Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 40 (28.9.1886)
- Date
- 1886-09-28
- Page
- Seite 626 (sequence 2)
- Language
- German
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626 immer wieder die rechten Männer, und nach einer Zeit der Erschlaffung hebt stets ein neuer Aufschwung, eine neue Begeisterung an, die auch ihre Träger und ihre Rüstzeuge findet. Das verflossene Jahr hat zwar manche drohende Wolke langsam von unserem Himmel entfernt; aber er ist noch immer grau in grau gefärbt, und die Sonne unseren Blicken verborgen. Im östlichen Europa mehrt sich der schwere Druck noch immer, der auf unseren leidenden Glaubensgenossen lastet, und die Aussicht auf Besserung ist uns nicht aufgegangen. Hat sich doch selbst da, wo wir es am wenigsten vermutheten, an der Seine, die krächzende Stimme des Antisemitismus vernehmen lassen und einen unerwarteten Wiederhall gefunden. Sie wird auch dort in nicht langer Zeit verstummen; aber wenn sie auch durch die Mißtöne ihrer Uebertreibungen und unbegründeten Verleumdungen ihre Wirkung selbst abschwächt, so hat sie doch in zahllosen Menschen das Gefühl einer Kluft geweckt, die schon längst ausgefüllt oder überbrückt schien. Man hat die Empfindung einer gewissen Trennung wachgerufen, welche erst nach längerer Zeit wieder verwischt werden wird. Im öffentlichen und geselligen Leben erwachsen hieraus für uns neue Schwierigkeiten, die bisweilen sich den Individuen, besonders der aufstrebenden Jugend recht fühlbar machen. Allein, aus dem ganzen Verlaufe jener judengehässigen Bewegung vermögen wir doch zu erkennen, daß selbst den gröbsten Angriffen und der eifrigsten Wühlerei es nicht gelingt, die Vergangenheit wieder herauf zu beschwören und die Grundsätze des Rechts und der Humanität zu verdrängen. Zu viel Einsicht ist in der Gegenwart verbreitet, zu viele Prüfung der vorgebrachten Argumente, als daß zu fürchten sei, Unduldsamkeit und Fanatismus werden den öffentlichen Geist so vergiften, daß eine völlige Umwandlung der humanen Anschauung den Freunden der Verfinsterung glücken könnte. Lassen wir uns deshalb nicht beirren; halten wir uns an das Recht und die Wahrheit, streben wir immer weiter in der Theilnahme an den vaterländischen und menschheitlichen Interessen, in der sittlichen und socialen Fortbildung, und halten wir uns fest überzeugt, daß gerade dieses Fortschreiten ohne Ueberzeugungstreue, ohne Festigkeit in der Religion und Sittlichkeit nicht zu erlangen ist. Der religiöse Jndifferentismus und gar der Unglaube entwurzelt in der menschlichen Seele allmälig den aufschießenden Stamm aller edleren Ideen und Empfindungen und läßt nichts als den kalten und nüchternen Egoismus zurück. — Alle diese Betrachtungen sind gewiß an richtiger Stelle für ein Fest, das vorzugsweise die Einkehr in sich selbst fordert und fördert. Wer mit der Erinnerung an das, was ihm die verflossene Zeit gebracht hat, an Freud' und Leid, an Gewinn und Verlust, die ihm widerfahren sind, den Blick emporhebt mit dem heißen Flehen um den Segen Gottes, um einen günstigen Verlauf seines Geschickes, um Schutz vor Gefahr und Bedrängniß, in dem steigt unwillkürlich auch die Frage auf, in wie weit cr sich des Segens und Schutzes würdig gemacht — oder nicht. In dem erhebt sich das Gefühl seiner Schwächen und Fehler, seines mangelhaften Strebens nach dem Guten und Reinen, und wie er auf die Schalen der Gerechtigkeit wenig Verdienstliches und Preiswürdiges und recht viel Mangelhaftes, ja Sündiges zu legen habe.. . Wohl, so möge diese heiligende Feststimmung zu uns Allen gekommen und durch die Pforten unseres Herzens in dessen innerste Kammern gedrungen sein! Möge es Euch, Ihr Eltern, gelungen sein, und namentlich durch Euer Vorbild, dieselbe in den Herzen Eurer Kinder hervorgerufen zu haben! Dies wird nicht blos ihnen, sondern auch Euch zum Heile gereichen. Möge der Segen Gottes in dem neuen Jahre walten über alle Hütten Juda's, so weit diese auf der Oberfläche dieser Erde errichtet sind; seien sie geschützt vor jedem Sturme, der ihre Pfosten erschüttere, ihre Bedachung zertrümmere; und wenn ein Unwetter über sie dahinzieht, mögen sie nicht getroffen werden, in ihnen Liebe und Eintracht weilen, und das Recht und die Ehre gewahrt werden vom Greise bis zu den Kindern! „Friede, Friede, den Fernen und den Nahen!" Deutschland. Berlin, 14. Sept. (Franks. Ztg.) Antisemiten in antisemitischer Belenchtung — dieses fesselnde Schauspiel, schreibt die „Volksztg.", verdanken wir Herrn C. H. Rittner zu Hattingen in Westfalen. Dieser Herr, der sich die Titel eines königlich sächsischen Lieutenants a. D. und eines kaiserlich deutschen Strafanstalts-Directors a. D. beigelegt, ist ein wahrer Landsknecht der Judenhetzpartei. Er war Redacteur der inzwischen aus Abonnentenmangel eingegangenen Dresdener „Deutschen Reform", dann der seitdem an derselben Krankheit verschiedenen Chemnitzer „Internationalen Monatsschrift zur