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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-09-28 · Heft 40 (28.9.1886) · p. Seite 631

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 40 (28.9.1886)
Date
1886-09-28
Page
Seite 631 (sequence 7)
Language
German
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631 sind, ist aber in der Technik der antisemitischen Klopffechter- Dialektik lange nicht so bewandert, wie der ob seiner Rohheiten berüchtigte Judenfresser Polichroniade, welcher die Mitglieder des Congresses mit einer Wiedergabe der bekannten Rohling'schen Talmudverdrehungen unterhielt. Kurz, der ganze Congreß wäre gar nicht der Erwähnung werth, wenn nicht auf demselben eine Reihe von Beschlüssen gefaßt worden wäre, welche den Antragstellern und Beschlußfassern das denkbar schlechteste Zeugniß politischer Unreife und Gedankenlosigkeit ausstellt. Wenn es nämlich nach den Resolutionen der rumänischen Antisemiten gehen würde, hätte die Regierung Bratiano's nichts Nothwendigeres zu thun, als eine Abänderung der Verfassung im Sinne einer Ausschließung aller Juden vom Rechte des Erwerbes unbeweglicher Habe, vom Betrieb der meisten bürgerlichen Gewerbe u. s. w. zu dekretiren. Alle israelitischen Schulen sollen geschlossen, kein Jude unter welchem Vorwände immer über die Grenze Rumäniens gelassen werden. Damit man aber die Juden gleich als solche erkenne, soll ihnen das Ablegen des Talars, beziehungsweise die Annahme europäischer Tracht und das Ablegen der Peies (Schläfenlocken), verboten werden! Angesichts solchen heillosen Blödsinns müssen wir es ganz besonders hervorheben, daß sich die sonst in Sachen der Judenfrage durchaus nicht ganz vorurtheilsfreie Presse der rumänischen Residenz dem in dieser Weise delirirenden Antisemiten-Congresse gegenüber entweder ganz passiv oder geradezu ablehnend verhielt. Nur „Etoile Roumaine" hat in ihrem Kampfeseifer gegen die oppositionelle Presse das für ein ernstes gouvernementales Blatt nicht besonders ehrenvolle Kunststück eines Ehrenrettungs-Artikels für die vom „Romanul" streng verurtheilte antisemitische Bewegung zustande gebracht. Ebenso, wie die gesammte Presse, hat sich auch das bessere Publicum mit sehr geringen Ausnahmen indifferent oder ablehnend verhalten, und können die Herren de Biez und Komlossy mit dem Bewußtsein zu ihrem Penaten zurückkehren, daß die Menge, welche ihren Reden Beifall zollte und hier und da einem wirklichen oder vermeintlichen Juden unter der Zuhörerschaft handgreifliche Beweise ihrer Gesinnungsfestigkeit gab, alles Andere, nur nicht die Elite der Gesellschaft repräsentirte. Ein zweiter Bukarester Antisemiten-Congreß dürfte aber nach dem negativen Erfolge des ersten Versuches schwerlich abgehalten werden. Amerika. Newyork, 4. Sept. Wie die „Newy. H.-Ztg." meldet, hat im Namen der „ Jüdischen Einwanderer-Hülfsgesellschaft" der Präsident derselben, Coroner Ferdinand Levy, einen Aufruf in den Verein. Staaten erlassen, durch welchen um Beiträge ersucht wird, um die Gesellschaft in den Stand zu setzen, den in Europa verfolgten und nach den Verein. Staaten flüchtenden Israeliten zu ihrem Fortkommen behülflich zu sein. Bonn, 19. Sept. (Notizen.) In Rußland gedenkt man, in nächster Zeit den hundertjährigen Geburtstag des Grafen und ehemaligen Ministers der Bolksausklärung (Unterrichtsministers) Sergei Uwarow zu begehen. DieserMann, wahrhaft gelehrt und durchgebildet und von humaner Gesinnung erfüllt — er war auch ein Freund Goethes und hat über diesen Werthvolles geschrieben — bezeichnet auch einen, wenn auch nur kurzen Lichtblick in der Geschichte der russischen Juden und verdient deshalb wohl die Erwähnung an dieser Stelle. Man schreibt über ihn: „Im September des Jahres 1786 geboren, bekleidete Graf Uwarow in seiner Jugend und während der Regierung Napoleon's I. die Stelle eines Gesandtschafts-Sekretärs in Paris. Ein Helenist ersten Ranges, wurde die Periode von 1833 bis 1854, während welcher Zeit er an der Spitze des öffentlichen Unterrichts stand, nach seinem Namen benannt, und aus dieser Periode stammt die classische Richtung, welcher Rußland das Aufblühen einer ganzen Generation von in Europa bekannt gewordenen Schriftstellern und Gelehrten verdankt. Die Werke Uwarow's sind in russischer, deutscher und französischer Sprache abgefaßt." — Uwarow war es, der auch die Hebung der jüdischen Masse in Rußland ins Auge faßte, und zwar durch angemessene Volksbildung, zu welchem Zwecke er aller Orten, wo Juden ansässig waren, Volksschulen für dieselben gründen wollte. Er hatte es verstanden, den Kaiser Nikolaus für diese Idee zu gewinnen und ging sofort in großem Stile an's Werk. Er wandte sich deshalb an jüdische Gelehrte in Deutschland, theils um ihre Ansichten über die Anlegung dieser Schulen zu vernehmen, theils um jüdische Lehrer in Deutschland für sie zu gewinnen. Der Redacteur dieser Zeitung und der selige Jost waren es, an die er sich wandte. Der Erstere konnte ihm nicht blos ein desfallsiges Memorandum zustellen, sondern auch eine recht beträchtliche Zahl jüdischer Lehrer aufführen, die zu dieser großartigen Mission sich bereit erklärt hatten. Wir übersandten ihm sogar von vielen derselben die Zeugnisse. Damals auch hatten wir den verst. Dr. Max Lilienthal der jüdischen Gemeinde zu Riga zum Prediger und Schuldirektor empfohlen. Dieser bewährte sich so tüchtig, daß ihn Uwarow nach Petersburg ins Unterrichtsministerium berief, um in der großen jüdischen Angelegenheit einen unmittelbaren Einfluß zu üben. Er sandte ihn auch durch die Provinzen, wo Juden ansässig, um die Verhältnisse zu studiren und den Boden für die Schulen zu ebenen. Die Aufnahme, welche der Sendling des Ministers an vielen Orten fand, flößte große Hoffnungen ein, wenn es auch nicht an Widerspruch seitens der Hyperorthodoxen fehlte. Unter-

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