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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-09-28 · Heft 40 (28.9.1886) · p. Seite 627

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 40 (28.9.1886)
Date
1886-09-28
Page
Seite 627 (sequence 3)
Language
German
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627 Bekämpfung des Judenthums", bekleidete auf dem Antisemitencongreß zu Chemnitz das Amt des Schriftführers, wurde dann Redacteur des in Preßburg erscheinenden ungarischen Antisemitenblattes „Westungarischer Grenzbote" und lebt gegenwärtig, wie bemerkt, in Hattingen, um in der dortigen „Zeitung" seine Geisteserzeugnisse niederzulegen. Herr Rittner hatte nun mit dem magyarischen Vollblutedelmann und Antisemitenhäuptling Iwan v. Simonyi einige schmutzige Wäsche zu waschen und benutzte die Gelegenheit, ein wenig aus der antisemitischen Schule zu plaudern. Wir werden sehen, daß man da schon etwas lernen kann. Rittner beginnt mit der Mittheilung, daß die „schmutzigen Instinkte", welche seine Parteigenossen als „Berjudung" zu bezeichnen pflegen, „nicht das Monopol der israelitischen Rasse sind", sondern „in christlichen Kreisen unglaublichen Boden gewonnen, ja, was wenigstens Ungarn betrifft, die dortigen Antisemiten selbst ergriffen" haben. Er fügt gleich hinzu, daß „auch der deutsche Antisemitismus zumeist als Geschäftssache ausgebeutet" wird, und Niemand wird es bestreiten, wenn er im Hinblick auf die antisemitischen Führer erklärt, daß „an der Spitze" einer politischen Bewegyng nicht „Bankerotteure", „Wechselschwindler", „Spekulanten zweifelhaften Rufes" stehen dürfen. Eine gewisse Erläuterung hierzu giebt die gelegentliche Bemerkung Rittner's, daß sich die „neue Organisation", welche die berühmten „Antisemiten-Kongresse" zu schaffen suchten und die „hauptsächlich darauf gerichtet war, die nöthigen Geldmittel herbeizuschaffen, um die antisemitische Bewegung durch Unterstützung der Parteipresse in Fluß zu bringen, nicht bewährte, da Jeder nur haben, aber Keiner geben wollte." Von sich selbst und Anderen, die er als die „ehrlichen" Leute der „Partei" bezeichnet, sagt Rittner, daß sie „aus Ekel vor der eigenen Partei und ihren Führern die Flinte in's Korn geworfen" haben. Und Herr Rittner, der lange Jahre hindurch überall mitten im Treiben der deutschen und ungarischen Antisemiten gestanden hat, muß es wissen! Nähere Aufschlüsse erhalten wir besonders über die letzteren. Was den bekannten Fall des Herausgebers des Pester Antisemitenblattes „Függetlentseg" betrifft, der wegen Unterschlagung zu Wohlthätigkeltszwecken gesammelter Gelder erst verurtheilt, dann aber freigesprochen wurde, so erklärt Rittner auf Grund seiner Kenntniß der Dinge es für zweifellos, „daß Verhovay in der Nothlage sich an fremdem Eigenthum vergriffen hat, wobei es allerdings nicht gänzlich als ausgeschlossen anzusehen ist, daß er vielleicht ursprünglich die redliche Absicht gehabt habe, die defraudirten Gelder gelegentlich zu restituiren". Nach seinen Erfahrungen hält sich Rittner zu der Behauptung berechtigt, „daß es unter den ungarischen Antisemiten, wenigstens unter ihren Führern, nicht sowohl einzelne räudige Schafe giebt, sondern vielmehr die ganze Heerde verräudet ist". Und nun wird uns als Beispiel und Musterbild der große Häuptling Herr von Simonyi vorgeführt, derselbe, mit dem sich unser lieber Stöcker auf dem Dresdner „Antisemiten-Congreß" 1882 verbrüderte: Arm in Arm forderten die beiden edlen Männer das Jahrhundert in die Schranken. Ueber die Natur des Einen haben uns seitdem mannigfache Processe und andere Vorkommnisse einige Kenntniß verschafft, der Andere steht nun, Dank Rittner's Bericht, in vollem Glanze vor uns. Wir geben nur eine kleine Blumenlese: „Von der Natur mit ziemlich schwachen geistigen Anlagen ausgerüstet, ohne materielle Mittel, namentlich aber ohne etwas Rechtes gelernt zu haben, womit er hätte ein gesichertes Fortkommen finden können, endlich ohne jegliche rechte Arbeitslust", benutzt Simonyi den Antisemitismus als „Handhabe, um sich selbst in möglichst müheloser Arbeit eine angenehme, sorglose Existenz zu gründen und zu Ehrenstellen zu gelangen". „Die ersten Theilhaber und Mitarbeiter" des Antisemiten Simonyi, die es ihm ermöglichten, den „Westungarischen Grenzboten" zu gründen, waren drei Juden; während längerer Zeit „lebte das Blatt" einfach „vom Scandal", indeß zählte die Abonnentenzahl 1883 erst 1100 — da warf sich Simonyi dem Antisemitismus in die Arme, „nachdem er bis dahin", wie sein Genosse Rittner berichtet, „lediglich von jüdischem Gelde und jüdischem Geiste gelebt" hatte. Rittner erzählt dann eine ganze Reihe unsauberer, aber von ihm actenmäßig beglaubigter Geschichten über Simonyi, den Bundesbruder Stöcker's, doch sehen wir gern von der Wiedergabe derselben ab. Als Moral dieses antisemitischen Bruderzwistes führen wir nur noch zweierlei an: erstens daß die antisemitischen Brüder in der Pußta den antisemitischen Brüdern von der Spree völlig ebenbürtig sind, und zweitens, daß einer dieser Ehrenmänner immer von dem anderen abgethan wird. Berlin, 15. Sept. (Privatmitth.) Die Begräbnisfeier Ludwig Löwe's (s. das Feuilleton dieser Nr.) fand unter einer Theilnahme statt, welche dieselbe zu einem Ereigniß stempelt. Freilich nicht aus den höheren und den Socialistenkreisen, hingegen aus allen Schichten des Bürgerthums, das namentlich durch zahlreiche Vereine vertreten war. Es wurde abermals der Beweis geliefert, daß trotz aller Wühlereien in den letzten Jahren der Jude sich die Achtung und Anerkennung der bürgerlichen Welt durch bedeutsames Streben und Vollbringen, durch Ehrenhaftigkeit und gemeinnütziges Wirken erwerben kann, und daß dann auch diese Hochschätzung zum würdigsten Ausdrucke kommt. Die drei Redner auf dem Friedhofe sprachen denn auch die Stimmung und Gesinnung des Berliner Bürgerthums über den dahingeschiedenen in offenbarster Weise aus und unterließen es nicht, die Stellung zu betonen, welche Löwe in der Abwehr gegen den Antisemitismus und in der Vertheidigung seiner Glaubensgenossen eingenommen hat; sie unterließen es auch nicht, namentlich Virchow, hervorzuheben, wie groß die Anzahl der durch Talent, 40*

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