Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 40 (28.9.1886)
- Date
- 1886-09-28
- Page
- Seite 636 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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636 meuchelt unter so heftigen Schmerzen, daß sie selbst als Sühne einer unsühnlichen Schuld viel zu gräßlich schienen. Und doch wie versöhnlich war das Ende! Am Abend des letzten Tages erhob er sich, der so lange theilnahmlos dagelegen, noch einmal mit einem jener energischen Entschlüsse, die den schönsten und werthvollsten Bestandtheil seines Wesens bildeten; die schon gelähmte und nur noch den Bertrautesten bekannte Stimme sprach noch einmal in jener klaren, helltönenden Weise mit jenem schönen Ausdruck, wie wir es niemals wieder hören werden. Und er hatte für jeden der Umstehenden ein freundliches, ein gutes Wort; er tröstete die Trauernden, ließ die Freunde grüßen, und mit dem Wunsche: „Gott segne alle guten Menschen!" legte er sich hin, um nie wieder zu erwachen. Ist es nicht wie einer, der nach dem Tagewerk von der Arbeit sich erhebt und sich Rechenschaft ablegt von dem, was er gewirkt? Es war vollkommen berechtigt, wenn er seinen Kindern, von denen, nun doppelt verwaist, der Abschied gewiß am schwersten ihm geworden, sein eigenes Leben und Wirken als Richtschnur noch einmal vorstellte. Hinterließ er doch seinen Kindern das köstlichste Erbe, was der Vater seinen Kindern vermachen kann, in seinem Gedächtniß das Bild eines edelsten Mannes in vollendeter Bedeutung, eines Mannes, der nicht das Geschöpf günstiger Zufälle, der seine eigene Schöpfung war, der in hartem Kampfe mit widrigem Schicksal mit jener demüthigen Bescheidenheit des wahrhaft selbstbewußten Stolzes dastand, ein selbstgemachter Mann in der vollsten Bedeutung des Wortes. Er selbst hat es mir gezeigt, das kleine niedere Haus in der engen Straße des bescheidenen, freundlichen Städtchens, darin ein armer Lehrer unter Kummer und Entbehrung seinen Erstgeborenen heranzog und ihm die Keime edelster Tugenden in das empfängliche Herz pflanzte. Alljährlich wallfahrtete er zum Grabe des heißgeliebten unvergeßlichen Vaters, um ihm das Dankopfer seiner Thränen darzubringen. Fast ein Knabe noch, war er hinausgegangen in die Welt, um in Kampf und Noth eine Stellung sich zu erringen, — nicht für sich; was er erwarb, innerlich und äußerlich, hat er erworben für die Allgemeinheit. Früh schon trat er in den Kampf ein, der heute noch entsetzlicher und schrecklicher und unversöhnlicher uns umtobt, und ihm war keinen Augenblick zweifelhaft, auf welche Seite er zu treten hatte, nicht auf die Seite, wo lohnender Gewinn, verlockende äußere Ehre ihm zuwinkten, sondern wo Kampf und Noth und Entsagung und Verfolgung der Lohn der Ernte sein sollte, auf die Seite der Armen und Unterdrückten, auf die Seite des Rechts und^der Freiheit. Er nahm den schweren Dienst der Freiheit auf sich und hat ihr gedient so treu, so erfolgreich >vie selten einer. Er war bemüht, zum Tempelbau der Selbstverwaltung, zum Ausbau dieses blühenden, schönen Städtewesens Stein auf Stein herbeizutragen und mit festem Mörtel zu kitten» auf daß diese Stadt den ihr gebührenden Rang an der Spitze der Civilisation einnehme. Wie die Vorfahren seines Stammes mit der einen Hand den Tempel bauten und in der anderen das Schwert hielten, um die Feinde abzuwehren, so war er stets bereit, mochten die Gegner auch noch so hoch stehen, ritterlich diesen Tempelbau zu vertheidigen. Dieselben Eigenschaften hat er bewährt in dem großen Kampfe für das engere und für das weitere, für unser großes deutsches Vaterland. Ein klarer, scharfer, schnell erfassender, vorsichtig abwägender Verstand war ihm vor Allem zu eigen; doch hatte er nicht die Nachtheile des „Verstandesmenschen"; sein unerbittlicher Verstand konnte erweicht werden von einem Herzen, dessen Tiefe unergründlich war; aus dem innersten Herzen entsprangen die Thaten Ludwig Löwe's. Daher auch die schöne, mildernde, versöhnende Seite seines Wesens. Wenn er am Gegner etwas Schönes, etwas Wahres entdeckte, wenn er Anerkennung dem Feinde zollen konnte, so that er es mit größerer Begeisterung und innigerer Wärme, als wenn er sich zufrieden mit seinen Freunden äußern konnte. Wie Verstand und Herz gleichmäßig gepaart waren, so offenbarte er sich auch in seiner Rede, die leicht flüssig und gefällig nicht aus seinen Lippen, sondern aus seinem innersten Herzen hervorquoll. Wie eine Naturkraft riß seine Rede die Hörer fort, es gab keinen Widerstand; und von den Gegnern, mochten sie auch nicht die Ueberzeugung des Redners theilen, wird keiner jemals einen Zweifel gehegt haben, ob das wohl auch wirklich dieses Mannes innerste Ueberzeugung gewesen. Zu all diesen Vorzügen gesellte sich eine beispiellose Thatkraft. Er war so rastlos und unermüdlich thätig, daß seine Freunde bange zurückschauen und sich fragen, wenn er vielleicht weniger rastlos gewesen, ob es dann nicht möglich gewesen, seinem Leben noch eine Spanne Zeit zuzusetzen. Ueberall, wo ein großer, edler Gedanke sich regte, war Ludwig Löwe dabei; er hat nicht Ehrenämter gesucht, nm das Amt liegen zu lassen und die Ehre für sich in Anspruch zu nehmen; er suchte die Aemter, die er übernahm, so ausznfüllen, als wenn es die Aufgabe seines Lebens und die einzige Quelle seines Erwerbes gewesen wäre. So war er auf politischem Gebiete unerreichbar und unerreicht. Der Zug nach dem Allgemeinen wies ihn fast unwiderstehlich auf das Gebiet der Industrie. Und hier war er keiner jener sogenannten Arbeiterfreunde, die mit billigen Phrasen und nichts helfenden Reden abhelfen wollen; in seiner Fabrik war alles geleistet, was geleistet werden kann, um den berechtigten Klagen der Arbeiter entgegen zu kommen. Er war selbst ein Arbeiter unter den Arbeitern. Als z. B. das Verbot des Rauchens in seiner Fabrik angeschlagen wurde, hat Löwe diesen Genuß, dem er sonst leidenschaftlich ergeben war, für alle Zeiten entsagt. Er hielt es nicht für ein Vorrecht oder eine Pflicht der Arbeiter, alle