Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 41 (5.10.1886)
- Date
- 1886-10-05
- Page
- Seite 653 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227609-3227651--43880-3264266- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
haften. Der Lärm dauerte eine Weile fort. Man rief den Antisemiten zu: „Das ist eine abscheuliche Feigheit, das ist ein bübisches Benehmen." Inzwischen kam ein Wachmann an den von den Antisemiten bezeichneten Mann heran, um ihn zu verhaften und auf die Polizei-Wachstube zu führen. Die Umstehenden schrieen, Oberleithner und Fiegl sollten mitgenommen werden und unter fortwährendem Geschrei und Geschimpfe strömte Alles von der Alserstraße, wo sich eine Menge Leute anschlossen, zur Wickenburgstraße. An der Ecke dieser Straße erklärte Gymnasial-Professor Fiegl, er gehe nicht mit zur Wachstube. Neuer Lärm und Ruse: „Das ist schändliche Feigheit, nur im Reformverein haben Sie Muth!" Die Antisemiten dagegen schrieen: „Das ist unverschämt, einen Reichsraths-Abgeordneten zu beleidigen!" Und so strömte der Haufe Menschen, sich immer vergrößernd, unter tobendem Lärm in die Wickenburgstraße. Nur mit Mühe vermochte der Wachmann eine Schlägerei zu verhindern. Mittlerweile gelang es doch dem Gymnasial-Professor Fiegl, sich bei einem Hause der Menge zu entziehen und der Wachmann konnte nun den Arretirten zur Wachstube führen, wo derselbe nach einem kurzen Verhöre freigelassen wurde. Frankreich. Paris, 22. Sept. (Privatmitth.) Wenn die Antisemiten, auch die französischen, allzeit die Lärmtrommel über die einheitlichen politischen Bestrebungen der Juden rühren und ihnen deshalb einen großen Einfluß und das Streben nach Beherrschung der Welt (!!) zuschreiben, so werden sie täglich durch Thatsachen widerlegt, die sie freiwillig unbeachtet lassen. Ein derartiges Beispiel haben wir jetzt in Herrn Josef Reinach, der in der Kepublique fran<jaise dem Bündniß Frankreichs mit Rußland eifrig das Wort spricht. Von allen Seiten entgegnet man ihm, daß ein solches zwischen einer radikalen Republik und einem autokratischen Staate mit all' den russischen Eigenthümlichkeiten nicht möglich sei. Aber Reinach rühmt Rußland „als Land der Aufhebung der Leibeigenschaft" und mit einem solchen Staate könne die Republik sich verbinden. Reinach ist Jude, aber an seine russischen Glaubens - und Stammesgenossen denkt er nicht. Nun machen wir Niemandem aus seinen politischen Ansichten einen Vorwurf. Ist er aufrichtig und läßt sich von seiner Ueberzeugung leiten, so erscheint er uns gerechtfertigt für seine Person, so absurd seine Meinungen auch sein mögen. Aber man behaupte nur nicht, daß die Juden in politischer Beziehung irgend eine Einheit bilden und man wolle nicht hieraus Gefahren für die Welt herleiten und den Philistern Gespensterfurcht vor den Juden einflößen! Bonn, 26. Sept. (Notizen). Man schreibt aus Homburg v. d. H. vom 19. Sept.: Herr Rabbiner vr. Appel wird binnen Kurzem die hiesige Stadt verlassen, um einem an ihn ergangenen, sehr ehrenvollen Rufe der Mannheimer isr. Gemeinde Folge zu leisten. Sein Abgang von hier wird allerseits bedauert. Herr vr. Appel hat sowohl durch sein rühriges, amtliches Wirken, als auch durch sein taktvolles persönliches Auftreten sich während seines siebenjährigen Aufenthaltes dahier die Sympathien seiner Gemeinde und weiterer städtischer Kreise in höchstem Maße zu erwerben gewußt. Seine Begabung als Kanzelredner, sowie seine Tüchtigkeit als Jugendbildner erfreuten sich in hiesiger Stadt allgemeiner Anerkennung. Als Geistlicher, sowie als Pädagog, ist Herr vr. Appel dem alten Wahlspruch gefolgt: „Fest in der Sache, milde in der Form". Die Festigkeit auf der einen Seite machte einen nachhaltigen Eindruck, die Milde auf der andern Seite zog an und so kommt es denn auch, daß Herr vr. Appel Allen, selbst Minderwollenden, Hochachtung abnöthigte. Die Kanzel benutzte derselbe, um in kernhafter Weise religiöse Belehrung zu verbreiten und außerdem hielt er im Wintersemester wöchentlich zwei Mal Vorlesungen über jüd. Literatur und Geschichte, welche sich ihrer populären Fassung wegen großer Beliebtheit beim Auditorium erfreuten. Mit größter Liebe aber hingen an ihm die Schüler, welchen er Liebe und Begeisterung für ihren Glauben einzuflößen wußte. — Am 28. August feierte die Synagogengemeinde iu Cöln den 25 jährigen Bestand ihrer Synagoge und gestern (25. d.) den Tag, an welchem der jetzige Vorsteher Herr Jakob de Jongh in das Amt eines Repräsentanten der Gemeinde vor 25 Jahren eintrat. Die Gemeinde hat sich seitdem durch Zuzug sehr vergrößert und ist bestens organisirt. In diesem Zeiträume verstarben der Erbauer der Synagoge Baron Abraham Oppenheim, der damals fungirende Rabbiner vr. Schwarz und der Gemeindevorsteher S. M. Frank. — Man schreibt aus Cöslin, 23. Sept.: Unter Betheiligung der Behörden und einer großen Zahl von Gästen hat heute die feierliche Einweihung der neuen Synagoge stattgefunden. Die Feier wurde eingeleitet durch Gesänge des Synagogenchors. Es folgte der Einzug der Thorarollen und deren Einschließung in die heilige Lade. Das Entzünden der „ewigen Lampe" geschah unter entsprechendem Gebet durch den Rabbiner der Stolper Gemeinde vr. Hahn. Den Haupttheil der Feier nahm die Festpredigt des Rabbiner vr. Vogelstein aus Stettin in Anspruch. — Man schreibt aus Paris vom 23. Sept.: Gestern Nachmittag wurde in Versailles die neue Synagoge eingeweiht, welche Frau Furtado-Heine mit einem Kostenaufwande von 400000 Franken aus eigenen Mitteln erbauen ließ. Das Gotteshaus, ein einfacher, würdevoller Ban und Werk der Architekten Aldrophe und Blondel, trägt an der Fayade eine große Rosette, welche die Gesetztafeln überragen. Das Innere ist im romanischen Stile gehalten und enthält 150