Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 41 (5.10.1886)
- Date
- 1886-10-05
- Page
- Seite 643 (sequence 3)
- Language
- German
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643 Volk aus seinen Sitzen über die ganze Erde geschleudert, sein Heiligthum und Mittelpunkt zertrümmert war, konnte auch das Versöhnungsfest jenen Charakterzug einer ausgleichenden Vermittelung zwischen der Gesammtheit und dem Individuum nicht mehr behalten. Die Gesammtheit war nicht mehr da, das Fest konnte nur noch für die Individuen wirksam sein. Dies erkannten die Lehrer des traditionellen Gesetzes sehr wohl und erhöheten deshalb die Bedeutung des Festes für alle Bekenner des Judenthums als Individuen in ihrer religiös sittlichen Verschiedenheit. Aber im tiefen Bewußtsein oder Gefühl jenes Kernpunktes der Religion Israels blieben sie nicht bei der einseitigen Beziehung auf das Individuum als solches stehen, sondern nahmen sein Verhalten zu anderen Individuen in besondere Erwägung. Von aller Mystik frei, ideell und realistisch zugleich, ergingen sie sich nicht in einer durch Glauben und Ceremonie bewirkten Erlösung der Seele von der Sünde, sondern sie machten für die Vergebung der Sünden die Bedingung, daß sich der Israelit zuvor mit Allen versöhnt habe, gegen welche er gehässig gesprochen oder gehandelt, die er beleidigt oder geschädigt habe. Sie sprachen nicht allein aus, daß, wer da sündigt in der Meinung, der Versöhnungstag versöhne doch, den versöhnt er nicht — sondern auch, daß Gott die Sünden, die gegen Nebenmenschen begangen werden, nicht vergebe, bevor nicht dem Geschädigten Ersatz gegeben, der Beleidigte um Vergebung gebeten sei. Sie setzten zu diesem Zwecke „die zehn Tage der Buße," Jom Kippur eingeschlossen, ein, und stellten die Art und Weise fest, in welcher die Versöhnung des Nebenmenschen nachgesucht werde, so daß bei etwaiger Unversöhnlichkeit die Verantwortlichkeit auf den Gegner falle. So wurde das Dogma von der Versöhnung Gottes und der Sündenvergebung in das Praktische umgesetzt und mit einer wahrhaft versittlichenden Kraft ausgerüstet. Die hier gezeichnete Anschauung drang auch tief in die Volksseele ein und lebt noch darin, wenn auch die moderne Cultur viel davon abgeschwächt und weggeschwemmt hat. Wenn auch die geschichtlichen Verhältnisse dem Judenthume jene Verbindung und Ausgleichung zwischen dem Gemeinwesen und Einzelwesen unmöglich gemacht haben, da ein jüdisches Gemeinwesen nicht mehr existirt: so war ihm doch dieser Charakter so tief eingesenkt, daß es ihn zu bewahren, so weit es ihm möglich geblieben, stets gestrebt hat. Gerade darum ist es ebenso gegensätzlich gegen den krassen Individualismus wie gegen den modernen Socialismus und Communismus, und weit irrt derjenige seiner Söhne von ihm ab, der sich einem jener beiden Extreme ergiebt. Bethätigt ward dies auch durch jenen talmudischen Grundsatz, daß das Gesetz des Staates, dem der Jude angehört, auch für ihn Gesetz sei; durch die ebenso mischnische wie prophetische Aufforderung, für das Wohl des Staates, in welchem der Jude ansässig ist, nach Kräften zu wirken und aufrichtig zu beten. Wohl, so möge diese Anschauung in den Herzen aller wahrhaften Juden stets lebendig bleiben, und wo sie verblaßt ist, wieder zu hellem Lichte gelangen, und so den religiös sittlichen Pfad beleuchten. Es ist ein Pfad des Heils, ein Pfad, der uns zum Frieden führt mit dem Vater in der Höhe, dem Gotte der Barmherzigkeit und Vergebung, mit unseren Nebenmenschen, mit uns selbst! Die Moral Koheleth's. ii. Im ersten Kapitel sprach also der Vers, seine Grundanschauung, die Nichtigkeit alles Irdischen, ganz allgemein aus, und begründete sie damit, daß sowohl in der Natur wie im menschlichen Leben sich Alles im Kreisläufe bewege, wiederkehre, was geschehen, und des Früheren nicht gedacht werde. Uebcr die Vergangenheit, meint er, legen sich die Schatten der Vergessenheit, in der Zukunft wiederhole sich, was schon gewesen und geschehen. In der Erfolglosigkeit alles Vorübergehenden beruhe die Nichtigkeit alles Irdischen. Koheleth leugnet also jedwede allgemeine Entwickelung, jedwede geschichtliche Entwickelung; er leugnet die Eingliederung des Individuums in die Gesammtheit und dessen Wirksamkeit für diese. Von der israelitischen Ueberzeugung, wie sie von Moses und den Propheten aufgestellt und begründet worden, von dem Lebensinhalt und dem Berufe Israels, in welchem jeder einzelne Israelit mitzuleben hat, findet sich bei Koheleth keine Spur. Im zweiten Kapitel nun beginnt er seine Anschauung am Besonderen zu prüfen, am Schaffen und Thun des Individuums, und zieht schließlich seine Folgerung daraus. Zuerst richtet er seinen Blick auf den Werth des Genusses, und zwar des sinnlichen. Er gestattet sich alle leiblichen Freuden durch Wein, Gesang und Weiber. Aber sie befriedigen ihn nicht, sic lassen sein Herz leer, sie schaffen und erreichen nichts, sie erscheinen ihm bald als „thöricht": sie sind nichtig. Vom Genuß wendet sich Koheleth zum Schaffen menschlicher Werke und zum Sammeln von Reichthümern. Man bemerke aber wohl, es handelt sich hier nur um das Schaffen äußerlicher Werke, um Prachtbauten, um Haine, Obstgärten, Teiche u. dgl. Allerdings bereitete ihm dieses Schaffen Freude, aber nachdem diese Werke vollendet waren, schwand die Befriedigung, und er erkannte auch hierin nur Erfolgloses: sie erschienen ihm als nichtig. Nachdem er so die Welt des Sinnlichen geprüft, richtet er seine Aufmerksamkeit auf das intellectuelle Leben des Menschen, auf die Weisheit und ihren Gegensatz, die Thorheit. Er erkennt der 41*