Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-10-05 · Heft 41 (5.10.1886) · p. Seite 649

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 41 (5.10.1886)
Date
1886-10-05
Page
Seite 649 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227609-3227651--43876-3264262
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

649 tagswahlbezirk wirbelt schon jetzt Staub auf. Die Parteien rüsten sich zu einem heftigen Kampfe. Die Deutschfreisinnigen wollen Klotz (nach Anderen Windhorst-Bielefeld) aufstellen, den früheren Abgeordneten, der bei der letzten Wahl gegen einen Socialdemokraten durchgefatteu war. Die Conservativen, die allein in diesem Wahlbezirke Berlins Aussicht haben, erklären, daß sie dieses Mal, nach den bitteren Erfahrungen, die sie mit Liebermann von Sonneuberg und Prof. Wagner gemacht, keinen antisemitischen Agitator als Candidaten aufstellen wollen, sondern einen „anständigen Mann" — eine Bezeichnung, welche die geringe Achtung bezeugt, in der die antisemitischen Wühler selbst bei den Conservativen stehen. Sie haben hierzu den früheren Reichstagspräsidenten v. Levetzow, der ebenfalls bei der letzten Wahl Masco gemacht, aufgestellt. Dieser Mann ist zwar kein antisemitischer Agitator, aber seine judenfeindliche Gesinnung hat er in einer öffentlichen Versammlung unzweideutig ausgesprochen. Mit diesem Candidaten sind nun wieder die Nationalliberalen nicht zufrieden, und in ihrer Vertretung erklärt dies die Nationalzeitung und verlangt, daß die Conservativen einem nationalliberalen Candidaten ihre Stimmen geben sollen. In Anbetracht, daß die Nationalliberalen in Berlin überhaupt und auch im ersten Wahlbezirk einen verschwindenden Bruchtheil der Wähler ausmachen, erscheint dies als eine Anmaßung, welcher die Conservativen keinen Raum gewähren werden. Schließlich werden sich jene, wie sie es zu thun pflegen, doch entschließen, dem streng orthodoxen und hochconservativen v. Levetzow, einem Deutschfreisinnigen gegenüber, ihre Stimmen zuzuwenden. Das Organ Stöckers, der „Reichsbote", und das conservative „Deutsche Tageblatt" haben sich mit dem genannten Herrn einverstanden erklärt. Da unstreitig die Persönlichkeit Löwe's von nicht geringem Einfluß auf die Wahl war, so sind die Aussichten der Deutschfreisinnigen zweifelhaft. Berlin, 23. Sept. (Privatmitth.) Gegenüber den in reactionären und nationalliberalen Blättern jüngst geschehenen Angriffen auf Virchow und Träger, welche bei dem Begräbnisse Ludwig Löwe's so erhebende Worte gesprochen, wollen wir bemerken, daß in den letzten Tagen mehrere Gedächtnißfeier für Ludwig Löwe abgehalten worden, welche eine außergewöhnliche Theilnahme fanden und in denen der Charakter und die Wirksamkeit des Verstorbenen nicht minder mit den höchsten Lobeserhebungen geschildert wurden. So im Verein „Waldeck," von Bürgern „Alt-Berlins", welche durch ein freigebildetes Comite eingeladen waren. Ob nun die Gegnerin diesen Kundgebungen höchster Anerkennung und Achtung auch einen Beweis von Unchristlichkeit finden? 'Münster, i. W. 13. Sept. (Privatmitth.) Das Cnratorium der Marks-Haindorflschen Stiftung hat einen zweijährigen Bericht, den 32. der Anstalt, ausgegeben. Die Leistungen dieses Lehrerseminars müssen anerkannt werden, da die sieben Schüler desselben, welche sich in diesem Jahre zur Prüfung stellten, sämmtlich das Zeuguiß der Reife erhielten — was bei anderen, zur Vergleichung nahen Seminaren in dem Maße nicht der Fall ist. Hiermit ist gerade die Zahl von 300 durch die Anstalt ausgebildeten Lehrern voll geworden. Welch' ein Segen dies Resultat für die Provinzen Westfalen und Rheinpreußen war, aber auch für andere Provinzen, da häufig hier ausgebildete Lehrer im Verlaufe ihrer Wirksamkeit auswärts angestelli werden, brauchen wir nicht hervorzuheben. Und doch mußte die Anstalt, da sie aus freiwilligen Beiträgen erhalten wurde und erst seit einigen Jahren eine namhafte Staatsunterstützung erhält, mit großen Schwierigkeiten bei Mangel genügender Mittel kämpfen! Besonders fühlbar war stets, daß die Anstalt kein eigenes Gebäude besaß, wodurch sie in die engsten Räumlichkeiten gebannt und gezwungen war, die Zahl ihrer Zöglinge sehr zu beschränken. Diesem Uebel ist nunmehr durch die Vollendung eines stattlichen Seminargebäudes abgeholfen, und die Zahl der aufzunehmenden Schüler kann jetzt bis zu 30 erhöht werden. Gegenwärtig wird das Seminar von 11 Seminaristen besucht, wozu 24 Schüler der Religiousktassen und 49 der Elementarklasseu kommen. Wenn wir oben sagten, daß das neue Gebäude für 30 Seminaristen Platz biete, so ist es um so betrübender, daß die der Anstalt zu Gebote stehenden Mittel für eine solche Zahl bei weitem nicht ausreichen und deshalb z. B. in diesem Jahre 6 Aufnahmegesuche abgewiesen werden mußten. Denn man erwäge, daß die bei weitem größere Zahl der Zöglinge gar keinen Zuschuß zahlt, und die wenigen, die einen solchen entrichten, sind auch meist vou so unbemittelten Familien, daß der Beköstignugszuschuß, den sie zu entrichten vermögen, nur ein ganz winziger im Vergleich zu unseren baren Ausgaben ist. Um so nachdrücklicher muß das Gesuch an alle diejenigen gerichtet werden, welche ein Herz für Volksbildung und den Bestand unserer Religion und ihres Cultus haben — denn die meisten unserer Lehrer sind ja zugleich Cultusbeamte — unsere Jahresbeiträge, theils durch Schenkungen und Legate, oder durch Zahlung von 300 M., wodurch sie den Anspruch auf Abhaltung der Jahreszeit erhalten. Aber auch noch nach einer anderen Seite hat die Anstalt Hilfsleistung zu erbitten. Bon dem Bandes neuen Seminargebäudes sind 25,000 Mark an Schuld zurückgeblieben, welche zu ß°/0 verzinst und niuortifirt werden müssen, so daß 32 Jahre hindurch jährlich 1500 M. gezahlt werden müssen. Dies ist eine höchst drückende Last, deren Verminderung durch Abzahluugen der Schuld höchst wünscheuswerth ist. Es haben sich dieser Angelegenheit edle Männer in Berlin und Köln mit Erfolg angenommen und die Gemeinde Münster zahlt außer ihrem bisherigen Beitrage für obige Zwecke 300 M. jährlich. Alles dies reicht aber noch lange nicht aus und wir machen deshalb ganz besonders die Freunde 41

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.