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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-10-05 · Heft 41 (5.10.1886) · p. Seite 644

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 41 (5.10.1886)
Date
1886-10-05
Page
Seite 644 (sequence 4)
Language
German
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644 Weisheit einen Vorzug zu, wie der Vorzug des Lichtes vor der Finsterniß; der Weise hat seine Augen in seinem Kopfe, während der Thor in der Finsterniß wandelt. Es handelt sich bei ihm also nicht um die Erkenntniß des Uebersinnliche»; die Weisheit besteht ihm vielmehr in dem klaren Bewußtsein, mit welchem der Weise alle Vorgänge des wirklichen Lebens anschaut, nach Ursache und Wirkung frägt und, so viel es an ihm ist, die Dinge und Vorgänge leitet, sich Regeln ableitet und danach handelt, während der Thor nur von Tag zu Tag lebt, seinen Einfällen nachgiebt und den Zufälligkeiten sich blind ergiebt. Aber auch diese Weisheit erkennt er als nichtig an, weil es dem Weisen wie dem Thoren ergehe, jener ebenso wenig wie dieser dem Geschick entgeht, wie dieser stirbt und der Vergessenheit anheimfällt. Es leuchtet ihm deshalb nicht ein, wozu der Eine weiser ist als der Andere? denn auch hier erscheint ihm die Erfolglosigkeit, wie alles Schaffens und Mühens, so auch der Weisheit darin, daß wir Alles, so auch die Weisheit, uns unbekannten Erben hinterlasseu müssen, von welchen wir nicht wissen, welchen Gebrauch sie davon machen, ob sie es erhalten oder zerstören. Erwägt man nun, fährt er fort, daß mit allem Mühen und Schaffen für den Menschen, auch den weisen, Sorgen und Schmerzen, Unruhe am Tage und in der Nacht verbunden sind, so leuchte die Nichtigkeit alles Irdischen ein. — Hier muß es uns auffallen, daß dem Vers, unseres Buches das höhere Denken und Erkennen und die Freude an diesem entgeht; aber noch mehr, daß von wohlthätigen Werken, von dem Stutzen, den wir Anderen schaffen, bei ihm keine Rede ist, also auch die Befriedigung, welche die Pflichterfüllung überhaupt und die der Wohlthätigkeit insbesondere bereitet, gar nicht in Betracht gezogen wird, und endlich das Familienleben und das Glück, welches das Menschcnherz in diesem findet, für ihn nicht existirt. Weiß er doch nicht einmal, mit welcher Freude der Familienvater für das Wachsthum seines Besitzes arbeitet, in dem Gedanken, für seine Kinder zu sammeln, für diese zu sorgen und zu erringen. Er bleibt dabei stehen, daß der Erblasser nicht wisse, was aus den von ihm erworbenen Gütern werde, ob der Erbe einen richtigen oder unrichtigen Gebrauch davon mache, und dies ist ihm ein hauptsächlicher Grund, die Bemühungen des Menschen für nichtig anzusehen. Woher diese Mangelhaftigkeit in der Anschauung des menschlichen Lebens gekommen, haben wir aus den geschichtlichen Zeitverhältnissen in unserem ersten Artikel erklärt. Einsichtlich ist es deshalb, daß der Vers, sich der völligen Verzagtheit, ja der Verzweiflung über diese Nichtigkeit alles menschlichen Thuns hingiebt und bewußt wird (2, 20.). — Was bleibt nun dem Menschen übrig? Bis hierher ist der Vers, auf dem Wege des Skepticismus rüstig vorangegangen, jetzt ist er an dem Scheidewege angelangt. Hat ihn sein Skepticismus bis zum Unglauben getrieben, oder hält er hier an und greift nach der einzigen Stütze, die ihm geblieben, nach dem Gottglauben? Fest und sicher steht er an dieser Stelle im israelitischen Glauben. Er sagt (2, 24): „Nicht in des Menschen Befähigung liegt es, daß er esse und trinke und seine Seele Gutes genießen lasse für all seine Mühe, auch dies habe ich gesehen, daß es aus der Hand Gottes kommt: denn wer ißt und genießt außer von Ihm? Denn dem Menschen, welcher vor Ihm gut ist, giebt Er Weisheit und Wissen und Freude, und dem Sünder giebt Er das Geschäft zu sammeln und zusammenzuscharren, um es dem, der gut vor Gott, zu geben." In diesen Worten giebt K. das zweite Moment seiner Grundanschauung: gegenüber der Nichtigkeit alls Irdischen Gott, die Vorsehung und das göttliche Gericht. Nicht der Mensch ist an sich Herr seines Geschickes, sondern Alles, was ihm begegnet, was ihm zu Theil wird, ist Gabe Gottes, ist das Werk der göttlichen Vorsehung; aber diese vertheilt die Gaben nach dem göttlichen Gericht, d. h. dem Guten, der das Gott Wohlgefällige thut, ertheilt sie das Gute und die Freude an demselben, dem Sünder wird es genommen und dem Guten zuertheilt. Diese Anschauung ist es, welche über die Verzagtheit, ja die Verzweiflung des Zweiflers oder vielmehr des die Nichtigkeit des Irdischen Erkennenden hinweghebt; sie ist es, in welcher sich die Räthsel des menschlichen Lebens lösen, und die ihm eine Richtschnur für sei» Thun und Lassen giebt. Dies ist demnach auch das Fundament für die Sittlichkeit, für die Moral, die sich dem Vers, aus allen seinen Beobachtungen ergiebt. Von hier aus haben wir die Ethik Koheleths zu verfolgen. Was auch in der weiteren Betrachtung der Vers, vorbringt, aus diesen beiden Elementen seiner Anschauung, der Nichtigkeit des Irdischen und dem Glauben an Gott, Vorsehung und Gericht baut es sich auf. — Der weiteren Ausführung und Begründung dieses Satzes ist zunächst das dritte Capitel gewidmet. Alles, meint der Vers., hat nur einen relativen Werth, ist nämlich unter gewissen Umständen gut oder schlecht, nützlich oder schädlich, „jegliches Ding hat eine rechte Zeit unter dem Himmel." Die schroffsten Gegensätze können ihre rechte Zeit haben, wo sie gut und angemessen sind, sowie umgekehrt. Gott hat nun in seiner Weisheit Alles zur rechten Zeit gethan und läßt es zur rechten Zeit eintreten; gerade in dem ewigen Kreislauf, in welchem Gott Natur und Menschheit sich abspielen läßt, läßt er Alles zur rechten Zeit geschehen, wodurch die ewige Dauer gesichert ist. Der Mensch hingegen kann Alles nur vom einzelnen Standpunkt aus betrachten, erwägen und thun, muß jedoch seinem Wesen nach die Dauerhaftigkeit seines Werkes voraussetzen, weil er es sonst unterlassen würde. Gerade deshalb aber muß er über die rechte Zeit seines Thuns vielen Jrrthümern unterworfen sein. Deshalb ist das einzig richtige für ihn: „am Schaffen selbst sich zu freuen

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