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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-09-21 · Heft 39 (21.9.1886) · p. Seite 620

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 39 (21.9.1886)
Date
1886-09-21
Page
Seite 620 (sequence 12)
Language
German
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620 keit nicht absprechen kann," sagte mein Freund, als ich zu sprechen aufgehört, „so fällt mir doch eine gewisse Unsicherheit auf, die in allen diesen Dingen vorhanden ist. Es werden Vorschriften gegeben und als theure Pflichten auferlegt, und doch werden wieder Ausnahmen zugestanden." — Sie haben Recht, mein'Freund, erwiderte ich, aber gerade hierin liegt die Freiheit des Menschen, die Selbstständigkeit seines Urtheils, die Uebung seines Gewissens. Die Lehre wird ihnen gegeben, die Verhältnisse drängen ihn, und nun ist er aufgefordert, selbst zu denken und zu urtheilen, selbst zu wählen und sich zu entschließen. Sie werden mir zugeben, daß dies ein Vorzug ist, höher zu schätzen als ganz Zweifel- und ausnahmslose Vorschriften und Moralsätze. Der Mensch ist bestimmt, nicht an Krücken zu gehen, sondern sich frei zu bewegen, seine Schritte selbst zu lenken, durch eigenes Nachdenken und Entschließen, und dadurch allein erringt er eine höhere sittliche Weihe und Würde. Ein Hofbankier. Unsere Leser wissen, daß wir emsig nach Charakterbildern aus unseren jüdischen Kreisen aus sind, nach Schilderungen von Persönlichkeiten, die neben besonderen Eigenthümlichkeiten sich im Leben als ehrenhaft, pflichttreu, von unermüdlichem Streben bewährt haben, sodaß sie, selbst wenn sie mit rein materiellen Interessen beschäftigt sind, dennoch einen gewissen idealen Zug pflegten. Wir suchen diese Charakterbilder in allen Kreisen des Lebens, bei Gelehrten und Ungelehrten, bei Reich und Arm, bei Vornehm und Gering. Hierin entfaltet das Leben die bunteste Mannigfaltigkeit, aber in jeder Nuunce liegt ein Stück echten Menschenthums. Ein solches Charakterbild entnehmen wir heute dem „Pester Lloyd". Im Berliner Opernhause, auf einem Logensitz des ersten Ranges, dichten der Bühne, neben dem Dienstplatz des geheimen Cabinetssecretärs ist während der Saison allabendlich ein alter Herr zu sehen, der eine der merkwürdigsten Charakterfiguren Berlins ist. Er ist eher klein als groß von Gestalt und sein etwas struppiger Bollbart ist eher grau als etwas Anderes, obgleich man ihm etliche seiner baren vier' undsiebenzig Lebensjahre gewiß nicht ansieht. Er ist mit einer gewissen Eleganz gekleidet. Die Unfehlbarkeit, mit der er jeden Abend seinen Sitz einnimmt, scheint auf ein besonders lebhaftes musikalisches Interesse hinzudeuten; Eingeweihte wollen freilich wissen, diese Pünktlichkeit sei eher eine Folge des berechtigten Stolzes, den er darüber empfindet, daß seine gesellschaftliche Stellung mit dem Genüsse eines so schönen Dienstplatzes in der königlichen Hofoper verbunden sei. Sicher ist, daß er daselbst den ganzen Abend schläft, bis zu dem Augenblick, wp die ersten Tacte der Balletmusik erklingen; diese haben die Zaubermacht, ihn sofort zu ermuntern und er ist dann, so lange getanzt wird, ganz und gar Auge, welches Organ er übrigens noch durch ein höchst leistungsfähiges Fernglas unterstützt. Dieser lebenslustige alte Herr ist eine der urwüchsigsten Persönlichkeiten der Spree-Residenz: derHofbankierCohn. Eigentlich muß man sagen: Moriz Freiherr v. Cohn Excellenz, denn er ist wirklich Baron und der Herzog von Koburg hat ihn thatsächlich zur Excellenz gemacht. Seine intimsten Freunde, welche an ihm eine gewisse Vorliebe für vollklingende Ehrentitel bemerkt haben mögen, tituliren ihn mitunter „Freiherr Baron v. Cohn, Edelmann aus Dessau," was gewiß ausführlich genug lautet. Von Zeit zu Zeit versichern sie ihn aber auch mit jenem Ernst, mit dem man stets den Scherz behandeln soll, sie hätten neuerdings Schritte gethan, um seine Erhebung in den Grafenstand zu bewirken, und da es unter seinen Intimen sehr hochgestellte Herren giebt, klingt selbst ein solcher Scherz gewissermaßen schmeichelhaft. „Graf Cohn," das ginge allerdings etwas weit, obgleich es in Frankreich sogar einen „Duc de Lövy" giebt, der übrigens nicht aus Palästina stammt, sondern einem allerchristlichsten Geschlecht des Faubourg Saint-Germain angehört. Selbst im demokratischen Italien giebt es nur einen Cavaliere Levi, welcher Professor der Kinderkrankheiten an der medicinischen Schule zu Florenz ist, aber keinen Baron Cohn, wie im conservativen Preußen. Auch die Orden, welche Baron Cohn besitzt, sind gar nicht gewöhnlicher Art. Er besitzt den Stern zum Rothen Adlerorden zweiter Classe, ferner baierische, dessauische, koburg'sche und badische Großkreuze, endlich, was das Ungewöhnlichste ist, das Commandeurkreuz des Hohenzollern'schen Hausordens, eine Auszeichnung, die ganz besonders kennzeichnend ist für die Gunst, in welcher der Hofbankier an allerhöchster Stelle steht. Welches Erstaunen schauerte durch Berlin, durch ganz Preußen, als Baron Cohn diesen Orden bekam, und zwar, was die Verleihung noch sensationeller machte, gleichzeitig mit Herrn v. Puttkamer, dem Vicepräsident des Ministeriums! Ja noch mehr, der Baron besitzt sogar einen Orden, der nur in einem einzigen Exemplare vorhanden ist. Selbst Heraldiker und Hofkalender- Capacitäten dürften das nicht sämmtlich wissen, und doch ist dieser Orden ein preußischer, oder vielmehr die uä hoc geschaffene Variante eines solchen. Als nämlich der (damals noch nicht baronisirte) Bankier vom König Friedrich Wilhelm IV. seinen ersten Orden erhalten sollte, hatte der Monarch das Zartgefühl, sich die Frage vorzulegen, ob sich das auf dem Ordenszeichen vorkommende christliche Kreuz auch mit dem unchristlichen Glaubensbekenntniß des szu^Dekorirenden vertragen würde. Er verneinte sich diese Frage, wußte aber auch sofort Rath und entwarf eigenhändig eine colorirte Zeichnung, welche jenes Ordenszeichen mit der königlichen Namens-

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