Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 40 (28.9.1886)
- Date
- 1886-09-28
- Page
- Seite 635 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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635 eine höhere Absterbeordnung haben, als die Mitglieder der christlichen Gemeinschaften, oder erschöpfen sie im höheren Maße ihre Kräfte im öffentlichen Dienst? Die jüdische Rasse ist von jeher ausgezeichnet durch große Zähigkeit; es kann also nur die Art der persönlichen Thätigkeit sein, welche eine so große Zahl hervorragender Personen in so kurzer Zeit hierher zur letzten Ruhestätte geführt hat. In der That: seit der Zeit Moses Mendelssohn's ist die Stadt Berlin daran gewöhnt, in ihren jüdischen Mitbürgern die bedeutendsten, kräftigsten, thätigsten und aufopferndsten Theilnehmer an den Aufgaben der öffentlichen Wohlfahrt zu erblicken. Wenn wir an Männer wie Lasker, Magnus, Straßmann denken und nun auch diesen besten Menschen hierher geleiten mußten, so ist es ein sichtbares Zeichen dafür, in welcher Menge die jüdische Gemeinde ihre Mitglieder in den öffentlichen Dienst stellt. Wenn diese Versammlung in erster Reihe ein Zeichen der Hochachtung für den Heimgegangenen Ludwig Löwe ist, so ist sie doch auch gleichzeitig ein Ausdruck dankbarer Anerkennung für das, was die jüdische Gemeinde in und für Berlin leistet. Ludwig Löwe stand noch in einem Alter, in welchem man darauf rechnen konnte, ihn noch lange Zeit in gesegneter Thätigkeit zu sehen. Uns allen war es gänzlich fremd, daß dieser so junge, arbeitslustige und kampfbereite Mann in sich den Keim einer so schweren Krankheit tragen sollte; schien er doch berufen, unser Aller Nachfolger zu werden! Es mögen wohl 25 Jahre her sein, als ich zum ersten Male mit Löwe in nähere Berührung kam. Es war dies zu jener Zeit, wo die große freiheitliche Bewegung in Stadt und Staat anhub und wir begegneten uns zum ersten Male auf dem Gebiete der turnerischen Arbeit. In jene Zeit fiel die Begründung der ersten städtischen Turnhalle in der Prinzenstraße und ich führte den Vorsitz im Turnrath, während Löwe mein Schriftführer war. Schon damals zeigte er, was er an Hingebung, Kraft, Energie und Geist aufzuwenden im Stande war. Von da an sind unsere Wege im öffentlichen Leben anhaltend neben einander hergegangen und trotz der Verschiedenheit unserer Lebensberufe zeigte sich zwischen uns immer die größte Harmonie in allen Verhältnissen des öffentlichen Lebens. Ich kann wohl sagen: ich habe keinen treueren Freund gekannt, als Ludwig Löwe. Aber diese Treue, die er im persönlichen Verkehr zeigte, bewies er auch im ganzen öffentlichen Dienst. Er war einer derjenigen Männer, die nicht ans Berechnung, Leidenschaft, oder im Streben nach einem ungerechten Ziel die Laufbahn des Politikers eingeschlagen, ihn wiesen vielmehr Herz und Gedanken gleich mächtig auf dies Ziel hin. Ja, er brachte so viel Herz mit in das politische Leben, das er zuweilen, selbst in heiligem Zorn emporfahren konnte, ungeachtet der Ordnungsrufe, die ihm auf öffentlicher Tribüne drohten und nie stand er seinen Freunden näher, als gerade in diesen Augenblicken des auflodernden Zornes! Und anderseits war doch sein Herz wieder so sehr zur Versöhnung geneigt, daß er nie die Folgen seiner augenblicklichen Erregung übertragen hat auf spätere Zeiten, daß er niemals seine Feinde seine augenblickliche Aufwallung hat entgelten lassen, sondern milden Herzens den Weg zur Versöhnung immer offen ließ. Diesen versöhnenden Einfluß Löwe's haben wir in sehr kritischen Zeiten erfahren, als die Frage des Glaubens und der religiösen Ueberzeugung zum Gegenstände politischer Action gemacht werden sollte. Wenige haben in jenen Kämpfen ihrem Zorne so gewaltigen Ausdruck gegeben, trotzdem war auch Niemand in jener trüben Zeit so leicht zur Versöhnung geneigt, als Löwe! Es wird uns schwer werden, die mannichfachen Gaben, die sich in Ludwig Löwe vereinigten, durch eine Reihe von Personen kümmerlich zu decken, daß dies durch eine einzige Peesönlichkeit möglich sein könnte, wird Niemand im Ernst glauben. Er war in der städtischen Verwaltung ausgezeichnet durch eine große persönliche Kenntniß aller Dinge des öffentlichen Lebens, durch die sorgfältigsten Vorstudien für jede einzelne Frage, und dadurch in der Lage, sich stets ein sicheres, zutreffendes Urtheil bilden zu können. Es war einer der Wenigen, die im Stande sind, die Arbeiterbewegung gleichzeitig mit dem Auge des Arbeitgebers wie des Arbeitersreundes zu beobachten und daraus resultirte das gute Verhältniß, welches immerdar zwischen ihm und seinen Arbeitern obgewaltet hat — trotz aller Verhetzungen, die man auch hier versucht hat. Wir Hinterbliebenen betrachten es als theuere Erbschaft, das Streben des Verewigten fortzusetzen, hochzuhalten den Gedanken an die religiöse Duldung, an die Hebung des Looses der Arbeiter, wir wollen den Gedanken, daß der Einzelne verpflichtet ist, seine Kräfte opferwillig der Gemeinde und dem Staate zu leihen, uns erhalten und unseren Nachkommen überliefern. Diese große Versammlung, welche Mitglieder aller Berufsstände und Glaubensrichtungen in sich vereinigt, birgt uns dafür, daß es dieser großen Stadt gelingen wird, die Erinnerung an den Tobten, die Gedanken, die er gehabt hat, wach zu erhalten und eine ähnliche Gesinnung zu übertragen von Geschlecht. Das ist die Hoffnung, mit der wir von hier scheiden, das ist das Gelöbniß, welches ich ausspreche im Namen aller Derer, die ich hier an dieser Stelle vertrete. Nach Virchow ergriff Albert Träger das Wort: Wenn er nun einmal so früh von uns genommen werden sollte, dieser Mann, dessen Daseinsfreude und Schaffenslust unermüdlich, dessen Lebens- und Thatkraft unverwüstlich schien, warum ist er nicht jäh getroffen worden wie von einem Wetterschlag. Trauer und Entsetzen wäre das gleiche gewesen, aber es würde uns seinem Wesen entsprechender, es würde uns natürlicher erschienen sein. So hat eine geheim im Innern schleichende Krankheit ihn heimtückisch ge- 40*