Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 41 (5.10.1886)
- Date
- 1886-10-05
- Page
- Seite 652 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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652 Schneider noch etliche Beleidigungen, wie Creatur, Agent, Regierungshund re. ins Gesicht und ging. Die erste Spaltung im antisemitischen Lager war vollzogen. Nun kam ein neuer Präsident in der Person des Reichsraths-Abgeordneten Dr. Pattai an die Spitze des Vereins. Doch auch er sollte sich nicht lange seiner Würde freuen. Schneider nahm seine Conspirationen von Neuem auf, und es gelang ihm, die zurückgebliebenen Deutschen abermals zu spalten. Ein Theil schloß sich Dr. Pattai, ein Theil Schneider an. Dr. Pattai sah, daß ein solcher Zustand dem Verein schade und dankte ab, mit der Motivirung, es möge Schneider nach seinem eigenen Genre den Verein leiten. Die Anhänger Pattai's wollten dessen Wiederwahl durchsetzen, doch Schneider führte neuerdings seine Czechen ins Treffen und mit zwei Stimmen Majorität erreichte er sein Ziel: er wurde Präsident des Reformvereins und auch Dr. Pattai war beseitigt. Und der arme Hollomay, der wohl selbst Präsidentengelüste in seinem Innern getragen!? Für ihn begann jetzt, so erzählt er, eine wahre Leidensperiode. Der Mann mag schreckliche Qualen ausgestanden haben, als er mit ansehen mußte, welch' fürchterlichen Mißbrauch der neue Präsident mit dem Verein getrieben. Es gab keine einzige Partei, welcher er nicht Spionsdienste geleistet hätte. Mit den Klerikalen soll er, wie oben schon erwähnt, innigen Coutact unterhalten haben und auf einer Reise durch Tirol wurde er in sämmtlichen Ortschaften, gleich einem Potentaten, von der Geistlichkeit und den klerikalen Vereinen festlich empfangen; in die Kreise der Gewerbetreibenden wußte er sich gleichfalls einzudrängen und brachte es mit ihrer Unterstützung zu einer führenden Stelle im Genossenschaftstage; selbst mit Anarchisten unterhielt er Beziehungen, sein Verkehr mit dem berüchtigten Peukert soll eine erwiesene Thatsache sein; ferner erzählt Hollomay, er hätte einem hiesigen Advokaten Geld zur Vertheidigung angeklagter Anarchisten eingehändigt. Alles dies wird aber noch übertroffen durch den Verrath, dessen sich Schneider gelegentlich der letzten Reichsrathswahlen schuldig gemacht. Damals soll er die Pläne seiner Partei den Juden verkauft haben; doch er fiel in die selbstgegrabene Grube, denn alle antisemitischen Candidaten drangen durch, bis auf ihn, der im zweiten Bezirke gegen Prof. Sueß unterlag. Das sind die Führer der antisemitischen Bewegung! Was Wunder, wenn dieselben heute gänzlich zerfahren, in ihren Grundfesten erschüttert, jeden Moment einem mit argen Skandalen verbundenen Fallissement nahe ist. Da muß ein Retter in der Roth gefunden werden, welcher den Verein vor dem Sturz in den Abgrund bewahrt. Hollomay hat einen solchen Helfer in der Bedrängniß bereits entdeckt. Seine Blicke richten sich auf Schönerer und er ruft dem übrig gebliebenen Häuflein von Gesinnungsgenossen zu: „Kehret zurück zu der allein selig machenden Fahne Schönerer's!" Der Pfad wurde in einer jüngst stattgehabten Versammlung der Reformer geebnet. Der Verein entwarf auf antisemitischer Basis ein nationales und wirthschaftliches Programm, welches den Grundsätzen Schönerer's entspricht und die Versöhnung anbahnen soll. Doch der Ritter von Rosenau grollt den Reformern, wie der Czar dem Battenberger. Mögen sie immerhin die deutsche Staatssprache in ihr Programm aufnehmen, dem engen Anschluß an das Deutsche Reich das Wort reden, die Preßanträge des parlamentarischen Verbandes der Deutsch-Nationalen und dessen landwirthschaftliche Reform'oorschläge befürworten, mögen sie in ihrem Radikalismus sogar die Verstaatlichung des Versicherungswesens, der Eisenbahnen, Dampfschiffe und insbesondere der Oesterreichisch-Ungarischen Bank, die Beseitigung aller Aetiengesellschaften und Creditinstitute fordern — Schönererer bleibt kalt und unerbittlich. Und so ist denn das Schicksal der antisemitischen Bewegung in Wien besiegelt. Ueber kurz oder lang wird die Partei der Reformer von der Bildfläche des politischen Lebens verschwinden und damit Wien eines Schandfleckes ledig geworden sein, der durch mehr als vier Jahre auf ihm gehaftet." — Sehr bezeichnend ist auch folgender Vorfall: Als heute um die Mittagsstunde der Vorsitzende im Prozesse Heller-Grünberger die Verhandlung auf kurze Zeit unterbrach, verließ das Publikum wie gewöhnlich den Saal. Es befanden sich darunter Advokaten, Bertheidiger, Gerichtsbeamte und viele Officiere. Während dieser Pause entstand an der Garderobe, die sich im Vestibüle vor dem Schwurgerichts-! saale befindet, ein großer Skandal. Ein gewisser Dr. Peter Edler v. Oberleithner, der offenbar mit einigen antisemitischen! Gesinnungsgenossen, darunter der Gymnasial-Professor und ' Reichsraths-Abgeordnete Fiegl, der Verhandlung beigewohnt | ^atte, rief plötzlich: „Die Juden sind alle Betrüger und gej hören alle hierher!" Einer der Beschädigten im Prozesse, ein! Jude, stellte Oberleithner wegen dieser Aeußerung energisch i zur Rede. Nun erhoben die Antisemiten ein großes Geschrei, j andere Personen mischten sich gleichfalls in den Streit, und! Gymnasial-Professor Fiegl schrie: „Was krakehlen die Juden,! als ob sie im Tempel wären!" Nun wurde der Lärm noch Würger, man drang auf Oberleithner und Fiegl ein, und nur 'dem Eingreifeil der Gefangenhauswache gelang es, die Genannten vor Schlägen zu schützen. Nun rief man der Wache zu, sie möge Oberleithner verhaften; dieser aber rief: „Was, mich wollen Sie verhaften lassen? Ich bin ein Duzbruder des Herrn Landesgerichsrathes Dr. v. Holzinger, und ich werde ihm morgen schreiben, daß er solche Leute nicht in den Saal lassen soll." — „Und dieser Herr," rief er, auf den Gymnasial-Professor Fiegl deutend, „ist der Reichsraths- Abgeordnete Fiegl." Nun schrieen die Antisemiten, man möge eine Person, die sie im Publikum gepackt hatten, ver-