Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 41 (5.10.1886)
- Date
- 1886-10-05
- Page
- Seite 650 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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650 und Gönner der Anstalt hierauf aufmerksam, Mögen diese, aus völlig unparteiischem Geiste geflossenen Zeilen einen recht thatkräftigen Nachhall finden. Posen, 24. Sept. (Privatmitth.) Wenn es gegenwärtig eine besondere Aufgabe der jüdischen Presse ist, aus dem wirklichen Leben heraus die Anklagen der Antisemiten zu wiederlegen, so verdient es wohl die Wirksamkeit und die Ehrenhaftigkeit eines Mannes, der soeben aus dem Leben geschieden, an dieser Stelle hervorgehoben zu werden. Es ist der Tod des Commerzienrathes Samuel Auerbach, ein herber Verlust für unsere Gemeinde, unsere Stadt und unsere Provinz. Die hiesigen Zeitungen sind angefüllt mit Nachrufen, welche die Verdienste und den Charakter dieses Mannes würdigen und rühmen, und indem wir die von dem Vorstande und den Repräsentanten der hiesigen Gemeinde, von der Tirection des israelitischen Waisenhauses und anderen jüdischen Instituten dem Andenken Auerbachs gewidmeten Worte übergehen, wollen wir folgende als sehr bezeichnend hervorheben. Die hiesige Handelskammer sagt in ihrem Nachrufe: „Der Verstorbene war ein Mann von außergewöhnlichem Unternehmungsgeist und seltener kaufmännischer Begabung. Ihm in erster Reihe ist die Einführung einer großen Industrie in unsere Provinz zu verdanken. Er hat den Weg gewiesen, auf welchem ein beträchtlicher Theil unserer Bevölkerung jetzt den Unterhalt gewinnt; so ist die Arbeit des einzelnen Mannes für Viele ein Segen geworden. Ein Segen ist sie auch insofern gewesen, als in dem Wirken des Verblichenen das Vorbild eines rechtlichen Lebens uns entgegen-! leuchtet. Er war in seiner unerschütterlichen Ehrenhaftigkeit! eine Zierde des Kaufmannsstandes. Wie ehrenvoll aber auch immer die Art war, in welcher er äußere Güter erwarb, ehrenvoller noch war der Gebrauch, den er von dem Erworbenen machte. In unserem Collegium, welchem der Verstorbene zehn Jahre angehörte, hat er eine seinen reichen Fähigkeiten und Erfahrungen entsprechende Thätigkeit entfaltet. In dankbarem Herzen werden wir das Andenken an diese edelmüthige, liebenswürdige und bescheidene Persönlichkeit bewahren." Die Posener Zeitung schreibt: Der Commerzienrath Samuel Auerbach, über dessen Dahinscheiden wir bereits kurz Mittheilung gebracht haben, hat sich um die Entwickelung der Zucker-Industrie in unserer Provinz ganz besondere Verdienste erworben, indem er der Erste war, welcher in unserer Provinz eine Zuckerfabrik (zu Amsee) ins Leben rief, und durch das außerordentliche Prosperiren dieser Fabrik die Anregung zur Gründung zahlreicher anderer Zuckerfabriken in unserer Provinz gab. Die Verdienste, die er sich dadurch um die Provinz erworben, sind wohl hauptsächlich der Anlaß gewesen, weswegen ihm im Juli d. I. der Titel eines königlichen Commerzienrathes verliehen wurde. Auch war er Mitglied der Posener Handelskammer und des Volkswirthschaftsraths. Der Verstorbene erfreute sich vermöge seiner großen Liebenswürdigkeit und persönlichen Bescheidenheit in seinem weiten Umgangskreise einer besonderen Beliebtheit. Die Armen unserer Stadt verlieren an ihm einen stets hilfsbereiten Wohlthäter. Selbst der „Kuryer Pogn." läßt dem Verstorbenen Gerechtigkeit widerfahren, indem er schreibt: „Sein Tod hat großes Bedauern nicht allein unter seinen Glaubensgenossen hervorgerufen. Denn er zeichnete sich durch große Wohlthätigkeit aus, welche er sorgfältig im Geheimen übte, und jede Indiskretion in dieser Beziehung war ihm zuwider. Wir wissen z. B., daß er begabte und unvermögende junge Leute, welche das Gymnasium und die Universität besuchen, ohne Unterschied der Nationalität reichlich unterstützte. Ehre seinem Andenken!" Metz, 20. Sept. In Vertretung des Kaisers ist der deutsche Kronprinz hier eingetroffen. Unter den Empfangsfeierlichkeiten haben wir die Vorstellung der Spitzen der kirchlichen, der Regierungs- und städtischen Behörden im Hofe des Bezirkspräsidiums hervorzuheben. Unter den ersteren befand sich auch der Oberrabbiner Weil. Der Kronprinz sprach mit dem Bischof Fleck, dem Presbyterium der evangelischen Gemeinde und mit dem Oberrabbiner. Diesem äußerte er den Wunsch, auch die Synagoge zu besuchen. Auf dem offiziellen Programm war nämlich nur der Besuch der Kathedrale und der Garnisonskirche vorgesehen. Daß diese Aeußerung des hohen Herrn eine große Freude in der Gemeinde hervorbrachte, ist selbstverständlich. In der That hat der Kronprinz nach der Kathedrale die Synagoge besucht, wo ihn der Oberrabbiner und der Gemeindevorstand in feierlicher Weise empfingen. Er hat damit thatsächlich bewiesen, daß er keiner Confession einen Vorzug einräumt.1) Oesterreich-Ungarn. Wien, 20. Sept. Es ist nicht zu verkennen, daß augenblicklich der Antisemitismus seinen Hauptschauplatz von Berlin nach Wien verlegt hat. Wie es hier mit demselben steht, schildert eine Correspondenz des „Pester Lloyd" folgendermaßen: „Es ist mir heute eine Broschüre zu Gesicht gekommen, deren Lectüre mich ganz außerordentlich unterhalten hat. Wenn ich Ihnen den Namen Hollomay nenne und hinzufüge, daß diesem Manne als Verfasser des amüsanten Heftchens das Verdienst zusällt, meine Heiterkeit erweckt zu haben, 0 Bemerken wollen wir, daß nicht blos antisemitische, sondern auch sogenannte nationalliberale Blätter die Unterhaltung des Kronprinzen mit dem Oberrabbiner und seinen Besuch in der Synagoge aus ihren Berichten gestrichen haben.