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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-09-21 · Heft 39 (21.9.1886) · p. Seite 614

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 39 (21.9.1886)
Date
1886-09-21
Page
Seite 614 (sequence 6)
Language
German
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614 Deutschland. Berlin, 8. Sept. (Privatmitth.). Der „Nordd. A. Z." trat in ihren Besprechungen über die bulgarischen Angelegenheiten auch das Organ Stöckers, der „Reichsbote", entgegen. Hierauf wandte sich jene gegen diesen und rief ihm das Wort zu: „Clericus taceat in foro!“ „Der Geistliche schweige auf dem Markte" d. h. in politischen Dingen. Die „Magdeb. Z." macht hierzu die Bemerkung, warum die „N. A. Z." diesen Spruch niemals dem Hofprediger Stöcker entgegengehalten habe, der sich doch Jahre lang mit politischer und socialer Wühlerei abgegeben und in Kneipen und andern Sälen zu Volksversammlungen in heftiger Weise und mit tendenziöser Leidenschaftlichkeit gesprochen. Es paßt aber den Leuten eine Wahrheit nur, wenn sie ihnen nützt. Beiläufig bemerkt, ist Stöcker noch nicht geheilt nach Berlin zurückgekehrt und muß sich seines Halsübels wegen noch einer zweiten Operation unterwerfen. — Der Abgeordnete Ludwig Löwe ist noch sehr bedenklich krank und wird, wenn nicht für immer, doch auf lange Zeit seiner parlamentarischen Thätigkeit entsagen müssen. Somit wird die Vertretung des Judenthums im Reichstage immer beschränkter. Lasker, Straßmann, Marburg sind todt, Ree, Max Hirsch, Stern und Sonnemann wurden nicht wieder gewählt. Es bleibt also nur Bamberger und neben ihm die drei Socialisten Singer, Kayser und Sabor, die sich aber längst für confessionslos erklärt haben. Die Klage, welche die Antisemiten über den Einfluß der Juden auf die Gesetzgebung des deutschen Reiches führen, ist hierdurch ganz und gar der Lächerlichkeit anheim gefallen. Neue jüdische Abgeordnete werden wohl lange auf sich warten lassen; denn die antisemitische Gesinnung ist bei den Deutschen» mit Ausnahme der Socialisten, so stark, daß sie einen Juden, der nicht etwa wie Bamberger und Ludwig Löwe seit langer Zeit sattelfest ist, schwerlich wählen werden. Berlin, 12. Sept. (Privatmitth.) Gestern um 8 Uhr Vormittags verschied Ludwig Löwe. Die Trauerkunde erregte in allen Kreisen der Stadt die lebhafteste und schmerzlichste Theilnahme. Die ausgezeichnete Thätigkeit dieses Mannes als Vorsteher der jüdischen Gemeinde, als Stadtverordneter, als Mitglied des preußischen Landtages und des Reichstages macht den Verlust desselben für alle diese Instanzen sehr fühlbar. Dabei war er ein sehr tüchtiger Industrieller von einem sehr ausgedehnten Geschäftskreise; ein wohlwollender und in jeder Beziehung ehrenhafter Charakter- Für uns Juden hinterläßt er in den beiden Parlamenten eine sehr empfindliche Lücke. Denn im Reichstage haben wir nur noch Ludwig Bamberger, im preußischen Landtage Niemanden. Löwe war in jeder Beziehung ein Selfmademan. Geboren am 27. November 1837 zu Heiligenstadt besuchte er mehrere Jahre das Gymnasium, widmete sich jedoch dem Kaufmannsstande und kam so als junger Mann nach Berlin. Ueber seinen Entwickelungsgang entnehmen wir der Frkf. Z.: „Ein Zufall hatte ihm die Bekanntschaft mit Lassalle vermittelt, der damals, in den Jahren vor seiner socialistischen Agitation, einen höchst anregenden Zirkel bedeutender Menschen um sich sammelte. Hier zugelassen zu sein, hier, wenn auch nur hörend, theilzunehmen an den geistigen Kämpfen, die von Lassalle's unvergleichlicher dialektischer Kraft geleitet wurden, das war eine Schule für einen aufstrebenden Geist, wie sie nie besser sich finden konnte. Löwe hat später, nachdem schon Jahre vorher die Wege sich getrennt, nach Lassalle's Tod seinen Erinnerungen an diesen einen dankbaren Ausdruck gegeben in einem Artikel, der, in einem Berliner Blatt veröffentlicht, wegen der Namensunterschrift den wunderlichen Jrrthum erregte, Löwe-Calbe sei nachträglich zum Verehrer Lassalle's geworden. Eine andere schriftstellerische Arbeit ist aus jener Zeit zu erwähnen. Ein Sommeraufenthalt in Husum, wo er sich des näheren Umganges mit Th. Stern erfreute, hatte seine Aufmerksamkeit auf die altehrwürdigen Gemeindeorganisationen gelenkt, die an Schleswigs Westküste noch bestanden. Er versuchte sie darzustellen, historisch zu begründen und zu kritisiren — eine bezeichnende Erholung für einen jungen Mann, der den Tag über vollauf mit der Arbeit, die ihm sein kleines Wollenwaaren-Commissionsgeschäft auferlegte, beschäftigt war. Die Bezirksvereine, die sich damals, in der Confliktszeit, zur Stütze der liberalen Parteien überall in Berlin bildeten, gaben ihm Anlaß, mit seinen Mitbürgern bekannt zu werden. Der Altkölnische Bezirksverein wurde unter Löwe's thätigster Mithilfe ein Muster an strammer Organisation und Rührigkeit. Löwe verstand es, die richtigen Männer an den richtigen Platz zu stellen und diese wieder freuten sich eines Führers, der die Dinge handlich anzusassen verstand und in Berathungen die leitenden Punkte schnell herauszufinden wußte. Mit 27 Jahren schickte man ihn in die Stadtverordneten-Versammlung, er bildete dort seine Rednergabe zu hoher Gewandtheit, machte sich rasch vertraut selbst mit den umfangreichsten Fächern der Verwaltung und wuchs bald zum Führer in einer großen Partei heran. Er leitete; bte Generalversammlungen der Wahlmänner im 2. Berliner Bezirke mit vollendeter Gewandtheit, stets wiedergewählt, obwohl man wußte, daß er zur Minorität gehörte und treu zu dem alten Vertreter, Johann Jacoby, hielt. So war es natürlich, daß endlich der Wähler Augen sich auch auf

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