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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-09-28 · Heft 40 (28.9.1886) · p. Seite 637

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 40 (28.9.1886)
Date
1886-09-28
Page
Seite 637 (sequence 13)
Language
German
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637 Entbehrungen auf sich zu nehmen und ihm den Lohn zu lassen; er fühlte, daß hier durch Beispiel gewirkt werden müsse, daß er selbst nur ein gleichberechtigter und gleichverpflichteter Arbeiter an der Spitze seiner Arbeiter sei. Wer Löwe im öffentlichen Leben sah und ihm Bewunderung und Anerkennung zollte, hat doch nicht den ganzen Mann gesehen, sondern nur den halben kennen gelernt und keinen Begriff erhalten von den unendlich liebenswürdigen Eigenschaften, die ihn zierten. Bei ihm war es eine logische Nothwendigkeit, daß er wohlthätig war wie kein anderer, und damit keine Hand sehen sollte, was die andere gab, gab er gleich mit beiden, und mit einer immer mehr als mit der andern. Aber er gab nicht das kühle Almosen, das der Reiche dem Armen zur Abwehr darreicht; er richtete den Armen wieder auf zu eigener Selbstachtung, und wo seine eigenen Mittel nicht zureichten, wußte er den Wohlthätigkeitssinn in anderen derart zu erwecken, daß sie es für eine Ehre betrachteten, so daß nicht den Beschenkten, sondern denjenigen eine Wohlthat erwiesen wurde, die an dem Geschenk sich betheiligten. — Und erst als Freund! Wer ihn zum Freunde gehabt hat, der hat kennen gelernt, welches unermeßliche Glück in diesem Worte liegt. Bei seiner rührenden Anhänglichkeit, fast frauenhaften Zärtlichkeit, hat er mit den Freunden geweint und mit den Freunden gelacht. — Und wie liebenswürdig war er in seinem Hause! Er war von kindlich reiner Seele, von einfachem Herzen, und wenn er draußen die großen und heiligen Interessen der Menschheit verfocht, so vergaß er doch niemals, sein Haus zu einem gesegneten Tempel der Freundschaft und echter Menschlichkeit zu machen, in dem er selbst als berufener Priester weilte und von welchem ein Hauch der Versöhnlichkeit und der Hochachtung auch vor dem Gegner ausging. Der traurigste Schatten, der auf sein Leben geworfen wurde, war, daß er jene Bewegung, die ewig unserer Nation und unserer Zeit zur Schmach und Schande gereichen wird, entstehen, und ihre ganze Gehässigkeit gegen sich selbst gerichtet sah. Und wenn alle giftigen Pfeile an der blanken Rüstung seines ehrenhaften Wesens abprallen mußten, so hat ihn das doch geschmerzt und in diesem Kampfe hat er Töne des Zornes und des Ingrimms gefunden, die seine Feinde erschreckten, seine Freunde aber mit tiefer Wehmuth erfüllten, weil er in seinem innersten Herzen getroffen war. Im Kampfe für Recht, Freiheit und Wahrheit, für die höchsten Güter der Menschheit ist er uns vorangegangen. Sein Verlust ist uns unersetzlich, aber wir wollen uns bestreben, ihm nachzueifern und in seinem Sinne fortzuwirken. Er schläft unter Blumen, bekränzt von Rosen. Aber die Dornen verwunden ihn nicht mehr. Er ist eingegangen zum ewigen Frühling, und wir gehen dem Winter entgegen. Schon fühlen wir den Sturm des Herbstes an dem Baum des Lebens rütteln, der neben den fallenden gelben Blättern auch manches frische grüne Blatt abstreift. Aber wir fürchten den Winter nicht; wir wissen, daß nach der Wuth des Winters der Frühling kommen muß, der die Blüthen wieder aus den Gräbern emporruft, und daß einst ein ewiger Frühling kommen wird, an dem unser Volk, unsere Partei, an dem alle guten Menschen gesiegt haben und die Güter, die jetzt so sehr bedroht erscheinen, für ewig gesichert sind. Und wenn dann um unsere Fahne, wenn dann um die Stirn unseres Volkes als Zeichen endlich errungenen Sieges der grüne Kranz des Lorbeers sich flicht, dann wird auch das Blatt nicht fehlen, auf dem in unauslöschlichen goldenen Lettern der Name Löwe verzeichnet steht. Und nun, heißgeliebter, theurer Freund, schlafe wohl! Wir wollen Dir Treue halten, wie Du Treue gehalten, wir wollen treu bleiben, wie Du treu geblieben: schlafe wohl. Ludwig Löwe: Im Namen des ersten Reichstags-Wahlkreises widmete sodann vr. Otto Hermes dem Verewigten folgenden Nachruf: „Tief bewegten Herzens lege ich Namens des I. Berliner Wahlkreises das letzte sichtbare Zeichen seiner Liebe und Verehrung auf Dein Grab, Ludwig Löwe. In Dir, mein unvergeßlicher Freund, hat die freisinnige Partei des ersten Wahlkreises ihren parlamentarischen Vertreter und damit ihren obersten Führer verloren. Eine unausfüllbare Lücke hat Dein jäher Tod in unsere Reihen gerissen. Denn wir wissen, daß ein Mann mit den Dich auszeichnenden, von Freunden vorhin so trefflich gekennzeichneten Eigenschaften nicht gefunden werden kann. Du warst uns nicht allein ein unvergleichlicher Führer im politischen Kampfe um die heiligsten Rechte und Freiheiten des Volkes, Du bist uns auch ein leuchtendes Vorbild in der Bethätiguyg wahrhafter Menschenliebe gewesen. Du gehörtest dem I. Wahlkreise als sein treuester Freund an. Die Stimmen der politischen Freunde, welche Dir zufielen, es waren zugleich die Stimmen des für den edlen Menschen schlagenden Herzens. Du wurdest gefeiert ob Deiner hervorragenden parlamentarischen Eigenschaften, verehrt als der selbstlose, mit hinreißender Beredtsamkeit ausgerüstete Vertreter des Volkes, aber mehr als die Achtung und Verehrung Deiner Wähler galt Dir die Liebe Deiner Mitbürger. Wie selten Einer genössest Du diese. Nicht die Uebereinstimmung in den politischen Grundsätzen allein, nein, vor Allem die seltenen Gaben Deines Geistes und Herzens waren das Geheimniß der innigen Gemeinschaft zwischen Dir und uns, Deinen Wählern. Mit berechtigtem Stolze blickte der erste Wahlkreis, blickte die ganze freisinnige Bürgerschaft Berlins auf Dich, den begeisterten Kämpfer für die Ideale der Menschheit. Du hattest den Muth, den freisinnigen Gedanken überall zu vertreten, ihn aber auch in dem durch eigene Kraft geschaffenen Werke Deines Lebens zu bethätigen. Du warst ein ganzer Mann. Dein Verlust wiegt

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