Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 39 (21.9.1886)
- Date
- 1886-09-21
- Page
- Seite 618 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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618 jährigen Geburtstag begehen. — Aus Debreczin wird uns geschrieben: Herr vr. Jos. Bürüny, Zögling der Landes- Rabbinerschule in Budapest, wurde den 5. d. M. zum Prediger der hiesigen israelitischen Gemeinde gewählt. — In Ferrara wurde Adolph Cavalieri mit einer Mehrheit von über 2000 Stimmen gegen seinen radikalen Mitcandidaten zum Deputirten gewählt. Es ist dies der siebente Israelit, der in der gegenwärtigen Session der Deputirtenkammer einen Sitz einnimmt. — Bei dem Absterben der Frau Baronin v. Rothschild wurden 120,000 Frcs. an die Armen der Stadt Paris durch die Wohlthätigkeitsbehörden aller Confessionen vertheilt. Die Summe von 600,000 Frcs. hinterließ sie dem von ihrem Manne gestifteten Werke für Miethzinsen, deren Berth-ilung dem israelitischen Wohlthätigkeitsverein obliegt. — Herr Oberrabbiner vr. Wolfs in Kopenhagen feierte sein sechzigjähriges Amtsjubiläum. — Herr vr. Ungerleider, Rabbiner der Gemeinde in Berlin, begeht am ersten Tage des Rosch-Hoschanah-Festes sein fünfundzwanzigjähriges Amtsjubiläum. Der verehrte Jubilar, der zuvor an andern Orten fungirte, wirkt in Berlin bereits seit fünfzehn Jahren. — Ieuille 1 on. Einige Fragen ans der Moral. Das Gespräch, das ich mit meinem jungen Freunde jüngst gehabt, zog einige andere über ähnliche Gegenstände nach sich. „Sie haben, sagte er zu mir, Ihren Confirmanden, zu denen ich glücklicher Weise auch gehörte, eine Vorschrift empfohlen: „Sprich, wie du denkst, aber nicht Alles, was du denkst, und handle wie du sprichst." Sie hatten damals keine Zeit, diesen Satz uns näher zu erörtern. Aber es will mich bedünken, daß er nicht ganz mit der Wahrheitsliebe und der Offenherzigkeit übereinstimmt, welche die Moral streng einschärft, und die auch Sie uns zur Pflicht gemacht haben." — Nun, erwiderte ich, wenn Sie Lust haben, sich in solche Erwägungen einzulassen, so finden Sie mich bereit, Rede und Antwort zu stehen. Es scheint mir, daß schon ganz objektive Gründe dagegen sich anführen lassen, Alles sagen zu sollen was man denkt. Geht es doch genau genommen nicht einmal gegen die Wahrheit im strengeren Sinne, sobald man nur spricht, wie man denkt, aber ist denn Alles wahr und richtig, was wir denken und wissen? Kommt uns nicht sehr oft, bisweilen recht bald die Ueberzeugung, daß wir uns geirrt, daß wir falsch gedacht und geurtheilt hatten? Läuft es also nicht gegen unsere Pflicht, bei unseren Nebenmenschen unrichtige, unwahre oder doch unreife Vorstellungen dadurch zu verbreiten, daß wir alle Meinungen aussprechen, die wir iijt Augenblicke hegen, noch dazu, da wir meist nicht die Gelegenheit haben, das von uns ausgesprochene Unrichtige zu widerrufen oder zu verbessern? Erwägen wir ferner, wie großen, oft niemals wieder auszugleichenden Schaden wir durch die Aeußerung alles Dessen, was wir eben meinen, anrichten können. Wir bemerken z. B. an einem Kinde oder einem jungen Menschen sehr viel Lobenswerthes und sind von seinen Geistesgaben entzückt. Wie j würden wir aber handeln, wenn wir alles dies ' aussprächen. Wir würden das Kind oder den jungen Mann stolz, eitel, eingebildet machen, sein Selbstvertrauen übermäßig erhöhen und so auf seine Erziehung und Ausbildung höchst nachtheilig einwirken. Begegnen wir Leuten mit solchen Untugenden, so pflegen wir nicht zu bedenken, wie viele Schuld daran die früheren Umgebungen derselben tragen, da sie sich allzuoft in Lobeserhebungen ergehen. Ja, selbst im geselligen Verkehr und im gewöhnlichen Leben würde es unsägliche Wirren Hervorbringen, wenn wir alles sagen wollten, was wir denken und urtheilen. Ich gehe vor einem Menschen vorüber, den ich zu mißachten Ursache habe. Er grüßt mich verbindlich; darf ich ihm erwidern: „Geh', Du bist ein Schurke!" Ich grüße kalt und gehe weiter. Würde es doch sonst zu einem öffentlichen Skandal führen. Noch ein Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung. Meine Frau war einst gefährlich erkrankt. Die Hoffnung sie zu erhalten war schwankend. Da starb ihre Schwester, an welcher sie mit großer Liebe hing. Hält' ich ihr diese Nachricht mitgetheilt, so wäre es so gut wie ein Todesstreich gewesen. Ich mußte sie ihr vorenthalten, und auch der Arzt, den ich befragte, gebot es mir aufs Strengste. Aber noch mehr. Die Kranke fragte mich wiederholt, ob keine Briefe von ihrer Schwester angelangt seien, und was diese enthielten? Meine Wahrheitsliebe war auf eine strenge Probe gestellt. So weit blieb ich der Wahrheit getreu, daß ich sagte, es seien keine Briefe angelangt. Aber ich stellte mich höchst erzürnt über diese Vernachlässigung, und daß ich darüber Vorwürfe hingeschrieben hätte. Ich mußte dies so natürlich gemacht haben, daß sie es glaubte und sich beruhigte. Es war dies neben der Sorge und dem Kümmerniß, die ich hatte, eine höchst peinliche Zeit für mich, denn ich mußte wochenlang diese Vorspiegelung fortsetzen, bis die Kranke so gut wie völlig genesen war und