Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 40 (28.9.1886)
- Date
- 1886-09-28
- Page
- Seite 634 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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634 feit und von der Chorgalerie herab ertönte in feierlich-ergreifender Weise der Psalm: „Der Mensch, wie Gras sind seine Tage; wie des Feldes Blume blüht er. Es fährt ein Wind darüber und sie ist nicht mehr; man erkennt ihre Stätte nimmer!" Dann ergriff der Rabbiner Dr. Maybaum das Wort zur Gedächtnißrede, welche mit den Strophen begann: „Zu dir breite ich meine Hände aus, ewiger Gott! Wie die Erde nach Regen, so schmachtet meine Seele nach Trost!" Den ferneren Betrachtungen des Geistlichen lagen die Worte des Psalmisten zu Grunde: „Selig ist der Mann, der auf den Ewigen sein Vertrauen setzt und sich nicht kümmert um die Uebermüthigen und die Anhänger der Lüge". Die Trauerrede gedachte des Längeren der Stellung des Verstorbenen zu seinem Glauben und zu der jüdischen Gemeinde und schilderte das Wirken desselben als eines unverdrossenen Kämpfers, der für Wahrheit, Freiheit und Recht gestritten und gelitten. Gerade bei ihm habe es sich gezeigt, daß das Wirken des Wahren, Edlen und Gerechten messianische Erfolge erzielt, daß bei dem Tode eines solchen Mannes alle Glaubensschranken schwinden und alle ohne Unterschied sich in Trübsal da zusammenfinden, wo reines Menschenthum sich offenbart. Ludwig Löwe's Waffe war die Liebe und Gerechtigkeit, sein Schild Treue und Wahrheit. Vor dem Adel seines Herzens, vor der Reinheit seiner Gesinnung mußte selbst die Lüge Halt machen und es ist ein Trost in der Erscheinungen Flucht, daß er es verstand, durch seine makellose Persönlichkeit den entfachten Kampf gegen den Glauben seiner Väter einzudämmen, daß er allen Anfeindungen zum Trotz seine Stellung in der allgemeinen Achtung siegreich behauptete. Es ist dies ein erfreuliches Zeichen dafür, daß das Volk in seinem innersten Kern, daß namentlich die Bürgerschaft dieser Stadt unberührt geblieben ist von dem Fanatismus gewisser Kreise und daß das Urtheil der anders Denkenden und Gläubigen über die Männer des Geistes und der Freiheit, die von der allgemeinen Heerstraße abweichen, selbst in unserer trüben Zeit nicht' überall verdunkelt werden kann. An der Bahre dieses großen Tobten müsse es Aufgabe für die Gleichgesinnten und Parteigenossen sein, in seinem Geiste sich enger zusammenzuschließen, nicht unterzugehen im strengen Parteiinteresse, sondern mit weitem Blick die besten Kräfte einzusetzen für die Größe und den Ruhm des Vaterlandes, für den Sieg des freien Menschenthums über den Kastengeist; den Hinterbliebenen rief der Geistliche zum Schluß das Trostwort zu: Wenn Vater und Mutter Dich verlassen, nimmt der Ewige Dich in seinen Schooß! So mögen sie denn dem leuchtenden Beispiele des Vaters nacheisern, um sich, wie er, ein Haus zu bauen auf dem Felsengrunde freier und sittlicher Arbeit, geschmückt mit den Tugenden der Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft. Der Sängerchor sang alsdann: „Herrliches ist ihm ge« lungen durch des Geistes Kraft und Glanz, Jahr um Jahr hat er gerungen und erstritten Kranz um Kranz". Darauf trugen 12 Arbeiter der Löwe'schen Fabrik den schweren Sarg hinaus auf den draußen harrenden Leichenwagen und der Trauereonduet ordnete sich langsam hinter dem Leichenwagen, welchem Träger mit Marschallstäben zur Seite gingen. Der gesammte Zug war von mächtiger Wirkung. Voran schritten die freisinnigen Wahlvereine aus den 6 Reichstagswahlkreisen mit zahlreichen Kränzen, Bannern und Palmenzweigen, dann kam der Verein Waldeck, die Mitglieder der verschiedenen Bezirks-, Arbeiter- und Handwerkervereine zu vielen Hunderten, unmittelbar vor dem Leichenwagen das gesammte Löwe'sche Fabrikpersonal hinter dem Fabrikbanner. Eine unendlickie Reihe von Trauerwagen schloß sich dem Zuge an, der sich langsam in Bewegung setzte und durch die Oranienburger, Elsässer, Lothringer Straße, Schönhauser Allee dem jüdischen Kirchhofe in der Schönhauser Allee zusteuerte. Die Polizei hatte gute Vorsorge getroffen, sodaß trotz der massenhaften Ansammlung des Publikums auf dem ganzen Wege die Ordnung nirgends gestört wurde. Zwei Musikcorps geleiteten mit Trauerweisen den Zug hinaus zur Begräbnißstätte, wo derselbe gegen 101/2 Uhr anlangte. Zur letzten Andacht war die offene Gebetshalle hergerichtet. Hier wurde der wieder von Arbeitern hineingetragene Sarg, der unter der Last der auf ihm ruhenden Kränze und Widmungen fast erdrückt zu werden schien, aufs Neue aufgebahrt. Im Halbkreis war ein Hintergrund von exotischen Pflanzen gebildet, unmittelbar zu Seiten des Sarges war eine Rednertribüne hergerichtet und hohe Candelaber brannten in dem mit hebräischen Sprüchen reich bedeckten Raum. Das gesammte Trauergefolge zog in den Friedhof hinein und die Vereine nahmen in weitem Kreise vor dieser Halle ihre Aufstellung. Nachdem der Gesangchor der jüdischen Gemeinde unter der Direetion des Herrn Lewandowski das Lied „Es ist bestimmt in Gottes Rath" gesungen, betrat Geheimrath Prof. vr. Virchow die Rednerbühne und hielt folgende Ansprache an die Leidtragenden: „Hochgeehrte Trauerversammlung! Wer daran gewöhnt ist, Geschichte des Menschengeschlechts in großen Zügen zu studiren, der weiß, daß es auch im Sterben ein gewisses Gesetz giebt, eine göttliche Absterbeordnung, welche jedem Alter, jedem Geschlecht, jeder Volks- und Berufsklasse, jeder Rasse eine besondere Zahl anweist, in der sie ihr jährliches Contingent zu stellen haben zu den Todten. Wenn ich diese hochansehnliche Versammlung ansehe, so frage ich mich: wie geschieht es, daß kein anderer Kirchhof dieser Stadt in so kurzer Zeit so große Trauerversammlungen in seinen Mauern vereinigt sieht, als dieser Kirchhof der jüdischen Gemeinde? Ist es der Umstand, daß die Zugehörigen zu dieser Gemeinde