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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-09-28 · Heft 40 (28.9.1886) · p. Seite 630

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 40 (28.9.1886)
Date
1886-09-28
Page
Seite 630 (sequence 6)
Language
German
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630 Rumänien. Bukarest, im September. (Privatmitlh.) Der civilisirten Barbarei, die Rumänien eigen, ist eine Erfindung neuesten Stiles gelungen. Mit jenem Pharaonischen Kindermorde und Sklaventhum geht es in unserer Zeit nicht mehr. Auch die Verfolgungsmethoden des Mittelalters, Austreibungen in Masse und nebenbei einige Tausend Juden zu erschlagen oder dem Scheiterhaufen zu überliefern, ist es vorbei. Was also thun, um dem fanatischen Judenhasse zu genügen? Die rumänischen Machthaber wissen einen Ausweg und etabliren einen neuen Weg zum Verderben und zur Vernichtung der wehrlosen Juden. Man macht Gesetze, um sie auszuhungern. Hunger thut weh und treibt nothwendig aus der Wüste nach fruchtbaren Gegenden. Rumänien ist auf diese Weise eine öde Wüste für die jüdische Bevölkerung geworden. Gesetze, auf verfassungsmäßigem Wege berathene und beschlossene Gesetze, wer kann gegen sie etwas einwenden? Daß Gesetze noch lange nicht mit Recht und Gerechtigkeit sich decken, daß sie recht oft nur zum Deckmantel des gewaltsamsten Unrechts, der unerbittlichsten Verfolgungssucht dienen, lehren Vergangenheit und Gegenwart. Indem man der jüdischen Bevölkerung nach und nach alle Erwerbszweige abschneidet, und sie aus jedem Winkel zurückdrängt, wo sie ehrlich und genügsam ein kärglich Stück Brodes zu verdienen vermag, zwingt man sie zur Auswanderung, wie durch ein Verbannungsedikt, welches das des katholischen Ferdinand von 1492 zwar an Deutlichkeit nachsteht, an Grausamkeit aber übertrifft. Denn es stürzt die Betreffenden vorher in das grausamste Elend, bevor es sie zwingt, ihre Heimath zu verlassen und dem ungewissen Schicksal in der Ferne entgegen zu gehen. Doch wäre es ein Jrrthum zu meinen, und hierin irrt sich wohl auch die rumänische Regierung, daß nur die ärmere Klasse der Juden das Land verlassen werde. Gerade dieser fehlen zumeist die Mittel zur Auswanderung, und eine Verfügung des österreichischen Ministeriums verhindert deren Niederlassung in Galizien und in der Buckowina. Diejenigen Familien aber, die noch einige Mittel besitzen und das Aufzehren derselben in dem unwirthlichen Rumänien voraussehen, fühlen sich gedrungen, nach fernen Ländern, nach Palästina oder Amerika auszuwandern. Solche Familien haben bereits in großen Gruppen das Land verlassen und sind über Lemberg und Wien gereist, ohne die Unterstützung Anderer in Anspruch zu nehmen. Daß dies für das arme Rumänien einen nicht unbeträchtlichen volkswirthschaftlichen Schaden mit sich bringt, ist einsichtlich und wird dieser wohl in naher Zukunft sowohl dem Lande selbst als auch der Staatskasse fühlbar werden. Bukarest, 10. September. Gestern ist der am 7. d. im hiesigen Athenäumsaale eröffnete Antisemiten - Congreß geschlossen worden. Wenn es nach dem Willen der Einberufer des Congresses gegangen wäre, so hätte sich derselbe zu einem von allen Antisemiten - Vereinen Europas beschickten Protest- Meeting gestalten müssen. Doch scheint es, als ob die antisemitische Geistesepidemie bereits viel von ihrer Ansteckungsfähigkeit verloren hat. Wenigstens war die Betheiligung des Auslandes an dem im Namen des rumänischen Antisemiten- Vereines einberufenen Congresse eine sehr schwache, obgleich Herr Moroin die Werbetrommel mit großem Eifer gerührt und seinen engeren Bekannten die Betheiligung Drumont's, Jstöczy's, Stöcker's und anderer Führer der antisemitischen Bewegung im Auslande in Aussicht gestellt hatte. In Wirklichkeit sind von den Trägern bekannterer Namen nur die Herren Jacques de Biez und Fr. Komlüssy als Vertreter der Antisemiten-Bündnisse Frankreichs und Ungarns der an sie gerichteten Einladung zum Congresse nachgekommen. Doch haben diese beiden Herren in ihren im Athenäumssaale vor einem sehr gemischten Publicum gehaltenen Vorträgen dem bereits über die Gebühr breitgetretenen Thema der Antisemitenfrage keine neue Seite abzugewinnen vermocht. Herr de Biez wiederholte nämlich die alten Lamentationen über die Wirksamkeit und den Einfluß der Alliance israelite und erzählte dem großentheils aus Neugierigen bestehenden rumänischen Auditorium die schauerlichsten Dinge darüber, daß Frankreich ganz in den Händen der Juden und daß in Frankreich gar keine Regierung mehr möglich wäre, in welcher nicht die Mehrzahl der Cabinetsmitglieder jüdischen Ursprungs sei. Herr Komlüssy aber besprach mit bekanntem hohlen Pathos die vollständige Berjudung der gesammten Presse, welchem Umstande es auch zuzuschreiben sei, daß die öffentliche Meinung sich viel zu wenig mit den Gefahren befasse, welche der Semitismus allen Völkern und Staaten bringe. Der übrige Redekohl wurde von rumänischen Antisemiten beigestellt, unter welchen jedoch nur die Herren Gherghel und Butculescu als Personen von öffentlicher Stellung genannt zu werden verdienen. Weß Geistes Kind Senator Gherghel ist, geht daraus hervor, daß derselbe erst im Verlaufe der letzten Parlaments - Session die Regierung allen Ernstes befragte, wie es komme, daß die Juden eine stärkere Nachkommenschaft als die Christen aufzuweisen haben. Was ferner Herrn Butculescu anbelangt, so hat sich derselbe zwar durch seine eigenartige Auffassung des Wesens der Nationalindustrie einen Anhang in gewissen Kreisen und ein Deputirtenmandat zu verschaffen gewußt, gilt aber sonst als ein Mann, dessen Gegnerschaft Niemandem zur Unehre gereicht. Herr Butculescu, welcher das gesammte Gewerbe Rumäniens ausschließlich in den Händen rumänischer Vollbürger sehen ivill, haßt die Juden deshalb, weil sie Fremde

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