Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 42 (12.10.1886)
- Date
- 1886-10-12
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227609-3227652--43885-3264272- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Allgemeine Zeitung des Iudmlhums. Ei» mpartciischks Organ fite alles indische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 8 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner vr. Lu-mg Philippson in Bonn. GXpeöition: Leipzig, Woßpkcrh 17. In reoactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 50. Jahrgang. Leipzig, den 12. Oktober 1886. Nr. 42. ludslt. Leitende Artikel: Erinnerungen. — Die Moral Koheleth's. — Ueber die Nothwendigkeit des Verbotes der Meziza. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Bonn, Berlin, Nürnberg, Vom Neckar, Greifswald. — Oesterreich-Ungarn: Pest. — Rumänien: Bukarest. — Rußland: Odessa, Turek. — Frankreich: Paris. — Spanien: Madrid. — Amerika: London. — Palästina: Berlin. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Eine Rheinfahrt. — Die Bevölkerung Jerusalems. Bonn, 6. October. Erinnrrungen. Zu Sukkoth. Kein Fest entführt uns mehr nach dem Morgenlande als dieses Laubhüttenfest. Diese Laubhütte in der Mitte des Octobers in unserem Klima, wo zu dieser Zeit die vguhen Winde zu wehen, die kalten Regengüsse zu fallen begonnen haben, Bäume und Sträucher zum großen Theile ihres Laubes beraubt sind und die Erde all ihres sommerlichen Schmuckes entkleidet ist — diese Palme, dieser Ethrog, Kinder des Orients, selbst die Myrthe gedeiht ja bei uns nicht im frischen, fröhlichen Zustande — nur die Bachweide gehört auch unsrer Heimath an, da sie sich von den Bächen Babels bis zu den Grenzen des Oceans, auf beiden Hemisphären der Erde verbreitet ist. Alle diese Symbole des Festes sind Erinnerungen aus dem heiligen Lande unserer Bäter. Aber was ist darüber zu verwundern? Alle Erinnerungen, die biblischen tote die talmudischen, wurzeln in jenem Lande, und die, welche aus der Vergangenheit in den europäischen Ländern herrühren, find so trauriger Art, daß ein Fest mit und an ihnen nicht gefeiert werden t%nn. Freilich, Alles, woran'uns die Feste, die wir in dem jüdischen Jahrescyclus zu begehen haben, mahnen, ist tief ernster Natur. Das Peßach erinnert an den Auszug aus Egypten und an die Priesterweihe des israelitischen Volkes zum Bekenner des einzigen^Gottes. Das Schabuoth knüpft an die Darbringung der Erstlinge zum Bekenntniß, daß „Alles, was wir haben, Gottesgaben"; und hierzu die Erinnerung an die Gesetzgebung auf Sinai, von welcher ununterbrochen das Wort unsrer Väter: „Wir wollen hören und thun!" durch alle unsre Geschlechter in unsre Herzen als ernster Nachhall klingt. Ja, das Laubhüttenfest sollte ein Freudenfest sein für das gesammte Volk, nachdem es Obst, Oel und Wein eingeheimst hatte. Wir aber haben längst solcher Ernten uns nicht mehr zu freuen, und wenn jene Pflanzen uns auf den Flügeln der Phantasie nach dem einstigen Wohnsitze unsrer Ahnen entführen, so gewahren wir da ein ödes Land, verkümmerte Städte, namenlose Ruinen und die Herrschaft eines barbarischen Volkes, welchem die ärmlichen Bewohner zu Ausbeute und Erpressung dienen. Es waren große Gedanken, welche das Fest enthalten sollte. Die Bewohner fest gebauter Häuser, in welchen sich allmählich zusammengefunden, was zur Behaglichkeit, zur Würze des Lebens gereichte, sollten diese verlassen und die^Lage des Festes in grünen Lauben verbringen — sie sollten 'sich alles Hochmuths des Besitzes, des Sicherheitsgefühles, das er verleiht, entkleiden, der Vergänglichkeit des irdisch«! Gutes bewußt werden, die Abhängigkeit vom himmlischen^ Geber sich zum Gefühl bringen. Dazu "sollte ihr Blick in die Geschichte ihrer Vergangenheit zurückgehen,''auf. die Drangsale und Entbehrungen der WDen, die da's Volk 40 Jahre durchwandert hatte. Selbst j»^>heiden heiteren Zieste im Kißlew und Adar hasten doch nur an großen geschichtlichen Gefahren, welche dic^densWit naher Beratung bedrohten, und aus welchen sie nur durch blutige Kämpfe das eine, das andere 42