Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 40 (28.9.1886)
- Date
- 1886-09-28
- Page
- Seite 633 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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633 digungsactes, der nicht nur durch seine Massenhaftigkeit, sondern weit mehr noch durch seine Ursprünglichkeit, durch den zu Tage tretenden ungekünstelten und von Herzen kommenden Ausdruck des tiefsten Schmerzes über das vorzeitige Ende eines schönen, ideal veranlagten, allem Guten und Edlen nachstrebenden Lebens Eindruck machen mußte. Am Sonntag Abend habe» sich die Männer der Arbeit, die er mit scharfem Blick und kühnem Muth so oft zu Kampf und Sieg geführt, denen er eine Heimstätte für ehrliche, erfolgreiche Arbeit eröffnet hat, um seinen Sarg versammelt, um ihm das letzte Lebewohl zuzurufen; am Montag Abend bahnte sich ein stiller Zug durch eine vielhundertköpfige Menschenmenge seinen Weg von dem sonst so volles Leben athmenden Fabrikhause in der Hollmannstraße bis zur Oranienburger Straße und heute in der Frühe war die neue Synagoge der Zielpunkt vieler Tausende, welchen es ein Herzensbedürfniß war, dem an Herz und Geist gleich veranlagten Manne das letzte Geleit zu geben. Seit Lasker's Tode hat der mächtige Raum des Tempels noch nie so viele Leidtragende gesehen, haben seine Pforten noch nie so dichte, in dem Gefühle des gleichen Schmerzes sich zusammenfindende Menschenmassen umstanden, als heute bei dem Begräbniß von Ludwig Löwe. In der That, in dieser Zeit, welche die Charaktere so leicht verdirbt und die Leidenschaften oft so wild emporwuchern läßt, mußte die Thatsache doppelt tröstlich berühren, daß hier die Hoch, achtung vor einem um das Volkswohl verdienten Ehrenmanne die durch Parteirücksichten gezogenen Grenzen weit überwand. Zu dem Traueractus fanden sich die Anhänger aller Parteien, die Vertreter der verschiedensten Glaubensrichtungen zusammen, wenn es auch natürlich ist, daß das freisinnige und werkthätige Berlin, dem der Verstorbene die besten Jahre seines Lebens geopfert, den weit überwiegenden Theil der Trauergemeinde bildete. Das gesammte Fabrikpersonal des Löwe'schen Etablissements versammelte sich kurz vor 8 Uhr vor der gemeinsamen Arbeitsstätte und rangirte sich hinter dem florumhüllten Fabrikbanner zum stillen und doch so beredten Trauerzuge, der, geführt von den Meistern und Werkführern und geleitet von einer Anzahl Stabträgern, seinen Weg mitten durch die Stadt nach der Synagoge nahm. Nach und nach rückten daselbst in starken Gruppen die Vertreter der verschiedenen Vereine, so die freisinnigen Wahlvereine aus den sechs Berliner Wahlkreisen, zahlreiche Bezirksvereine, Arbeiter- und Handwerkervereine mit ihren Bannern und Abzeichen an, Palmenzweige, Kränze und sonstige Blumengaben in großer Anzahl mit sich führend. Sie alle nahmen in guter Ordnung in der Auguststraße Aufstellung, um von dort aus später in den Trauerzug sich einzurangiren. Die ganze Oranienburger Straße von der Artilleriestraße bis zum Hacke'schen Markt war von einer dichten Menschenkette flankirt. Um 8>/2 Uhr wurden die Pforten des Tempels geöffnet und das Mittelschiff und die Galerien füllten sich bald mit Leidtragenden aus allen Classen der bürgerlichen Gesellschaft. Die Aufbahrung der Leiche war überaus prächtig. Der Sarg stand auf dem Altar vor dem Allerheiligsten, umgeben von einem dichten Hain hochaufstrebender Lorbeerbäume. Zahlreiche Kandelaber, deren reicher Silberschmuck mit Flor umhüllt war, warfen ihren silbenen Schein auf den Katafalk, ebenso erstrahlte das Allerheiligste im hellsten Kerzenlicht. Die Zahl der Kränze, welche theilweise kolossale Dimensionen erreichten und den herrlichsten Blüthenschmuck zeigten, bedeckten nicht nur den Sarg vollständig mit einer köstlich duftenden Hülle, sondern zogen sich auch in weitere Kreise als farbenprächtiger Teppich die Altarstufen hinab. Das ganze, überaus wirksame Arrangement war von dem Castellan Littauer hergerichtet worden. Die Zahl der Kränze auch nur annähernd zu schätzen, ist eine einfache Unmöglichkeit. Dieselben trugen sämmtlich große Atlasschleifen, auf denen die Spender von dem „unvergeßlichen Freunde", dem „Förderer der deutschen Industrie", dem „treuen Kampfgenossen", dem „unermüdlichen Kämpfer für Freiheit, Wohlfahrt und Recht" Abschied nahmen. So hatte der Aufsichtsrath der Löwe'schen Fabrik „Seinem Ludwig Löwe" einen prachtvollen Kranz gewidmet, weitere kamen von der freisinnigen Partei, von dem Magistratscollegium, der Stadtverordnetenversammlung, von den „Turngenossen der 60ec Jahre", von dem Wahlverein der freisinnigen Partei in Breslau (überreicht von vr. Alexander Meyer), sodann von den „Wormser Parteigenossen", dem Brandenburgischen Handwerkerverein, dem Lehrercollegium der 10. Fortbildungsschule, zahlreichen Vereinen und Gesellschaften, von der Actiengesellschaft F. Eckert, der Actiengesellschaft Frisier u. Roßmann und anderen industriellen Firmen, von den Redactionen sämmtlicher Berliner Preßorgane der freisinnigen Partei und von unzähligen Privatpersonen. Am Fußende des Sarges hatten zwei Chargirte der Freien wissenschaftlichen Vereinigung Aufstellung genommen. Auf der ersten Reihe vor dem Sarge vereinigten sich die verwaisten Kinder des Entschlafenen mit den übrigen Familiengliedern in gleichem Schmerze, ihnen schlossen sich an die Vertreter des Magistrats unter Führung des Oberbürgermeisters v. Forckenbeck und Geh. Rath Duncker, die Stadtverordneten-Versammlung in corpore, an ihrer Spitze der stellvertretende Vorsteher vr. Stryck, zahlreiche Vertreter der deutsch-freisinnigen Partei im Reichstage und Landtage, unter ihnen der greise Mommsen, Angehörige anderer Parteien, wie v. Benda, v. Bernuth u. A. Im übrigen waren alle Kreise, welche im öffentlichen Leben eine bewegende Rolle spielen, durch zahlreiche Abgesandte vertreten.! Pünktlich um 9 Uhr eröffnete Orgelklang die Feierlich- 40