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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-10-05 · Heft 41 (5.10.1886) · p. Seite 651

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 41 (5.10.1886)
Date
1886-10-05
Page
Seite 651 (sequence 11)
Language
German
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651 so werden Sie mich gewiß verwundert fragen: Wer ist Hollomay? Da ist es allerdings nicht leicht zu antworten. Hätte Hollomay etwas für die Welt gethan, würde er im politischen Leben, in der Gelehrtenwelt, in den Sphären der Musik, Kunst und Literatur irgendwie sich hervorgethan haben, dann wäre es mir ein Leichtes, Sie von seiner Bedeutung zu überzeugen, allein, ich suche vergebens in Hollomay's Leben nach einer großen That, die seinem Namen zu Klang und Ehre verhelfen könnte. Nur einen einzigen Wendepunkt finde ich in seinem eintönigen Dasein: Er hatte sich nämlich der antisemitischen Bewegung angeschlossen. Der Weg, welchen er zu diesem Zwecke eingeschlagen, war der denkbar einfachste; an jenem Tage, da er sein antisemitisches Herz entdeckte, ging er hin und wurde Mitglied des Reformvereins. Damals stand noch der Abgeordnete Ritter v. Schönerer an der Spitze dieser Verbindung, es war seit ihrer Geburt noch nicht viel Zeit dahingestricheu und alle Mitglieder waren eitel Begeisterung für ihr großes Ziel, das ihnen in den flammenden Worten: „Juden hinaus!" vor Augen stand. Aber wie es nun schon einmal in unserer inateriellen Welt zu sein pflegt, die Ideale, welche dem Vereine vorschwebten, vermengten sich bald mit der prosaischen Wirklichkeit und aus der Mischung dieser Gegensätze resultirte nichts als Zank und Hader. Fast bei jeder Generalversammlung gab es eine Krise im Verein, jedes Jahr mußte eine Schaar von Anhängern dem häuslichen Zwiste geopfert werden, bald deckte der Zuwachs nicht mehr die enormen Verluste, es ging offenbar rasch abwärts mit den Reformern und zweifelsohne hätte sich in kurzer Zeit der schadenfrohen Welt das Schauspiel des gänzlichen Zerfalles dargeboten; da erscheint, gleich einem Nothschrei aus beklemmter Brust, die Broschüre, deren ich eingangs Erwähnung that. Zu Hilfe! Zu Hilfe! Jetzt weiß man endlich, wer alles Unglück verschuldet, iver, wie ein räudiges Schaf, die ganze Heerde angesteckt hat. Alle Schuld trifft den Mechaniker Ernst Schneider und auf ihn schleudert Hollomay seine ganze Broschüre voll Vorwürfen. Man erfährt daraus Manches, was bezeichnend ist für die Führer der antisemitischen Bewegung und für diese selbst. Nichts als Egoismus, eitles Slreberthum, wohl auch Gewinnsucht sind die leitenden Motive der judenfeindlichen Apostel, nirgends findet man Selbstlosigkeit, Uneigennützigkeit und wahre Aufopferung für die Sache. Die Broschüre Hollomay's ist der Leichenstein der antisemitischen Propaganda. Das Bild, welches sie uns entrollt, der Kampf einer Reihe von Strebern um die Oberherrschaft, wirkt ungemein belustigend auf jeden Unbetheiligten. Es ist eine ausgelassene Posse, in welcher Schneider die Rolle des Intriganten inne hat. Doch Sie müssen vorher erfahren, wer dieser Ernst Schneider eigentlich ist. Darüber erzählt uns die Broschüre: Schneider ist Mechaniker und war Lieferant für ärarische Anstalten und Institute. Als solcher hatte er ein gutes Einkommen, denn er beschäftigte erwiesenermaßen an 30 Arbeiter. Plötzlich, vor vier Jahren, tauchte Schneider in Hernals als Reichsraths-Candidat auf und kurze Zeit nachher finden wir ihn in der antisemitischen Bewegung. Die Thatsache, daß Schneider auf gewisse höhere Kreise einen Einfluß auszuüben schien und die von ihm geschickt eingeflochtenen Nennungen hochstehender Männer bewirkten, daß man der Person Schneider's einige Beachtung schenkte. Hierzu kam noch sein fast wüthender Antisemitismus, der sich heute freilich als das Schauspiel eines Agent provocateur entpuppt. Beweis hierfür ist ein eigenhändiger Brief Schneider's, worin er bekennt, daß er, so sehr es ihm widerstrebt, doch gezwungen ist, in Antisemitismus zu machen. Dies Alles half Schneider die Stufen seiner Leiter erklimmen. Heute allerdings ist dieser Nimbus verschwunden ... denn es ist constatirt, daß er mit sehr vielen Geistlichen in Wien und in der Provinz Verbindungen unterhält. Es ist also anzunehmen, daß Schneider ein Agent der Klerikalen schwärzester Sorte ist und daß ihm I\ Greuter und dessen Geldsack näher stehen, als all' die hohen Personen (wie Belcredi, Liechtenstein, Clam-Martinitz, Leo Thun, Kuefstein, Blome, Lienbacher re.), deren Bekanntschaft er sich rühmte und mit denen er nach seinen eigenen Aussagen Bruderschaft getrunken haben müßte. Daß die Geldbeschaffung Schneiders eine mysteriöse ist, geht schon daraus hervor, daß er sich weigerte, die eingelaufeuen Gelder der Parteileitung zur Disposition zu stellen. Schneider hat nämlich über die ihm angeblich von Gesinnungsfreunden zur Verfügung gestellten Summen, die nach den gemachten Ausgaben sehr beträchtlich sein mußten, nach eigenem Ermessen verwendet und bei jeder Action erzählt, er hätte einige hundert Gulden daraufgezahlt. Mit Rücksicht auf seinen Geschäftsrückgang (Schneider beschäftigt nur mehr vier Leute) und die erwähnten Daraufzahlungen, müßte er schon ein großes Vermögen während seiner vierjährigen Thatigkeit zugesetzt haben. Da er aber in letzter Zeit Capitalist geworden ist und von den Interessen seiner Ersparnisse lebt, so ist all' das Geplauder Schneider's, wie überhaupt Alles, was er spricht, als Lüge anzusehen. So präsentirt sich die Gestalt Schneider's in der Beleuchtung seiner liebenswürdigen Collegen. Besehen wir uns nun Schneider's Wirksamkeit im Reformverein. Seine erste That war die Verdrängung Schönerer's und seiner Anhänger. Als Mittel zum Zweck bediente er sich der Czechen, von denen er sich selbst geäußert haben soll, daß sie ihm nach den Juden am meisten verhaßt seien, und spielte sie gegen den deutsch-nationalen Führer der Bewegung aus. Dieser packte die Schaar seiner Gesinnungsgenossen zusammen, warf dem 41*

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