabe Gottes", erworben durch richtige Erkenntniß und „Gutesthun" (5, 17—19). Deshalb müsse der Mensch vorsichtig sein in der Gottesverehrung, indem Gott gehorchen und dadurch das Böse vermeiden besser sei als Opfer bringen; und viele Worte im Gebet gebrauchen und viele Wünsche vor Gott auszusprechen, nur Sache des Thoren sei, der sich Träumereien überläßt; sündig aber ist es, Gelübde zu thun und nicht zu-halten. Gegen den Einwand von der Unterdrückung I) Diese Ansicht blieb nicht ohne nachhaltige Wirkung; um jede hochmüthige Regung im Menschen zu unterdrücken, wurden die Worte in das tägliche Gebet aufgenommen: noran ]d D~!xn iniß' bn bn -o