Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 41 (5.10.1886)
- Date
- 1886-10-05
- Page
- Seite 647 (sequence 7)
- Language
- German
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647 Wenn man die Acten unserer Versammlung aus jener Zeit durchstudirt, so findet man fast auf jedem Blatte unseres verewigten Freundes Wirksamkeit verzeichnet, welche sich insbesondere auf die hervorragendsten Zweige unserer Verwaltung erstreckte. In erster Linie war cs die Schule, welche sein Interesse in hohem Maße in Anspruch nahm; getreu dem Grundsätze, daß die gesammte Bürgerschaft ein gleiches Recht auf eine möglichst vollkommene Erziehung ihrer Kinder habe, förderte er im Schulwesen alle Schritte, welche auf die Verallgemeinerung der Bildung hinzielten. In richtiger Consequenz dieser seiner Anschauung war er der eifrigste Fürsprecher für Aufhebung des Schulgeldes. Hörten doch hiermit zugleich die Armenschulen auf, deren Vorhandensein bis dahin der Jugend den Classenunterschied gleichsam mit Gewalt aufgedrängt hatte. Als dies erlangt worden, wandte er seine Thätigkeit der Erreichung eines anderen, ebenso idealen Zieles auf dem Gebiete der Schule und der Erziehung zu. Seine Religion war die Religion der Alles umfassenden Liebe und sein Streben, diese Lehren zu verbreiten und sie insbesondere in die Herzen der Kinder zu pflanzen, und daher sein Drängen auf Errichtung konfessionsloser Schulen. „Wenn erst die Kinder der verschiedensten Bekenntnisse", so sagte er in den betreffenden Verhandlungen, „denselben religiösen Unterricht genießen, wenn ihnen die den verschiedenen Confessionen gemeinsamen ethischen Seiten der Religion gelehrt, die konfessionellen Unterschiede aber erst später dem reiferen Menschen vorgeführt werden, dann wird ein einträchtiges Zusammenleben in allen Schichten unserer Bevölkerung Platz greifen und kein Fanatiker mehr den Muth haben, religiösen Haß und Zwietracht zu predigen, da es ihm an Gefolgschaft, an Anhängern fehlen dürfte! Eine gleiche Fürsorge widmete er der Armen- und Waisenverwaltung, dem Finanz- und Steuerwesen; während seiner fast 21jährigen Wirksamkeit war er der Reihe nach in fast allen Zweigen der städtischen Verwaltung ein thätiges, jeden Fortschritt förderndes Mitglied, und da, wo er selbst sich an der Verwaltung nicht direkt betheiligen konnte, förderte er deren gemeinnützige Bestrebungen durch seinen überall wirksamen Einfluß. Die Lücke ist groß, unermeßlich groß, die ein herbes Geschick durch das Hinscheiden unseres Freundes Ludwig Loewe in unseren Reihen gerissen hat; man möchte fast verzagen, wenn man daran denkt, daß uns in Zukunft sein bewährter, immer bereitwillig gespendeter Rath, seine praktischen Erfahrungen, seine versöhnende Gesinnung fehlen soll! Für seine rastlose Thätigkeit ihm Lob zu spenden, würde mir, seinem Freunde, nicht anstehen; es würde auch dem schlichten, einfachen Sinn des Verblichenen nicht entsprechen, wenn ich seine unzähligen Verdienste, die er um unsere Stadt und deren Bürgerschaft sich erworben, verherrlichen wollte; ihm genügte die treue Pflichterfüllung. Aber danken wollen wir ihm für Alles, was er Gutes für unsere Stadt miterstrebt, miterarbeitet hat, danken ihm für alle Opfer, die er gebracht, für das kollegialische Entgegenkommen, das er keinem Mitglieds der Versammlurg versagte. Namens der Bürgerschaft spreche ich diesen Dank dem Verklärten hiermit aus! Nicht allein wir, seine Zeitgenossen, nein, die fernsten Geschlechter werden das Andenken Ludwig Loewes hoch halten, seine großen Verdienste anerkennen. Ehre seinem Andenken!" Der Bruder des verstorbenen Ludwig Loewe hat an die Versammlung ein Dankschreiben für die großartige Betheiligung bei dem Begräbniß gerichtet. Der Verstorbene war in der 3. Abtheilung des II. Wahlkreises gewählt; sein Mandat läuft noch bis zum Jahre 1889 und es wird für die Ersatzwahl das Erforderliche veranlaßt werden. Man konnte voraussetzen, daß die einem Juden und Freisinnigen dargebrachten Huldigungen den gegnerischen Parteien sehr mißfällig wären und diese nicht zögern würden, ihren Unwillen durch ihre Organe zu äußern. Hatten selbst die gegnerischen Blätter bei dem Tode Lowe's Worte der Anerkennung für seine Ehrenhaftigkeit und Wirksamkeit, natürlich in sehr mäßigem Umfange, gehabt, so waren ihnen doch die Manifestationen an seinem Grabe zu viel. Zuerst kamen die kleineren gouvernementalen Blätter. Wir haben z. B. die „Bonner Zeitung" vom 18. Sept. vor uns, die mit einem Leitartikel „Fortschritt und Judenthum" anhebt. Daß der Tendenz dieses Blattes gemäß die Reden Virchow's, Trägers' und Hermes' auf dem jüdischen Friedhofe einen neuen und vollständigen Beweis für die Identität des „Fortschrittes und Jndenthums" liefern, und überhaupt die Spitze jenes Leitartikels gegen den „ Fortschritt" gerichtet ist, kann uns nicht auffallen. Um aber diese beiden identischen Gegner bei dem deutschen Volke in Mißkredit zu bringen, schlägt der Art. einen anderen Weg ein. Hervorzuheben ist, daß der Art. um des größeren Effectes willen die Reden jener drei Männer, Freunde des Verstorbenen, in „den jüdischen Tempel" verlegt, während sie doch in der Halle des jüdischen Friedhofes gehalten worden. Daraus zieht er nun die Folgerung, daß der ganze Act eine „Verherrlichung des Judenthums" gewesen, daß hiermit das Christenthum „verleugnet" worden, und daß so die von David Strauß in seiner bekannten Schrift vor zehn Jahren aufgeworfene Frage: „Sind wir noch Christen?" noch heute nicht beantwortet werden könne — trotz der Aeußerungen des Kaisers, welche das Christenthum als Fundament der deutschen Nation manifestirt haben. Auf diese Weise will man die Anhänglichkeit des deutschen Volkes zur Hülfe rufen, um Freisinn und Judenthum verhaßt zu machen. Diese Art des Kampfes halten wir nicht für sehr religiös-sittlich. Die Sache lag doch