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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-10-05 · Heft 41 (5.10.1886) · p. Seite 654

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 41 (5.10.1886)
Date
1886-10-05
Page
Seite 654 (sequence 14)
Language
German
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654 Sitze int Parterre und eben so viele Tribünen. Ein rother Marmorblock in der Vorhalle trägt die Inschrift: „Dieser dem Ewigen geweihte Tempel wurde von Frau Cäcilie Furtado-Heine erbaut. Möge ihr Name, von Geschlecht zu Geschlecht fortdauernd, gesegnet sein! September 1886". Zu der Einweihungsfeier, welcher die hochherzige Dame beiwohnte, hatten sich außer den Spitzen der Pariser jüdischen Kreise, auch viele Vertreter der Aristokratie eingefunden. Der Chor des großen Pariser Tempels sowie der Pariser Großrabbiner Zadok Kahn betheiligten sich an der Feier, die in höchst würdiger Weise verlief. — Man schreibt uns aus Brünn, vom 20. September.: Am 6. d. M. verschied nach kurzem Krankenlager der Rabbiner von Lemnitz, Joachim Altenstein, im 78. Lebensjahre. Ein Manu der alten Schule, hatte er sich auf autodidaktischem Wege weltliche Bildung angeeignet und war einer der ersten Rabbiner Mährens, die die deutsche Predigt einführten. An seiner Bahre, hielt, von der Gemeinde berufen, Herr Dr. Deutsch aus Brünn die Trauerrede, welcher ein großes Publikum von nah und fern beiwohnte. — Man schreibt aus Buchau am Federsee, vom 21. Sept.: Rabbiner Weinau, der 24 Jahre in der hiesigen israelitischen Gemeinde als Seelsorger gewirkt hat, mußte wegen andauernder Krankheit in den Ruhestand treten und verließ heute unsere Stadt, um nach Stuttgart überzusiedeln. Derselbe hat sich durch gewissenhaftes, pflichttreues und eifriges Wirken die Zufriedenheit der Behörde und Gemeinde erworben und erhalten. Da der Scheidende durch seine Gesundheitsverhältnisse am Predigen verhindert ivar, so hat er seine Abschiedsworte im Druck erscheinen und an die Gemeindegenossen vertheilen lassen. Aus dem gleichen Grunde mußte er die ihm zugedachte Abschiedsfeier ablehnen und wurde ihm durch das Kirchenvorsteheramt eine Adresse nebst einer sehr ansehnlichen Ehrengabe von den Gemeindegenossen überreicht. Die Gesellschaft Harmonie brachte ihm gestern Abend ein Ständchen, wobei der Vorstand derselben, Kaufmann H. Erlanger, dem Dank der Gemeinde für seine Wirksamkeit Ausdruck verlieh. Bonn, 26. Sept. (Literarische Notizen). Wir müssen unsere Leser noch einmal mit dem von der Voss. Z. in deutscher Ilebersetzung mitgetheilten und von uns für apokryph erklärten Brief des Barrios über die Behandlung und den Tod des Uriel Akosta beschäftigen. Es wird uns nämlich von Berlin mitgetheilt, daß es sich herausgestellt habe, dieser Brief habe schon 1881 in der Tribüne, der Posener Ztg., der Magdeburger Ztg., u. a. Blättern gestanden und zwar aus dem spanischen Original übertragen, während die Ilebersetzung in der „Boss. Ztg. aus dem Holländischen des in Rotterdam erscheinenden „Jsraeliet" verfertigt sei, und dieses Umstandes wegen habe die Voss. Ztg. sich nicht weiter mit der Sache befassen wollen. Es scheint uns dies keinen großen Eifer für die Berichtigung eines begangenen Jrrthums. Wie dem auch sei, der Verfertiger des spanischen Originals, wie die holländischen und deutschen Uebersetzer, haben weder vom Leben des Barrios, dem der Brief untergeschoben worden und der erst 1660 nach Amsterdam gekommen, noch vom Leben Spinoza's, der 1632 geboren worden, eine Kenntniß besessen, und so sind die holländischen und deutschen Uebersetzer dem Jrrthum verfallen, den der spanische Abfasser des Briefes erstrebt hat: sie haben den Brief für echt gehalten, der doch das Gepräge der Fälschung vollständig getragen hat. — Die Leser erinnern sich wohl, daß vor einigen Jahren in Pompeji ein Basrelief entdeckt wurde, auf welchem, allerdings etwas verschieden von der biblischen Erzählung, das Urtheil Salomons dargestellt war. Indessen wollten einige Kritiker dasselbe nicht als ein Pendant zum biblischen Berichte anerkennen, da sonst die Anwesenheit von Inden in Pompeji nicht erwiesen sei. Jetzt hat Dr. Mau ein Trittlinium daselbst gefunden, auf welches die Worte, „Sodoma, Gomora" eingegraben sind. Man wird also nicht mehr zweifeln dürfen, daß unter den Bewohnern des unglücklichen Pompeji auch Juden waren. — Der schon durch frühere Erzählungen für die israelitsche Jugend bekannte Lehrer B. Hause hat abermals eine solche unter dem Titel „Der goldene Boden" (Eisenach im Selbstverläge, in Commission bei I. Kaufmann zu Frankfurt a. M. 1886) herausgcgeben. Die Tendenz der Erzählung ist, in der jüdischen Jugend die Lust zum Handwerk zu wecken, indem sic zeigt, wie ein jüdischer Knabe trotz seiner Mittellosigkeit durch die pflichtgetreue Uebung seines Handwerks zu Wohlstand gelangt, während eiu anderer als Kaufmann durch Spekulation und Krisen, obschon von Haus aus begütert, ruinirt wird. In einfachem Tone wird über die Schicksale der beiden jungen Leute berichtet, und jedem Kapitel zum Schluß eine ernstliche dringende Mahnung hinzugefügt. Wir können deshalb dieses Büchlein nachdrücklich empfehlen. — In den Sektionen des jetzt in Berlin versainmelten 50. Congresses der Naturforscher und Aerzte haben auch mehrre unsrer Glaubensgenossen Borträge gehalten, die sich eines allgemeinen Beifalls zu erfreuen hatten. In der Sektion für Physik war es der hochverdiente Botaniker Prof. Dr. Ferdinand Cohn, welcher „über Lebensfragen" sprach. Der Redner gehört nicht zu den Naturforschern, denen die Worte Seele und Jnstikt einen gelinden Schauder erregen. Er führte seine Hörer bis in die unterste Region des Pflanzenlebens und schloß mit dem Satze: „Aber dennoch wird sich das Räthsel des Lebens schwerlich ganz nach den Darwin'schen Auffassungen lösen lassen. Die Kluft zwischen Organischem und Anorganischem ist nicht geschlossen und erst die besser informirte Zukunft wird auf die gestellte Frage vom Wesen des Lebens die volle Antwort geben können."

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