Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 39 (21.9.1886)
- Date
- 1886-09-21
- Page
- Seite 615 (sequence 7)
- Language
- German
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615 ihn richteten. Er gehörte dem Parlament seit 1877 resp. 1878 an, was er dort geleistet, liegt im hellsten Lichte der Oeffentlichkeit. Neben diesen Thätigkeiten ging eine nicht minder bemerkenswerthe private einher. Ein Maschinen-Commissionsgeschäst, das er ein paar Jahre getrieben, hatte ihm die Lust erweckt, in diesem Fache schaffend thätig zu sein. Der Praktische Scharfblick Halske's, der sich schon einmal so glänzend bewährt, als er die Firma Siemens und Halske schuf, war ihm günstig, als er eine Nähmaschinenfabrik zu gründen beschloß. Eine eigene Reise nach Amerika sollte Löwe von den modernsten Errungenschaften dieser Industrie unterrichten. Er kam nach wenigen Wochen zurück, mit der Ueberzeugung, daß für jene Industrie die Zeit neuer Productionsstätten vorüber sei. Dagegen hatte er eine andere, Amerika in hohem Grade eigenthümliche gefunden, den Werkzeug-Maschinenbau, für den er in Deutschland eine große Zukunft erkannt. Wie sich, durch seinen Fleiß und seine Klugheit, diese Vorhersagung erfüllt hat, ist bekannt. Fast keine europäische Macht, die nicht für Herstellung der Präzisionswaffen Löwe's Rath und Hilfe in Anspruch genommen; in Preußen sind selbst die Spitzen der hierbei interessirten militärischen Behörden dem Manne, dessen ausgesprochene politische Stellung man sehr gut kannte, stets mit achtungsvollstem Vertrauen begegnet." — Löwe stand stets in der freundlichsten Verbindung mit allen seinen Arbeitern und übte die segensreichste Wohlthätigkeit aus. Seine Gattin hatte er vor 10 Jahren verloren und an seinem Grabe trauern ein Sohn und eine Tochter. — Ueber das Begräbniß verlautet Folgendes: Gestern Abend wurde die Leiche Ludwig Löwe's von dem Hause seines Bruders in der Bellevuestraße nach dem Fabrikgebäude in der Hollmannstraße gebracht, wo heute Nachmittag von den Arbeitern der Firma eine Todtenfeier veranstaltet werden wird. Morgen Abend erfolgt die Ueberführung der Leiche nach der neuen Synagoge in der Oranienburger Straße. Dort findet übermorgen um 9 Uhr früh ein Trauergottesdienst statt. Auf Ersuchen des Oberbürgermeisters v. Forckenbeck, der zu der Feier in der Synagoge die Einladungen ergehen läßt, hat die jüdische Gemeinde die Bestattung Ludwig Löwe's übernommen. (Eintrittskarten sind im Büreau der Stadtverordneten abzuholen.) Nach der Trauerfeier wird die Leiche von der Synagoge aus nach dem alten jüdischen Friedhofe an der Schönhauser Allee geleitet und in dem Erbbegräbniß der Familie Löwe beigesetzt. Ueber die letzten Lebensstunden des Entschlafenen gehen uns einige Mittheilungen zu: Völlig entkräftet traf Löwe hier ein, so daß sein Ableben stündlich erwartet werden mußte. Vorgestern stellte sich starkes Erbrechen ein, das ihn vollständig schwächte. In der Nacht zum Sonnabend gegen 2 Uhr verließ ihn das Bewußtsein und kehrte nicht wieder zurück. Wenige Minuten nach 9 Uhr Morgens schlief er ein. Wormditt, 8. Sept. (K. H. Z.). Dem ehemals ausgewiesenen jüdischen Prediger und Lehrer H. Faust in Wormditt war, nachdem der Kaiser und König die Ausweisung zurückgenommen, der Aufenthalt im preußischen Staate fernerhin gestattet worden. Derselbe wurde darauf im Mai d I. von der Synagogengemeinde Baldenburg in Westpreußen als Beamter gewählt und diese Wahl der königlichen Regierung zu Marienwerder zur Bestätigung unterbreitet, jedoch, wie die „Danz. Ztg." erfährt, von derselben abgewiesen und dem Faust jegliche Ausübung einer Funktion als Kultusbeamter bei Strafe untersagt. Faust und die Gemeinde wandten sich nun an den Kultusminister wie auch an den Minister des Innern um Ertheilung einer Genehmigung zur Ausübung der Funktion eines Kultusbeamten im preußischen Staate; es wurden jedoch beide Theile vom Ministerium abgewiesen und dem rc. Faust eröffnet, daß ihm die Genehmigung für eine inländische Synagogengemeinde niemals ertheilt werden könne, weil er noch als Ausländer betrachtet wird. So sitzt nun der p. Faust mit einer Frau und sechs kleinen Kindern schon 15 Monate ohne Einkommen. Die Ausweisung ist zwar durch die Gnade des Kaisers zurückgeuommen, aber durch die Behörden ist ihm jede Existenzmöglichkeit genommen, da er trotz aller seiner Bemühungen und Gesuche bis an die höchsten Spitzen der Behörden die Erlaubniß zur weiteren Ausübung seines Berufes nicht erhalten hat. Der P. Faust, der bereits 17 Jahre als Lehrer im Dienste des Staates gewirkt hat, ist in Folge dieser Nachwirkung seiner Ausweisung vollkonimen dem Untergange und Verderben preisgegeben. Oesterreich - Ungarn. Pest, 30. August. (Privatmitth.) Die ungarische Hauptstadt begeht den 2. k. M. die Feier der vor 200 Jahren stattgefundenen Wiedereroberung Ofens. Die Juden, welche die Stadt tapfer, tapferer als die Türken vertheidigt hatten, wurden unter die österreichischen und brandenburgischen Hauptleute vertheilt — davon schweigt man heute. Diese Revindicationsfeier bot Papst Leo erwünschte Gelegenheit, an die Erzbischöfe Ungarns eine Encyklika zu richten, von der wir, die jüdischen Bürger Ungarns, wenigstens Akt nehmen wollen. Bor Allem ermahnt Papst Leo die Seelsorger, diejenigen in die Kirche aufzunehmen, welche an Alter und Reife des Urtheils fähig sind, diese Aufnahme zu begehren. Dann donnert er, wie nicht anders zu erwarten steht, gegen die Civilehe und hebt besonders hervor, daß diejenigen katholischen Männer sich nicht nur um die Religion, sondern auch um das Vaterland wohl verdient gemacht, die — als vor zwei Jahren die gesetzgebende Versammlung des Königreichs Ungarn gebeten wurde, die Ehen der Christen mit Hebräern für giltig zu erklären, — diese Bitte mit Einhelligkeit und durch freie Entschließung zurückgewiesen haben. Papst