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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-10-05 · Heft 41 (5.10.1886) · p. Seite 648

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 41 (5.10.1886)
Date
1886-10-05
Page
Seite 648 (sequence 8)
Language
German
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648 fcijc einfach und hat weder mit dem Christenthume noch mit dem Judenthume etwas zu schaffen. Daß die Trauerfeier für einen hervorragenden Juden im jüdischen Tempel vorsichging, gerade wie es bei Laster ebenso der Fall war, ist selbstverständlich. Daß ferner, da der Verstorbene ein bedeutsames Mitglied der freisinnigen Partei war, an seinem Grabe diejenigen unter den Freisinnigen, welche zugleich intime Freunde des Heimgegangenen waren, das Wort nahmen, war ebenso natürlich, und daß sie, weil er ein Jude, dem Antisemitismus gegenüber seiner Wirksamkeit, Begabung und Charakterfestigkeit Lob spendeten und sich dabei über die Juden wohlwollend äußerten, kann wahrlich nicht auffallen. Aber dies Alles ist den heimlichen und offenen Antisemiten ein Dorn im Auge, und da sie im vorliegenden Falle ein nationales oder Racenmoment nicht finden konnten, griffen sie zum religiösen und rühren die Trommel über jdiese angebliche „Verleugnung des Christenthums." Kein Unbefangener wird hierin auch nur eine Spur von einer solchen Verleugnung vorfinden. — Diesen Blättern folgte die „Nordd. Allg. Ztg." In der Weise wie jene durfte sie sich nicht auslassen, um sich nicht solche Blößen zu geben, wie sie die kleineren Blätter nicht scheuen. Sie macht ihrem Aerger auf die Weise Luft, daß sie die Rede Virchow's für eine „feine Satire" erklärt. Sie sagt: „Daß Herr Virchow ein größerer Gelehrter als Politiker sei, steht schon längst zu fest, um es noch beweisen zu müssen, und man kennt auch die etwas dilettantische Art, in der Herr Virchow Politik zu machen pflegt, zur Genüge. Diese überströmende Art aber, in der Herr Virchow die Verdienste des tobten Löwe an dessen Grabe proclamirt hat, geht doch noch weit über die bisherigen Leistungen des gedachten Herrn hinaus und zwar so weit, daß man kaum anders kann, als glauben, Herr Virchow habe eine feine Satire beabsichtigt. Ob aber die Kreise, auf welche Herr Löwe „großen Einfluß" ausübte, für derartige satirische Feinheiten Verständniß haben mögen?" Recht verständlich ist dies nicht. Es hieße doch, daß Virchow mit seinem Lobe eigentlich einen Tadel habe aussprcchen wollen, und diesen in ein „überschwängliches Lob" gekleidet habe. Dies ist geradezu lächerlich, und macht dem Witze der „N. A. Z." keine Ehre. Schließlich will sie doch weiter nichts, als der Rede Virchows die Spitze abbrechen und sie als bedeutungslos hinstellen. Deshalb der plumpe Angriff auf Virchow als „Politiker", der er doch in einer Trauerrede am Grabe eines Freundes gewiß nicht sein wollte. Nun, alle diese kleinlichen Aeußerungen des geheimen Aergers werden schnell vergessen sein. Können sie doch Löwe selbst nicht das geringste Neble nachsagen, was sie gewiß recht gern gethan hätten. Was könnten sie wohl nun gegen die offizielle Gedächtnißrede des Vorsitzenden der Stadtverordnetenversammlung Vorbringen? Sie schweigen darüber, und das ist wohl das Beste, was sie thun konnten. Berlin, 21. Sept. (Privatmitth.) In einer früheren Nummer war gelegentlich eines Berichtes über die Kolonien in Palästina der Verein „Esra" in Berlin erwähnt und sein überaus wohlthätiger Zweck gerühmt worden. Es ist auch in der That eine größere Wohlthätigkeit, durch zur rechten Zeit einmal verwendete Summen arme, aber arbeitsfähige Leute in den Stand zu setzen, sich zu ernähren, als sie durch fortgesetzte kleine Gaben an die Bettelei zu gewöhnen. Aber freilich gehören dann zu dieser durchgreifenden Wohlthätigkeit auch auf einmal größere Summen, und während jeder unserer jüdischen Mitbürger nach seinen Kräften bemüht ist, das Elend in seiner Nähe zu lindern, entschließen sich nur Wenige für ein so weit aussehendes Ziel, wie die Ansiedelung auswandernder Juden in Palästina, mit Geldbeiträgen und fördernder Thätigkeit einzutreten. Und doch sind sie voraussichtlich bald genöthigt, für unsere russischen und rumänischen Brüder ein Land zu suchen, das ihnen zu leben gestattet und sie nicht derart bedrückt, wie deren jetzige Wohnländer. Aber in Amerika und in Europa ist die Ueberfüllung mit handeltreibenden Juden unverkennbar und deshalb hat man in den letzten Jahren immer und immer wieder auf Unterweisung der Jugend im Ackerbau, auf Ansiedlung der Juden als Bauern gedrungen. Daß Palästina das dazu geeignetste Land, ist an dieser Stelle schon früher festgestellt worden und darum Hot sich auch der Verein „Esra" die Aufgabe gestellt, die vorhandenen Kolonien in Palästina zu fördern und für neue Ansiedlungen die Mittel zu schaffen. Trotz der Gleichgiltigkeit, der er fast überall begegnet, hat er doch vermittelst einer geschickten Agitation die Zahl seiner Mitglieder in diesem Jahre auf mehr als Tausend gesteigert und namhafte Summen für die Colonie Jessud Hamaaloh abgesandt. Der Verein hat an seiner Spitze ein Central-Comitö in Berlin, dem angesehene Männer, wie die Herren Driesner, Kalmus und Andere angehören, ebenfalls in Berlin Spandauerstr. 63 ein Bureau, von wo Fragen beantwortet, Statuten versandt werden und überhaupt die Agitation in Bewegung gesetzt wird, und in fast allen Städten Vertreter, die bemüht sind, für den Verein zu werben. Wo sich lebhaftere Theilnahme findet, werden Local-Comitss organisirt, die dann die Propaganda des Vereins betreiben. Der geringe Beitrag von jährlich 1 Mark als minimum ermöglicht jedem den Beitritt und es wäre in der That zu wünschen, daß alle wohlmeinenden Juden, denen es eine Ehrensache ist, zugleich ihre armen Brüder zu unterstützen und das Land ihrer Väter den jüdischen Kolonisten erwerben zu helfen, dem Verein beitreten, damit nicht mehr die christliche Mission so viele unserer arbeitslosen Brüder in Jerusalem fange und unsere Anstrengung verwirklicht werde, den nothleidenden Brüdern ein Asyl zu schaffen, wo sie, ohne bedrückt zu werden, leben können. — Die Ersatzwahl für Löwe im ersten Berliner Reichs-

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